D/A/CH – Bodensee/Oberschwaben | Der Frühling liegt in der Luft. Und schon kribbelt es in den Beinen. Erinnerungen an das gute Gefühl auf zwei Rädern bahnen sich ihren Weg aus dem Winterschlaf. Das Fahrrad muss aus dem Keller. Weil: Radfahren ist schön und macht glücklich.

Zugegeben, nicht immer sofort. Morgens brauche ich eine Weile, bevor ich im Sattel richtig wach werde. Die ersten Meter sind schon mal ganz schön quälend. Aber kurze Zeit später, wenn auch der Puls langsam Fahrt aufnimmt und die Beine ihren Rhythmus gefunden haben, ist das vergessen. Dann fahre ich leicht. Trete beflügelt in die Pedale. Mit einem Lachen im Gesicht. Spüre ein tiefes Glücksgefühl. Es sind Momente der Vollkommenheit. Beim sanften Dahinrollen oder Fest-in-die-Pedale-Treten. Warum das so ist? Dass Radfahren glücklich macht, ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Aber die Wissenschaft ist es nicht allein. Das Radeln hat einfach viele Vorteile. Ich bin draußen. Bei jedem Wetter. Ich kann mich auspowern und komme dabei schnell voran. Die Überwindung, mich morgens in den Sattel zu schwingen, statt hinters Lenkrad, ist der erste Sieg des Tages. Das macht zufrieden. Und ich komme frisch und gut gelaunt bei der Arbeit an. Es geht mir gut, wenn ich vom Rad steige. Direkt bei der Arbeit stelle ich mein Fahrrad ab, verschließe es und freue mich, weil ich ein weiteres Mal Zeit spare: Am Morgenstau bin ich eben locker vorbeigefahren und jetzt, Parkplatzsuche? Fehlanzeige. Kostenlos steht es den ganzen Tag da und wartet auf mich.

Eine Flut an Endorphinen

Auch medizinische Gründe sprechen für das Radfahren. Ein Blick in den Spiegel zeigt mir mein verschwitztes Gesicht und eine gesunde Hautfarbe. Wissenschaftler sagen, dass die gleichmäßige körperliche Belastung beim Radfahren die Produktion und Freisetzung von Hormonen und Botenstoffen ankurbelt. Auf einer Flutwelle an Endorphinen beginnt das Glück zu strömen. Wer lange und ausdauernd fährt, kommt in den Genuss einer Serotoninausschüttung, zuständig für bessere Stimmung und sogar die Steigerung des Sexualhormonstoffwechsels ist mittlerweile nachgewiesen. Und als wäre das noch nicht genug, betonen Ärzte darüber hinaus immer wieder, dass Radfahren eine der gesündesten Sportarten überhaupt sei. Wer drei bis vier Mal die Woche Rad fährt, senkt das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, weil das Herz gleichmäßiger pumpt und die Lunge mit bis zu doppelt so viel Sauerstoff versorgt wird wie im Ruhezustand. Auch das Gehirn wird besser versorgt. Die Gedanken fließen und so manch gute Idee kommt mir beim Fahrradfahren. Und auf der Heimfahrt gewinne ich beim Treten Abstand zur Arbeit. Komme gelöst und entspannt im Feierabend an.

Und wer hat es erfunden?

Wer ist verantwortlich für so viel Glück? Das Fahrrad – genauer gesagt die Laufmaschine von Karl Baron von Drais – feiert in diesem Jahr 200. Geburtstag. Unabhängig von ihm bauten noch andere Erfinder Tretkurbelräder. 1870 entwickelt James Starley das erste Hochrad. 80 Jahre später revolutionierte Hermann Klaue aus Überlingen durch die zukunftsweisende Erfindung der Scheibenbremse, die er 1950 zum Patent anmeldete, den Fahrradbau. Klaue galt als Pionier unter den Tüftlern in der Fahrradentwicklung – die man fast schon als Evolution bezeichnen kann. Und Fahrradpioniere hat der Bodensee noch mehr zu bieten: Der Ingenieur Ernst Sachs, der Großvater von Playboy Gunter Sachs, war gebürtiger Konstanzer. Und er war ein großartiger Erfinder. 1894 meldete er sein erstes Fahrradnaben-Patent an. Später gelangen ihm zahlreiche entscheidende Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Fahrradnaben und der Wälzlager. Ernst Sachs gilt unter anderem als der Erfinder der Freilaufnabe mit Rücktrittbremse am Fahrrad. Allein mit dieser Entwicklung hatte Sachs seinem Unternehmen jahrzehntelang einen Verkaufsschlager geliefert.

Radlerglück auf den schönsten Radwegen – vielleicht der Welt

In den Momenten, in denen das Glück durch Körper und Kopf strömt, denke ich aber nicht an den Baron oder an Klaue. Auch nicht an Sachs. Nicht mal an Endorphine. Eher daran, dass ich in einem Fahrradparadies lebe: Denn rund um den Bodensee, in Oberschwaben und bis hinein oder hinauf ins Allgäu macht das Radfahren besonders glücklich. Neben der Umrundung des Bodensees auf dem sehr gut beschilderten Bodensee-Radweg (er gilt als Europas beliebtester Radweg und führt rund um das „Schwäbische Meer“ auf 270 Kilometern durch drei Länder – meist rollt man in direkter Ufernähe von einer Attraktion zur nächsten) gibt es den Donau-Bodensee-Radweg. Er feiert in diesem Jahr 40. Geburtstag und ist eine wunderbare Kombination aus Stadt und Landschaft. Ein besonderes Naturerlebnis. Er startet im sehenswerten Ulm an der Donau und schafft in vier abwechslungsreichen Etappen auf 153 schönen Kilometern und über sanfte 984 Höhenmeter die Verbindung vom Donauradweg zum Bodensee-Radweg. Und auch der Oberschwaben-Allgäu-Radweg sorgt für absolutes Radlerglück. Alles wofür Oberschwaben und das Württembergische Allgäu bekannt sind, kann man bei diesem Rundweg erleben. Auf acht Etappen führt er vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten, durch die einzigartige Oberschwäbische Bäderlandschaft und durch die faszinierenden Moore und Naturreservate. Sowohl Oberschwaben-Allgäu-Radweg als auch Donau-Bodensee-Radweg sind mit vier ADFC-Sternen offizielle ADFC-Qualitätsradrouten. Sie bieten an Aussicht und Natur, an Anspruch und Erholung beinahe alles, was das Radlerherz begehrt. Gefühlt sind es vielleicht die schönsten Radwege der Welt.

Radfahren mit allen Sinnen

Direkt am Bodensee und durch sein romantisches Hinterland mit Blick in die Berge, über Feldwege und Waldpfade ist das Radfahren für mich der Inbegriff von Freiheit. Ich kann den Horizont immer noch ein Stückchen weiter versetzen. Bin viel schneller als zu Fuß, und doch bin ich mittendrin in der Welt und nicht drin in einem Auto. Ich nehme meine Umwelt mit allen Sinnen wahr. Bin Teil von ihr. Rieche den Frühling. Und bald den Sommer. Spüre den Wind im Gesicht. Die Wärme in den Beinen. Wo immer es schön ist, kann ich anhalten. Dem Rauschen eines Flusses oder dem Gebimmel von Kuhglocken lauschen. Mich auf einen Brunnenrand setzen und ein Eis essen. Am See einen Cappuccino genießen. Durch das simple Treten zweier Pedale mitten in der Komplexität unserer modernen Gesellschaft und des ach so schnellen Alltags kann ich ein kleines bisschen von der Einfachheit zurückerobern, die das Leben so schön macht. Das macht einfach nur Spaß! Viele Menschen wissen das. Sie lassen das Auto stehen und steigen um aufs Rad.

Zweitwagen oder doch lieber Fahrrad?

Dass es heute eine nahezu unbegrenzte Auswahl an Fahrrädern gibt, zeigt einmal mehr, wie wichtig das Thema Fahrradfahren ist. Ob E-Mountainbikes für elektrifizierende Abenteuer in den Alpen, Gravel Bikes für flotte Rennradtouren auch auf unbefestigten Wegen oder moderne Lastenräder, die in immer mehr Familien zum zeitgemäßen Zweitwagenersatz geworden sind – der Fahrradkauf ist so spannend wie noch nie. Zumal auch Bund, Länder und Kommunen in Deutschland den Radverkehr voranbringen wollen und dafür unterschiedliche Förderprogramme auspacken. Beispielsweise das sogenannte Dienstwagenprivileg, das vom Gesetzgeber schon 2012 auch auf Fahrräder ausgeweitet wurde.

Das Laufrad ist der ideale Einstieg für Kinder

200 Jahre nachdem Karl Drais im Juni 1817 mit seiner Laufmaschine den Startschuss für einen flächendeckenden Individualverkehr gab, hat das Prinzip des Laufrades noch immer oder wieder Hochkonjunktur. Die Nutzergruppe ist aber deutlich jünger geworden. Für Kinder ist die Fahrt mit dem Laufrad der Beginn der selbständigen Mobilität. Anfänglich hat sich Drais’ Erfindung wirtschaftlich kaum durchgesetzt. Da die ungeübten, meist männlichen Radeinsteiger in diverse Unfälle verwickelt waren, wurden die Laufmaschinen schnell verboten und galten auch für Kinder als ungeeignet. Heute ist bekannt, dass gerade das frühe Erlernen der Balance später für die nötige Sicherheit sorgt. Radfahren ist nämlich weit mehr als das schnelle Vorankommen auf zwei Rädern. Es trainiert das Gehirn und die Koordination in Form des Zusammenspiels von Augen, Gleichgewichtssinn, Armen und Beinen. Die Basis für diese koordinativen Fähigkeiten eines jeden Menschen wird in sehr jungen Jahren, genauer gesagt zwischen circa einem und 14 Jahren, gelegt. Kinder lernen das Fahrradfahren deshalb fast wie von allein – wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen.

Gute Gründe für das Radfahren …

… gibt es so viele wie Bodenseekiesel. Radfahren ist eine absolute Win-Win-Situation: Spaß, Bewegung, Unabhängigkeit, Fitness und dabei auch noch schonend für die Umwelt. Schlechte Stimmung wird einfach weggeradelt. Ärger vergessen. Sauerstoff, Kraft und gute Laune getankt. Die Immunabwehr gestärkt. Jetzt ist aber genug geschrieben – und gelesen. Rauf aufs Fahrrad und raus in die Natur und in eine schöne Fahrradsaison im Jubiläumsjahr.

Rund ums Fahrradfahren

Weinfelder Tag, 27.05. und Säntis Classic, 28.05. | www.saentis-classic.ch

Eurobike, Messe Friedrichshafen, 30.08.-02.09. | www.eurobike-show.de

44. Bodenseeradmarathon, 09.09. | www.bodensee-radmarathon.ch

Bergrennstrecke für Zeitfahrer im Deggenhausertal zum Höchsten | www.bodenseetouren.de

Jubiläum – Der Donau-Bodensee-Radweg feiert sein 40-jähriges Bestehen. Im Jubiläumsjahr wird das sportliche Erlebnis mit den kulinarischen Highlights der Region kombiniert | www.oberschwaben-tourismus.de

Neue Übersichtskarte „Auf zwei Rädern durch die Vierländerregion Bodensee“ zeigt 13 Tourenvorschläge. Über einen QR-Code kann die genaue Streckenführung aufs Handy geholt werden – mit Streckenlänge, Dauer, Höhenmetern und Schwierigkeitsstufe. Auf www.bodensee.eu und www.oberschwaben-tourismus.de kostenfrei bestellen.

Bodensee-Radweg-Apps: www.wanderrad.de, www.bodensee-radurlaub.de – hier findet man auch Ladestationen für E-Biker – damit unterwegs der Akku nicht schlapp macht.