Je größer die Zahl bei einem Jubiläum ist, desto schwieriger die Aufgabe, das Thema auf die Zahl zu beziehen. Bei 30 würde es schon den Rahmen sprengen, 30 beispielhafte Bauten aus den letzten 30 Jahren vorzustellen, so viel Platz kann diese Rubrik nicht beanspruchen. Deshalb gibt es diesen Monat ein paar Beispiele, die auf die eine oder andere Weise mit der 30 zu tun haben.

Dreißig Meter, Jahre u. a.

Die Zahl 30 kann auch bei Bauten viel oder wenig sein: Ein 30 Meter hoher Aussichtsturm ist guter Durschschnitt, das ist gerade die Höhe, mit der man bei mitteleuropäischen Wäldern über die Bäume hinwegschauen kann – das Thema hatten wir aber im Oktober schon mit dem Napoleon-Turm.

Ein 30 Meter hohes Hochhaus ist eher klein, wobei es sehr auf den Standort ankommt: In einer Kleinstadt kann ein 10-stöckiger Wohnblock schon eine Landmarke sein – in Zürich oder gar Frankfurt wäre es halt ein etwas höheres Haus. Dabei ist kaum bekannt, dass es rechtlich einen Unterschied macht, ob das kleine Hochhaus in der Schweiz oder in Deutschland steht: In der Schweiz ist 30 Meter die Grenze, ab der besondere Brandschutznormen gelten – nördlich von Rhein und Bodensee reicht es nach den Landesbauordnungen schon, wenn der Boden eines Stockwerks höher als 22 Meter ist, um es als Hochhaus zu klassifizieren, da die üblichen Feuerwehrleitern nur 23 Meter lang sind. Bei den Kirchtürmen ist eine Höhe von 30 Metern eher unter dem Durchschnitt, aber auch hier hängt es davon ab, wo die Kirche steht: Für eine Dorf- oder Stadtteilkirche ist es hoch genug, bei den Stadtkirchen sind die Türme traditionell meistens etwa doppelt so hoch, und wenn im Mittelalter das Bürgertum einer Stadt ein deutliches Zeichen setzen wollten, sind sie in die Größenordnung von 3 x 30 Metern gegangen. Der höchste Kirchturm am Bodensee ist der des Radolfzeller Münsters mit 82 Metern – damit ist es gut 30 Meter höher als der zum „aquaTurm“ umgebaute Wasserturm.

30 Jahre Bauen am See

Die letzten drei Jahrzehnte sind in der neueren Architektur schon eine lange Zeit, in der stilistisch viel passiert ist. Das gilt ebenso für die 30 Jahre davor, in denen sich die Architektur von der Leichtigkeit der 50er-Jahre zu den „Beton-Burgen“ der 60er und 70er entwickelt hat. Die 80er-Jahre waren dann die Blütezeit der Postmoderne, die uns Wohnbauten und Einkaufszentren mit Erkern und Türmchen hinterlassen hat, wie hier bei dem Wohn- und Geschäftshaus am Konstanzer Fischmarkt. Das hat man damals schön gefunden – heute sind es die Geschmacksverirrungen einer vergangenen Zeit.

Einige Bauten der 80er-Jahre am Bodensee und im Umland sind aber heute noch mehr als nur einen Blick wert, sie lohnen einen Umweg oder auch einen Ausflug – eine kleine Auswahl:

Ein „Best of“ aus 30 Jahren

Das Kunsthaus Bregenz 3 hat dieses Jahr (erst) sein 20-jähriges Jubiläum gefeiert, aber mit der siebenjährigen Bauzeit und der Entwicklung des Projekts sind es auch schon 30 Jahre. Seit seiner Eröffnung ist es der „Leuchtturm“ der zeitgenössischen Architektur in Vorarlberg und am Bodensee und das Ziel von Architekturtouristen aus der ganzen Welt. Peter Zumthor hat sich unter anderem mit diesem Bau den Pritzker-Preis verdient, der als eine Art Architektur-Nobelpreis gilt. Bis Anfang Januar 2018 wird er dort mit der sehr persönlichen Ausstellung „Dear to me“ geehrt. Das Kunsthaus ist durch die Fassade mit den matten Glasplatten auch gut vom See her zu sehen. Mit seiner Höhe von etwa 20 Metern überragt es das Landestheater nur wenig, seine Gesamthöhe mit den beiden Untergeschossen (Museumspädagogik, Archiv und Technik) beträgt aber auch etwa 30 Meter.

www.kunsthaus-bregenz.at

Das Kunsthaus ist für Bregenz fast so ein Markenzeichen geworden wie der Löwe für Lindau, die Imperia für Konstanz (mit dem Konzil-Gebäude) – und der Moleturm für Friedrichshafen. Aus der Ferne, wenn man sich mit dem Katamaran oder der Fähre der Stadt nähert, sind die Türme der Schlosskirche markanter, aber am Hafen wird man vom 2000 erbauten Moleturm empfangen. Die leichte Stahlkonstruktion ist zwar unscheinbar, aber der Turm hat neben dieser symbolischen Funktion auch eine praktische: An schönen Tagen wird er von Hunderten von Touristen bestiegen, aber auch Einheimische nutzen oft die Gelegenheit, von seiner Plattform aus über den Hafen, den See und die Dächer der Stadt zu schauen, wofür die Höhe von 22,50 Metern schon ausreichend ist.

Die Grundlregeln des ökologischen, energiesparenden Bauens sind eigentlich seit Jahrhunderten bekannt: Orientierung zur Sonne, Isolierung, dicke Mauern als Energiespeicher und Ähnliches. Systematisch angewendet wurden sie aber auch am Bodensee erst im Anschluss an die Energiekrise der 70er-Jahre, zuerst von den Vorarlbergern, die dabei an ihre Holzbau-Tradition anknüpfen konnten. Die größte energiesparend gebaute Siedlung am Bodensee wurde dann in den 90er-Jahren in Friedrichshafen gebaut: die Solarsiedlung Wiggenhausen (1997), an der mehrere bekannte Architekturbüros beteiligt waren, z. B. Jauss + Gaupp, Fritz Hack u. a.

Kirchen gehören zu den touristischen Attraktionen des Bodenseelandes, von den romanischen auf der Reichenau bis zu den historistischen und Jugendstilkirchen vor der Moderne. In den letzten 30 Jahren wurden kaum mehr neue gebaut, aber viele wurden renoviert oder für geänderte Gewohnheiten und Bedürfnisse umgebaut. Zu den wenigen Neubauten gehören gerade die Kirchen und Kapellen, die sich an ein Publikum richten, das normalerweise im Alltag kaum in Kirchen geht. In unserer Region sind es die beiden Autobahnkapellen, die an den Reiserouten von Nordwesten und Nordosten gerade da stehen, wo man im wörtlichen Sinn über den Berg ist: die sehr kubische Emmaus-Kapelle (2005) bei der Raststätte im Hegau bei Engen an der Autobahn von Stuttgart – und die runde, auf einem Drumlin stehende Gallus-Kapelle (2000) bei Leutkirch an der Autobahn von München her.

Und die schlimmsten …

Die echten Bausünden verschweigt man gerne, aber in manchen Städten werden sie auch mit „Zitronen“ oder anderen Negativpreisen ausgezeichnet. Erinnern wollen wir hier aber auch an die Bauten und Großprojekte, die der Region erspart geblieben sind – im doppelten Sinn, weil sie in einigen Fällen die Städte noch mehr verschuldet hätten, als diese durch die von der neoliberalen Ideologie inspirierten „Sparpolitik“ sowieso schon sind.

Straßen und Brücken

Das Thema Straßenbau, speziell der Bau von Autobahnen und Schnellstraßen ist seit den 60er-Jahren ein Dauerthema, und es hat noch eine längere Vorgeschichte. Schon in den 30er-Jahren gab es den Plan, eine „Reichsautobahn“ von Stuttgart aus Richtung See zu bauen, durch das nördliche Hinterland am See entlang und dann Richtung München – aus bekannten Gründen ist nichts daraus geworden. In der Nachkriegszeit wurde angefangen, grenzüberschreitend zu planen, stellenweise aber auch aneinander vorbei geplant, z. B. im Raum Singen – Schaffhausen. Die Bodensee-Autobahn ist auf Karten aus den frühen 70er-Jahren eingezeichnet, jetzt aber ab Lindau mit einer Weiterführung an Bregenz vorbei nach Feldkirch. Warum es bis heute keine Autobahn zwischen Stockach und Lindau gibt, kann man schön im „Bodensee-Leitbild“ (2008) nachlesen. Da steht im Kapitel Verkehr, die Region soll mit Straßen und Schienen in alle Richtungen erschlossen und verbunden werden – und im Kapitel Natur und Umwelt, die Landschaft soll vor großen Eingriffen bewahrt bleiben.

Man kann eben nicht den Fünfer und das Weckle haben, wie die Schweizer sagen. Heute wird die A98 östlich von Stockach erst dreispurig, dann zweispurig.

Für die Fähre Konstanz – Meersburg wird seit vielen Jahren mit dem Slogan „die schwimmende Brücke“ geworben. Vor etwa 40 Jahren gab es das Projekt, die Fähre durch eine reale Bodensee-Brücke zu ersetzen, die eine hängende Brücke sein sollte. Das Projekt wurde 1964 zum ersten Mal ins Gespräch gebracht, von einflussreichen Persönlichkeiten und Institutionen (z. B. Dr. Josef Hund, der Hauptgeschäftsführer der IHK Konstanz) propagiert und erst 1982 endgültig versenkt. Eine Modellzeichnung von 1968 zeigt sie als Deckbrücke mit etwa 20 Pfeilern, die etwa 170 Millionen DM kosten sollte.

(Symbolbild: Pont de Ré)

Ein anderes Projekt war die Version einer Hängebrücke von der Größe der Golden Gate-Bridge. Weil es direkt bei der Fähre von der Landschaft her schwierig gewesen wäre, wurde die Brücke zwischen Litzelstetten und Unteruhldingen geplant. In den 80er-Jahren wurde das Landschaftsbild dann doch höher gewertet, daraufhin wurden die Fähren vergrößert und modernisiert – auch vom Design her mit dem großen symbolischen Bogen bei der „Tàbor“ und der „Lodi“.

Wohnungen für Touristen

In den letzten 30 Jahren ist die be- oder zersiedelte Fläche viel stärker gestiegen als die Bevölkerung, die durch den Wanderungsgewinn nach wie vor steigt. Die überproportionale Zunahme liegt nicht nur an den immer größeren Flächenansprüchen der Bewohner, die auch die öffentlichen Haushalte belasten, sondern auch an der Attraktivität des Sees bei denen, die sich hier eine Zweitwohnung (oder -villa) leisten. Nun könnte man mit einem gewissen Recht sagen, 500 Wohnungen in einer großen Anlage belasten die Umwelt und Landschaft weniger als eine Siedlung mit 500 Ferienhäuschen. Aber bei den Großprojekten, die von den 70er-Jahren bis fast in die Gegenwart geplant waren, würde wohl kaum jemand sagen: „Schade, dass es nicht gebaut wurde – das hätte so gut an den See gepasst.“

Drei Beispiele aus den letzten Jahrzehnten:

  • Wo heute in Konstanz am Seeuferweg zum Strandbad Hörnle – halb im Wald versteckt – die Schmieder Klinik steht (seit 1992), war Mitte der 70er-Jahre eine große Wohnanlage mit eigenem Yachthafen geplant, die buchstäblich alles in den Schatten gestellt hätte: Ein fast ringförmiger Bau mit ein paar hundert Ferienwohnungen sollte hier entstehen, zum See hin offen und nach hinten bis zu einer Höhe von 20 Stockwerken ansteigend, davor im See der Hafen für entsprechend viele Boote.

  • Ähnliche Dimensionen sollte Jahre später auch das Projekt mit dem reizvollen Namen „Goldene Schale“ haben, das im Frühjahr 2005 durch die Medien ging: ein paar hundert Wohnungen mit Bootsliegeplätzen – in der Flachwasserzone vor dem Freizeitgelände Klein-Venedig.

  • Noch eine Nummer größer wäre die „Swiss Marina“ in Rorschach geworden, die 2001/2002 auf dem Bahnhof-Areal geplant war, wo seit 2013 das Forum Würth steht: zwei Hochhäuser mit jeweils über 30 Stockwerken und kleineren Gebäuden, die ein Kongresszentrum mit Hotel, Spielcasino, Einkaufszentrum, Sportstadion und einem Bootshafen umfassen sollten, mit einer Investitionssumme von 1,8 Milliarden Franken – im Mai 2002 haben es die Londoner Investoren aufgegeben, nachdem ihnen die Unterstützung durch die St. Galler Regierung und den SBB gefehlt hatte.

  • Auch das Projekt eines „Zeppelinhotels“ des Thurgauer Architekten und Investors Fredy Iseli, das in der Länge des größten je gebauten Luftschiffs auf 100 Meter hohen Säulen „schweben“ sollte, wird eher als Schnapsidee wahrgenommen. Auch in der Architektur ist es sinnvoll, Visionen zu haben und Experimente zu wagen, aber unter dem Aspekt des Landschaftsschutzes sind Baugenehmigungen für solche Projekte doch eher unwahrscheinlich.

Text & Foto: Patrick Brauns