Diesel auf der Schiene und Diesel auf der Straße: am See kommt halt alles 20 Jahre später an – auch E-Mobilität.

Die Bahn kommt – am See wie fast alles gern ein wenig später. Denn am deutschen Nordufer ist statt elektrisch immer noch Diesel angesagt. Passagiere und Lok stänkern da um die Wette.

Irgendwie nostalgisch. Nachdem Dampflok-Veranstalter den See als „Historisches Zugrevier“ mehr und mehr für sich entdecken, kann man schon bald an manchen Bahnhöfen alle Arten der Schienennutzung zeitgleich nebeneinander erleben: Dampf, Diesel und modern elektrisch. Sicher ein weiteres Novum, worum uns die Welt beneidet! Was im Autobereich zu großen philosophisch geführten Auseinandersetzungen führt, ist auf der Schiene längst beantwortet: Der Diesel hat ausgedient. Elektrisch fahren ist Stand der Dinge. Bloß halt grad mal nicht am Bodensee.

Bei der Automobilität ist es genauso verkehrt: die Zukunft der automobilen Mobilität ist hier alles andere als „elektrisierend“. Dass die zu überwindenden Distanzen in der Region nach mehr Akkupower als in Metropolen verlangen, wäre ja noch lösbar. Doch welcher Hersteller garantiert sowas wie ein(igermaß)en kalkulierbaren Wiederverkaufswert in sagenwirmal fünf Jahren? Welches Akku-, welches Lade-Sytem wird es auch dann noch geben? Da konkurriert fast jeder Autokonzern mit eigenen Systemen, jeder Energie-Multi will mitmischen und fast jedes Stadtwerk am See hat dazu eigene Partner, Ideen und Konzepte. Drei Nationen, verschiedene Bundesländer, Kantone und diverse lokale Unterschiedlich- bzw. Befindlichkeiten machen es nicht leichter.

Tankstellen-Multis und Betreiber fragen sich auch, wie sie beim „Schnelladen“ Geld verdienen wollen. Ob man den Treibstoff-Umsatz mit Cappuccino-Volltanken beim notwenigen Schnelllade-Päuschen auszugleichen vermag, darf bezweifelt werden. Kein Wunder ducken sich die Tank-Multis lieber mal weg.

Und zuhause aufladen? Ja – im Prinzip schon. Wenn allerdings die Karre nachts auf der Straße steht – vielleicht an der Straßenlaterne aufladen? Irgendwie? An jeder? Wie viele gehen da überhaupt an eine? Zuhause in der gemieteten Tiefgarage zehn nachträgliche Anschlüsse legen lassen? Und selbst im Eigenheim: Starkstrom zusätzlich verlegen? Und jetzt wird’s ganz lustig: Alles möglichst überall und zeitgleich und mit welchen Systemen? Die regionalen Energieversorger reagieren zurecht etwas verhalten. Einen einzelnen Standort nachzurüsten ist derzeit schwer; ein ganzes Mietshaus fast unmöglich. Die Leitungen und auch die Arbeitskapazitäten schaffen das schlichtundergreifend nicht. Kein Wunder lassen Verbraucher rund um den See die vielen Fördermöglichkeiten lieber mal links liegen und liebäugeln doch noch mit einem „sparsamen Diesel“ oder schielen auf moderne Benzin- und Hybridtechnolgie.

Bevor also alle auf die Bahn schimpfen, weil die am See den Diesel nicht von der Schiene kriegt, erstmal vor der eigenen Haustür kehren. Wenigstens das geht übrigens reibungslos schon überall elektrisch …

Markus Hotz, Herausgeber

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