Es sind wortwörtlich verrückte Jahre am Theater Konstanz. Quasi mitten in der Corona-Pandemie startete in der Spielzeit 2020/21 Karin Becker ihre Intendanz. Mit ihr kamen viele neue Gesichter, dazu der Lockdown. Vieles war anders. Und richtig durchstarten konnte man nicht: Eine Premiere nach der anderen musste pandemiebedingt verschoben werden. Eine davon war Black Rider. Jetzt darf das Ensemble ab 25. März das schaurig-schöne Stück, mit Songs der Musikikone Tom Waits, endlich auf die Bühne bringen. Gastregisseur Rudolf Frey über die Abgründe in jedem Menschen, Horror-Folklore und die Chance, die Karin Becker ihm gegeben hat.

akzent: Du hast als freier Regisseur bereits auf über 20 Bühnen Stücke inszeniert. Was reizt dich jetzt, nach Konstanz zu kommen?

Rudolf Frey: Ich bin gerne in Regionen, wo sich verschiedene Länder und Kulturkreise mischen. Das genieße ich. Und das spürt man auch in Konstanz – es hat dadurch eine gewisse Offenheit. Allerdings hat es jetzt primär mit der Aufgabe zu tun und dass ich von Karin Becker eingeladen wurde, dieses Stück zu inszenieren. Das freut mich sehr. So ein Leitungswechsel ist immer eine tolle Chance für Kulturschaffende, die noch nicht an diesem Ort waren. Und mich reizt das Stück selbst, das ich schon seit Jahren machen möchte. Es begeistert mich unglaublich. Zudem bin ich immer neugierig und freue mich auf neuen Input und ein neues Umfeld.

„Der Teufelspakt – ein Symbol für die Abgründe, die individuell in jedem Menschen stecken …“

akzent: Wie verbringst du am liebsten deine Zeit?

Rudolf Frey: Meistens auf vielen Probebühnen und in Theatern. Es ist ein sehr einnehmender Beruf. Eigentlich lebe ich in Wien, aber als freiberuflicher Regisseur bin ich ohnehin meist nicht zu Hause und oft in Städten zu Gast, in denen ich probe. Es ist ein sehr spezieller Rhythmus, wie ich lebe. Manche Phasen im Jahr sind sehr intensiv, wenn es etwa auf eine Premiere zugeht – und dann gibt es wieder Ruhepausen mit Luft. Aber vieles, was mich interessiert, hängt einfach mit dem Beruf zusammen. Kino, Musik, Ausstellungen, Kulturveranstaltungen … wo hört die Arbeit auf, wo fängt die Freizeit an? Das lässt sich oft gar nicht sagen …

akzent: A propos Arbeit: Wie beschreibst du deine künstlerische Handschrift in drei Worten?

Rudolf Frey: Frei (lacht) … puhh ja, schwere Frage. Aber ja: frei, formal, assoziativ.

akzent: Was erwartet die Zuschauenden mit deiner Inszenierung des Black Rider?

Rudolf Frey: Es wird oft als Musical beschrieben, doch man muss mit diesem Begriff hier vorsichtig sein, weil er auch viele Erwartungen weckt. Es wird gesprochen und gespielt, es gibt Musik. Es ist vielmehr ein Theaterstück mit Songs, das von Schauspielenden performt wird – und eben nicht von Musicaldarstellern. Es ist keine Show. Es ist ein ernstes und auch irgendwie ein abgründiges, schräges Stück, das grotesk unheimlich ist. Das auf ganz meisterhafte Weise verschiedene Motive in den Vorlagen seiner Autoren vereint. Es hat eine ganz spezielle Atmosphäre, die auch die Songs von Tom Waits vermitteln: etwas Faszinierendes, dunkel, abgründig … – das finde ich an dem Stück ganz toll. Eine spannende Mischung zwischen Schauspiel und Gesang, zwischen Traum und Realität. Ein richtiger Tripp …

„Das Stück hat eine dunkle Schönheit.“

akzent: Mit welchem Gefühl gehen die Zuschauenden wohl hinterher raus?

Rudolf Frey: Ich finde das Stück wunderschön – mich rührt es total. Aber nicht auf eine sentimentale Weise, sondern weil es berührend menschliche Abgründe aufzeigt. Es basiert ja auf einer volkstümlichen Gespenstergeschichte aus dem Jahr 1808, die auch die Grundlage für die Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber bildet. Und es geht um einen Teufelspakt. Doch eigentlich ist dieser Teufelspakt ein Symbol für die Abgründe, die individuell in jedem Menschen stecken … denen man sich verschreibt oder auch verschreiben muss! Das kann eine Sucht sein, ein psychisches Problem, eine Beziehung … das ist in dem Stück sehr greifbar und auch erschütternd. Aber irgendwie auch poetisch und liebevoll. Es hat eine dunkle Schönheit.

akzent: Eine schöne, interessante Formulierung …

Rudolf Frey: Ja, obwohl es eine dunkle Thematik ist, ist es nicht verstörend. Es mischt die Vorlagen sehr spannend. Der Autor ist William S. Burroughs – eine interessante Figur der Beat-Generation der USA, der damit sein persönliches Lebenstrauma verarbeitet. Nämlich, dass er seine Frau bei einer verrückten Art „Wilhelm Tell Experiment“ in den Kopf geschossen und sie getötet hat. Er hatte mit Drogen zu tun. Ein genialer Autor am Rande der Gesellschaft, aber doch in dieser hochspannenden Künstlergruppe, verknüpft sein Schicksal mit dieser Altdeutschen Sage. Man ist gleichzeitig in dieser Sagenwelt und auch in den USA der 1950er-Jahre. Es springt immer zwischen diesen Ebenen – das ist wirklich toll und spannend!

akzent: Stichwort USA der 50er: Wo hast du deine Inszenierung angesiedelt? Wo spielt das Stück?

Rudolf Frey: Wir haben entschieden, kein eindimensionales Setting zu machen. Es gibt Elemente aus allem, die immer gleichzeitig auf der Bühne sind. Es ist eine Gruppe von Performenden, die zusammenkommen für diese Aufführung und zusammen eine Art Band sind. Und es gibt Elemente, die auf diese Burroughs-Welt anspielen, diese Beat-Generation-Gruppe. Und es gibt andererseits sozusagen Folklore-Elemente, die auf die Sage verweisen. Aber das sind keine konventionellen heimischen Trachten … es ist eher abstrakter, irrer – eigentlich ein bisschen wie eine Horror-Folklore. Es geht in dem Stück um das Nebeneinander der Ebenen. Das finde ich sehr schön und entspricht grundsätzlich dem, wie ich Theater sehr gerne mache. Dass es nie eine so eindeutige Lesart gibt – dass man selbst auch assoziieren darf. Das löst bei den Zuschauern Dinge aus. Das ist die große Stärke von Theater: dass es Luft dazwischen gibt. Da ist dieses Stück eine Steilvorlage.

akzent: Ab der Spielzeit 2023/2024 wirst du Intendant der Vereinigten Bühnen Bozen sein. Hast du damit dein berufliches Ziel erreicht?

Rudolf Frey: Es ist ein toller Schritt und dann kann man sehen, wo es hingeht. Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Ich bin ja früh dran, ein relativ junger Intendant, und darf diese Herausforderung annehmen. Aber ich möchte mir auch eine gewisse Wachheit bewahren, dass ich immer schaue, wo ich stehe: Wo bin ich zu Hause? Wo fühle ich mich wohl? Ich bin seit 2007 als freier Regisseur unterwegs und habe das unglaublich genossen. Es ist in der Tat eine spannende Herausforderung in einem größeren Bogen für einen Ort zu arbeiten. Allerdings werde ich trotzdem weiter auch als freier Regisseur arbeiten – sofern es sich zeitlich vereinbaren lässt. Mit der Intendanz kommt eine Fokusverschiebung: die alten Aufgaben sind nicht weg, aber es kommen viele neue dazu, auf die ich mich freue. Es ist ein guter Zeitpunkt.

ab 25.03. | The Black Rider
Stadttheater
Konzilstraße 11
D-78462 Konstanz
+49 (0)7531 900 2150

www.theaterkonstanz.de

Rudolf Frey

1983 in Salzburg geboren, lebt in Wien, wo er 2004 als Regieassistent mit Festanstellung vom Burgtheater Wien engagiert wurde. Zusätzliche Assistenzen führten ihn zur Ruhrtriennale in Essen sowie zu den Salzburger Festspielen. Seit 2007 arbeitet er als freiberuflicher Regisseur für Schauspiel und Musiktheater. Seine Inszenierungen wurden bei internationalen Festivals (Savonlinna Opera Festival, Internationale Gluck Opern-Festspiele, Duisburger Akzente) und u.a. auch am Royal Opera House Muscat (Oman) gezeigt. 2013 erhielt er den renommierten Kurt-Hübner-Regiepreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste für seine Inszenierungen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ und „Die Csárdásfürstin“. Ab der Spielzeit 2023/2024 ist Rudolf Frey der Intendant der Vereinigten Bühnen Bozen.

Interview: Tanja Horlacher

Beitragsbild: Rudolf Frey | (c) Sven Serkis