Die Rubrik Seeraum ist in dieser Form im Juli 2003 zum ersten Mal erschienen, es gibt sie also seit 15 Jahren – mit jeweils einem Monatsthema, mit redaktioneller Kontinuität und Unabhängigkeit. Deshalb enthält die neuste Ausgabe auch einige Rückblicke auf ältere, in denen Themen behandelt wurden, die auch heute noch aktuell sind.

Im Sommer geht man nicht nur im See baden (siehe Seeraum im Juni), in den Städten hält man sich gerne auf Plätzen und in Parks auf, und man steigt auch auf Berge – und wenn es ganz heiß ist, flüchtet man in schattige Täler und Schluchten, über die schöne Brücken gebaut werden. Das sind alles Orte, die architektonisch gestaltet werden können, und sie sind für Einheimische wie auch für Touristen interessant.

Lang und hoch gebaut

Am Seeufer gibt es nicht nur Bade-Bauten, sondern auch Stege, von denen man ins Wasser oder auf Schiffe steigen kann. Den längsten am See hat seit 2010 Altnau am Thurgauer Obersee. Der 270 Meter lange Anlegesteg mit dem verglasten Wartehäuschen am Ende ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie man mit Beton, Holz und Stahl ein solches Bauwerk ansprechend gestalten kann.

Auf den Bergen rund um den See gibt es Aussichtstürme, die dort sinnvoll sind, wo die Höhen bewaldet sind, weil man dann von oben über die Bäume hinwegschauen kann. Deshalb kann man auf dem Gehrenberg seit 115 Jahren auf einen schönen alten Stahlturm steigen, der heute zu den wenigen erhaltenen seiner Art gehört. Und auf dem Schweizer Seerücken – etwa 25 Kilometer südwestlich (Luftlinie) – steht seit Mai 2017 bei dem Dorf Wäldi der „Napoleonturm“, der schön den heutigen Stand der Holzbaukunst zeigt: quadratisch, mit einem etwas auskragenden Dach und den Holzlamellen als Gestaltungselement – innen senkrecht, außen waagerecht.

www.napoleonturm.ch

Treppen für Menschen und Katzen

Auf den eher felsigen Bergen der Voralpen gibt es oft Gipfelfelsen, die schwierig zu besteigen sind, aber es ist leicht, sie mit einer Leiter oder Treppe für die Nicht-Kletterer zugänglich zu machen. So wurde auf den Pizalun, den Hausberg von Bad Ragaz (der Leserschaft bekannt durch die Brücke über die Tamina-Schlucht, August 2017), eine Metallleiter und eine Aussichtsplattform gebaut. Auch das ist eine Bauaufgabe, bei der gut geplant und gebaut werden muss, damit da auch weniger schwindelfreie Wanderer sicher hinaufkommen.

Im Rahmen der Ausflüge in Randgebiete der Architektur hatten wir im März 2014 das Thema Katzentreppen (oder Katzenleitern). Dazu findet man immer wieder herausragende Konstruktionen wie bei dieser Katzentreppen-Trilogie in Hüntwangen im Klettgau: die klassische gerade Treppe und zwei solide gebaute Wendeltreppen. Für den Herbst wurde jetzt ein Buch angekündigt, das am Beispiel der Stadt Bern die Vielfalt der Formen dieser handwerklichen Bauaufgabe zeigt.

Für die Seele gebaut und angelegt

Über Zusammenhänge zwischen Bergen und Religion ist schon viel geschrieben worden, und es ist vielleicht kein Zufall, dass auf Bergen mehr Kreuze und Kapellen stehen als in Flusstälern. Nicht jeder Bauherr in den Bergen kann sich einen Mario Botta leisten (wie im Tessin am Monte Tamaro), aber in Vorarlberg gibt es ja vor Ort genug gute Architekten. In den Bergen ist gute Architektur meistens minimalistisch, auf einfache, archaische Formen reduziert – sie muss ja nur auf die Landschaft „antworten“. Im Bregenzerwald wurde im Sommer 2007 auf der Alp mit dem schönen Namen Vordere Niedere (ca. 1590 m) bei Andelsbuch eine Kapelle gebaut, die genau das ist: die einfachste Form eines Hauses, mit einer Türe in der Mitte, der Wand an der Bergseite und einem schmalen Fensterband um die Talseite (Seeraum Juli 2010).

Wer im Juli in einer Bodensee-Stadt lebt, die nicht am See liegt, und nicht Urlaub hat, kann sich glücklich schätzen, wenn die Stadt wenigstens einen Stadtpark hat, der über eine hohe Aufenthaltsqualität verfügt. Die Hegau-Metropole Singen profitiert heute noch von der Landesgartenschau im Jahr 2000, die auf beiden Seiten der Aach Parkanlagen hinterlassen hat, an denen man schön „die Seele baumeln lassen“ kann. In anderen Städten der Region wurden bestehende Parks auch ohne einen solchen Anlass neu gestaltet und dadurch viel attraktiver für die Bevölkerung und auswärtige Besucher gemacht:

In Frauenfeld wurde zuerst der alte Botanische Garten modernisiert und ein paar Jahre später der Murgauen-Park neu angelegt – beide wurden in den Jahren darauf mit Preisen für Landschaftsarchitektur ausgezeichnet.

In Weingarten, der etwas kleineren Nachbarstadt von Ravensburg, wurde in den Jahren 2003/2004 der etwa zwei Hektar große Stadtgarten großzügig „entrümpelt“ und durch kleine Baumaßnahmen viel attraktiver gemacht: Für das Café wurde ein Gebäude mit weit auskragendem Dach gebaut, unter dem auch ein kleines Orchester Platz hat, am südlichen Rand wurde ein Kanal mit einem Wasserrad angelegt, und die Tiefgarage bekam ein Dach, das ansteigt wie eine halboffene Sardinendose und sich im Winter als Schlittenhang anbietet und im Sommer als Liegewiese (Seeraum Juli 2005).

Text & Fotos: Patrick Brauns