Seit dieser Woche ist das Tragen von sogenannten Alltagsmasken oder Communitymasken von der deutschen Regierung zumindest empfohlen. Eine Maskenpflicht, wie bei unseren Nachbarn in Österreich oder in einigen deutschen Städten bereits ausgerufen, gibt es landesweit noch nicht. Die derzeitige Empfehlung gilt für öffentliche Räume, in denen der Mindestabstand von eineinhalb Metern nicht gewährleistet werden kann. Kanzlerin Merkel empfiehlt den Bürgern aber „dringend“ das Tragen einer Mund-Nasen-Maske beim Einkaufen und in Bussen und Bahnen, um das Risiko von Infektionen zu reduzieren.

Spätestens wenn – wie derzeit geplant – im Mai die Schulen wieder starten oder weitere Lockerungen der bestehenden Einschränkungen anstehen, wird das Thema Mundschutz-Pflicht vermutlich erneut diskutiert werden. So forderten Verbraucherschützer bereits vor der aktuellen Verkündigung der Regierung am 15. April, die Politik müsse dafür Sorge tragen, dass für die Bevölkerung ausreichend Schutzmasken zur Verfügung stehen, wenn der öffentliche Raum wieder schrittweise zugänglich gemacht werden soll. Gewährleistet werden kann dies momentan noch nicht, auch wenn die Politik angekündigt hat, die Produktion von Atemschutzmasken in Deutschland zu unterstützen.

Natürlich darf es nicht sein, dass Privatleute dringend benötigte Masken aus dem Gesundheits- und Pflegebereich abziehen. Zum Glück haben bereits seit Beginn der Krise viele Menschen ihre Nähmaschinen aus dem Keller geholt und sich auf ihre, meist irgendwann zu Schulzeiten erworbenen, Handarbeitsfähigkeiten besonnen. Sie nähen seither alternative Mundschutz-Masken aus Stoff, weil in den ersten Krisenwochen regulär keine oder nur überteuerte Atemschutzmasken zu bekommen waren. Durch diese private Initiative hat sich die Lage aber zum Glück verbessert. Wer nicht selbst schneidern kann, findet inzwischen diverse – auch regionale – Angebote ganz unterschiedlicher Modelle bezogen auf den Schnitt oder die Beschaffenheit des Stoffs zum Kauf im Internet. Man hat sogar vielfältige Farben und Muster zur Auswahl. Auch einige Textil-Firmen in der Bodenseeregion sind in die professionelle Produktion von Atemschutzmasken aus Stoff eingestiegen – beispielsweise die Firma Schiesser aus Radolfzell oder Bodywear Mey aus Albstadt aber auch die Firma Himmelgrün aus dem Bregenzerwald.

Im weltweiten Netz, in WhatsApp-Gruppen oder auf Youtube sind Nähanleitungen en masse zu finden: ein Rechteck, mit je drei Falten rechts und links abgesteppt und zwei Bändern, die um den Kopf eines erwachsenen Menschen reichen, ist der Stoff aus dem derzeit die Gesundheitsträume sind. Auch in vielen Nachbarschaftshilfegruppen auf facebook werden seit Wochen fleißig Mundschutzmasken genäht.

So in der facebook-Gruppe Konstanzer Hilfsprojekt 2020 , wo Anke Schanz das Nähen koordiniert. Im Gespräch mit der Stadt hat sie initiiert, dass ganz aktuell eine zentrale Anlaufstelle für selbstgenähte Atemschutzmasken eingerichtet wurde. Hier können sich Einrichtungen, Praxen, Kliniken und Pflegedienste hinwenden, wenn sie Bedarf haben: naehengegencorona@web.de . Für Privatpersonen ist diese Adresse nicht gedacht. Gespendete Nähutensilien aber auch fertig genähte Schutzmasken sind willkommen (siehe Infokasten unten).

Auch das Liebenauer Nähwerk der Stiftung Liebenau aus Meckenbeuren ruft zum Selbernähen auf. „Der Behelf-Mund-Nasen-Schutz kann die Verteilung von Tröpfchen in die Umgebung verringern und das Anfassen von Mund und Nase verhindern.“, betont Projektleiterin Claudia Graßmann. Auf Facebook und Instagram hat die Stiftung ein Video mit Nähanleitung eingestellt, damit viele mitmachen können. Spenden von Stoffresten werden auch entgegen genommen ( siehe Infokasten unten).

Mitarbeiter des Liebenauer Nähwerks

Vor allem Pflegeinrichtungen sind dankbare Abnehmer für die selbstgenähten Masken. „Am besten wäre es, die Masken aus Leinen (z.B. alte Betttücher) zu nähen, sie sollten weiß und bei 60-90 Grad waschbar sein“, ist etwa aus dem KWA Parkstift Rosenau zu hören. Dieser Schutz ist allerdings in erster Linie dafür da, dass beim Niesen oder einer „feuchten Aussprache“ keine Tröpfchen verteilt werden. Diese fliegen dank Stoffmaske erst gar nicht durch die Luft (Quelle: Robert-Koch-Institut www.rki.de). Laut Virologe Christian Drosten Charité Berlin, gebe es bislang keine Evidenz dafür, dass das Tragen von Atemschutzmasken zum Selbstschutz in der Öffentlichkeit helfen könne. Man schütze weniger sich selbst, sondern andere. Doch das ist genau so gut!

Als einzig wirksamer Eigenschutz gilt bisher: Abstand halten und damit auch die Reduzierung sozialer Kontakte „offline“ und vor allem die Hygiene-Regeln beherzigen (also Hände waschen!). Für medizinisches Personal, welches in geschlossenen Räumen den Viren (beim Kontakt mit Infizierten) viel mehr ausgesetzt ist, sind ohnehin nur spezielle FFP3-Schutzmasken hilfreich.

Gegen die eigenen Ohnmachtsgefühle

Die selbstgebastelten Masken sieht Virologe Droste dennoch als hilfreich an: nicht zum Selbstschutz, aber als Signal der Höflichkeit und des Engagements, auf die ernste Lage hinweisen zu wollen. Und auch in der Rosenau weiß man um einen wichtigen nicht-medizinischen Effekt: „Für manchen ist das Nähen der Masken eine sehr sinnvolle Beschäftigung zu Hause für die Gemeinschaft – und vielleicht das Richtige in diesen Zeiten … gegen die eigenen Ohnmachtsgefühle.“ (th/sg)

Bedarf an Mundschutzmasken in Pflegeeinrichtungen besteht weiter

Also: nix wie ran an die Nähmaschinen – wo dann die selbstgenähten Masken dringend benötigt werden und zum Einsatz kommen, wird in Konstanz über eine zentrale Anlaufstelle geklärt. Pflegedienste, Praxen, Kliniken und Einrichtungen können hier ihren Bedarf anmelden: naehengegencorona@web.de

In Konstanz können Spenden wie Nähgarn, Nähgummis oder Schrägstreifen im OBI-Baumarkt im Industriegebiet an der Infotheke abgegeben werden. Das Konstanzer Hilfsprojekt 2020 leiten die Utensilien dann an Näherinnen weiter. Auch fertig genähte Masken sind willkommen und können in die Inselgasse 2 ins Stadttheater gebracht werden, sie werden dann an Einrichtungen verteilt.

Wer in der Nähe von Meckenbeuren geeignete Stoffreste hat, kann sich an das Nähwerk Liebenau wenden: naehwerk@stiftung-liebenau.de.

In anderen Ortschaften im Bodenseekreis gibt es ähnliche Nachbarschaftsgruppen. Wir berichten zeitnah über weitere Projekte.

Infos gerne an info@akzent-magazin.com … DANKE!

Hier zwei von vielen Anleitungen, die derzeit im Netz zu finden sind:

Photo: Engin Akyurt