D – Konstanz | Vor wenigen Wochen haben die Initiatoren des Integrationsprojekts 83 in Berlin den Deutschen Bürgerpreis bekommen. Die Jury war sich einig, dass der erste Preis bei den Konstanzer „Alltagshelden“ in den besten Händen ist.

Im September 2015, als die große Flüchtlingswelle über Deutschland schwappte, kam Till Hastreiter die Idee zum Projekt. „In dieser ersten Zeit war ja alles nur auf Nothilfe ausgerichtet. Ich wollte aber etwas machen, das in die Zukunft weist.“ Hastreiter ist zwar Konstanzer mit einer Kommunikationsagentur in Berlin, hat aber als Filmregisseur viele Jahre im Ausland gelebt und dabei festgestellt: „Du verstehst nur etwas vom Land, wenn du mit den Einheimischen zusammenlebst.“ Wohnen als Integrationsbeschleuniger also. Hastreiter nennt es „Integration durch Wohnen“.

Neben seiner Arbeit hat er Familie, drei Kinder. Aber er ging es an, entwarf zunächst das Konzept für eine professionelle Werbekampagne, „genauso, als ob ich ein Auto verkaufen wollte“. Die Kernfrage dabei: Wie bekomme ich es hin, dass sich Konstanzer einen Geflüchteten ins Haus oder in die Wohnung holen? Zu ihm, dem Film- und Kommunikationsprofi, gesellten sich schnell andere Profis: Andreas Bechtold, Professor an der HTWG Konstanz, die Soziologinnen Nicole Dillschnitter und Jelena Atanackovic. Hastreiters deutliche Ansage: „Sechs Monate kein Geld, aber Vollgas.“ Anfang 2016 legte das Team los, ehrenamtlicherweise. Die Spendengelder gingen in die Öffentlichkeitsarbeit.

Jelena Atanackovic sagt, sie habe gleich gemerkt, dass man mit diesem kleinen Team „gut und effektiv“ zusammenarbeiten kann. Von Anfang an war sie – zeitweise zusammen mit Nicole Dillschnitter – zuständig für die Vermittlung. „Wir wussten ja alle nicht, wie es wirklich laufen wird, aber es hat gleich geknallt. Das Telefon stand nicht mehr still. Und gleichzeitig mussten wir erst noch unsere internen Arbeitsstrukturen schaffen.“ Sie lacht. „In einem Wahnsinnstempo haben wir einfach gemacht.“ Ihren Marketingjob gab sie irgendwann auf und arbeitete nur noch für das Projekt. „Ich fand das sinnstiftender.“ Kinder hat auch sie, zwei.

Menschen zusammenbringen, Vertrauen bei den Vermietern schaffen, oft auch mit schrecklichen Leidensgeschichten seitens der Geflüchteten konfrontiert werden: Es sei mitunter eine schwierige Gratwanderung gewesen zwischen Nähe und Distanz, erklärt Jelena Atanackovic, aber die Vermittlungen – besser: die Integrationsbemühungen – seien bisher, mit einer Ausnahme, alle erfolgreich gewesen. „Mir ist in diesem Jahr nochmals sehr klar geworden, wie privilegiert wir hier leben“, resümiert sie, „und welche Freiheit wir hier genießen.“

Neben der konkreten Integrationsarbeit wurde mit dem Projekt 83 eine nützliche Diskussion angestoßen. Auch das gehört zu Till Hastreiters Idee.

Der Deutsche Bürgerpreis ehrt jährlich herausragendes Engagement von Personen, Vereinen und Unternehmen in den Kategorien „U21“, „Alltagshelden“ und „Lebenswerk“. Mit über 2.300 Bewerbungen im Jahr und Sach- und Geldpreisen im Gesamtwert von rund 440.000 Euro ist die Auszeichnung Deutschlands größter Ehrenamtspreis. Das Ziel ist es, möglichst viele Bereiche des Ehrenamts anzusprechen und die Vielfalt der Freiwilligentätigkeit zu würdigen. Das Thema 2016 war: Integration.

www.83integriert.de