Der Traum vom Fliegen – er begleitet die Menschen seit jeher und beflügelt ihre Fantasie. Das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen widmet sich nun mit der Ausstellung „Über den Wolken – Anleitungen zum Abheben“ diesem Thema, unter anderem mit Werken von Gustav Mesmer, Daniela Keiser und Roman Signer.

Kunst und Fliegen haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie stehen beide für die Loslösung vom irdischen Hier und Jetzt, für die Erkundung neuer Sphären. Schon frühe Kulturen sahen sich von diesem Aspekt inspiriert und übertrugen den Flug von Insekten und Vögeln in Form von Ritualen und magischen Darstellungen auf den menschlichen Körper oder in Mythen – ein Muster, das sich durch die Jahrtausende zieht. Eine der bekanntesten mythologischen Figuren ist Ikarus, dessen Vater Dädalus Flügel aus Stangen, Wachs und Federn konstruierte; doch Ikarus wurde übermütig, flog zu nah an die Sonne heran, das Wachs schmolz, und der Jüngling stürzte ins Meer.

In der Renaissance erlebten Fantasien zur Eroberung der Lüfte eine, nun ja, Wiedergeburt, jedoch ohne künstlerische oder allegorische Überhöhung. Leonardo da Vinci entwarf Flugzeuge, die zwar allesamt nicht flugtauglich gewesen wären, doch besonders seine wissenschaftliche Methodik machte ihn zu einem Pionier der Luftfahrt.

Träume & Träumer

Einer, der wie so viele andere davon träumte, in die Luft zu gehen, war Gustav Mesmer (1903–1994). Der im oberschwäbischen Altshausen gebürtige „Ikarus vom Lautertal“ war erfüllt vom Gedanken ans Fliegen. Im Laufe seines Lebens zeichnete er unzählige Fluggeräte, baute Modelle und entwarf Flugmaschinen – lange Zeit, um seinem tristen Dasein hinter Anstaltsmauern zumindest geistig zu entfliehen. Er experimentierte mit Schwingen, Schirmen, Sprungschuhen und verschiedenen Fahrrädern, die er zu „Flugrädern“ umbaute. Obwohl alle seine Flugversuche scheiterten, gehört Gustav Mesmer zweifelsohne zu den großen Flugtüftlern Deutschlands.

Fliegen und Kunst erlauben auch eine andere, eine neue und ungewohnte Perspektive auf die Dinge. Luftaufnahmen faszinieren, weil sie die Welt, die wir jeden Tag dreidimensional wahrnehmen, auf neue Art und Weise zweidimensional darstellen – sie sind der wortwörtliche Blick von oben, der scheinbar objektiv und emotionslos die Wahrheit wiedergibt. Die in Neuhausen am Rheinfall geborene Konzeptkünstlerin Daniela Keiser (*1963) sammelt Luftaufnahmen und zeigt in „Über den Wolken“ ebensolche von der Kartause Ittingen. Erst von oben erschließt sich die ganze Architektur der Anlage, die auf das asketische Dasein von Einsiedlermönchen zugeschnitten war. Für sie und alle Gläubigen war jahrhundertelang der Himmel die moralische Instanz, Ziel und Zweck des irdischen Daseins.

Den Luftraum über der Kartause nahm Roman Signer (*1938) bereits 1985 ein – allerdings nicht mit Engeln und Chören, sondern mit lakonischem Witz, Raketen, Luftballons und Hubschrauber. Die Arbeit des Appenzellers ist durchdrungen von ständigem Experimentieren; seine Werke sind poetische Materialkonstellationen und -kollisionen, mit denen er in den 1970er-Jahren einen neuen Skulpturenbegriff ans Firmament der Kunst katapultierte.

„Über den Wolken“

Der göttliche Himmel mag weitestgehend ausgedient haben, doch für die Kunst hat er seinen Zauber noch lange nicht verloren. Er steht für die Suche nach Spiritualität, Visionen und Gegenentwürfe und beflügelt die Vorstellungskraft noch immer. Arbeiten von insgesamt mehr als zwanzig Künstler*innen sind in „Über den Wolken – Anleitungen zum Abheben“ zu sehen. Hier nimmt der Traum vom Fliegen auf ganz unterschiedliche Weise Gestalt an: Engel, Vögel und Gleitschirmfliegerinnen, zaudernde Turmspringer und Sehnsuchtsgeschichten vom Loslassen, Anlaufnehmen und Entschweben werden zu Starthilfen für metaphorisches Abheben, philosophische Gedankenflüge oder kleine Alltagsfluchten.

Manchmal ist allein der Traum so schön wie seine Erfüllung – der Himmel kann warten.

09.05.–19.09., „Über den Wolken – Anleitungen zum Abheben“
Kunstmuseum Thurgau

Aktuelle Informationen zu Führungen, Rahmenprogramm und Hygienemaßnahmen auf
www.kunstmuseum.ch


Mit Werken von Joëlle Allet, François Burland, Andrea G. Corciulo, Helen Dahm, Danielson/Van Aertryck, Christoph Draeger, Othmar Eder, Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Daniela Keiser, Marc Latzel, Gustav Mesmer, Rahel Müller, Ursula Palla, Oliver Pietsch, Margrit Roesch, Paul Schlotterbeck, Roman Signer, Bernard Tagwerker, Cécile Wick, Cristina Witzig und anderen.