Im Januar und Februar gab es im Konstanzer Kulturzentrum eine große Fotoausstellung über die Architektur der 20er- bis 70er-Jahre in Konstanz und Kreuzlingen. Sie war nur kurz zu sehen, ist aber eine Anregung, diese Zeit über die Bodensee-Metropole hinaus anzuschauen.

Die Architektur der Moderne

Die Ausstellung umfasste einen großen Zeitraum in der Mitte des 20. Jahrhunderts, also gut die Hälfte des letzten Jahrhunderts. Auf den ersten Blick erschien diese Periode willkürlich gewählt – warum nicht die 30er- bis 80er-Jahre? Das hatte aber durchaus seinen Sinn, denn in den 20er-Jahren begann mit dem Bauhaus die moderne Architektur in Deutschland und Mitteleuropa. Und die 70er-Jahre markierten mit der Ölkrise das Ende des ungebremsten Fortschrittsglaubens, das Ende des Wachstums. Die Zeit bis zu den 70er-Jahren ist aber auch die Periode, an der die heute aktiven Architekten noch nicht beteiligt waren – sie können diese Zeit also ganz unbefangen beurteilen.

Der Bauhaus-Stil

Auch stilistisch ist diese Zeit noch relativ einheitlich, da gab es nur die beiden Stilrichtungen Moderne (Bauhaus-Stil, Neues Bauen etc.) und die Fortsetzung des konservativen Heimatschutzstils. Danach, seit den 70er-Jahren, wurde die Architektur pluralistischer, von den Geschmacksverirrungen der Postmoderne bis zu den Experimenten ökologischer Architektur.

Ausstellungen wie die in Konstanz haben eine wichtige Bildungsfunktion – wenn sie das Thema gut vermitteln. Gerade die Architektur der 50er- bis 70er-Jahre ist ja nicht selbsterklärend, sie braucht Kommentare, die erklären, warum die Bauten der Zeit so aussehen. Bis in die 60er-Jahre war die moderne Architektur so schlicht und (nach heutigen Maßstäben) unauffällig, dass man sie heute kaum wahrnimmt, und danach wurde so exzessiv und großzügig mit Beton gebaut, dass die Bauten der Zeit als „Betonbunker“ und „Bausünden“ geschmäht werden.

Eine Zeitreise

Wenn Sie sich jetzt fragen, wie Sie mit einer Bodensee-Tour eine Zeitreise durch dieses halbe Jahrhundert machen können – hier wird Ihnen geholfen: Fangen Sie an einem Ort an, von dem man fast den ganzen Bodensee überblickt, zumindest den Obersee.

Hafenbahnhof Friedrichshafen

Der Hafenbahnhof in Friedrichshafen wurde 1931–33 im Stil der klassischen Moderne erbaut: Flachdach, weiße Fassaden und breite Fensterfronten. Weil der Bahnhof einen großen Teil der früheren Funktionen verloren hatte (Trajektverkehr über den See), wurde er 1993–96 zum Zeppelin Museum umgebaut. Dabei wurde auch im Inneren die ursprüngliche Einrichtung erhalten bzw. wiederhergestellt, was im Restaurant schön zu sehen ist. Zur Architektur dieser Zeit gehören auch einige Strandbäder, von denen das am westlichen Stadtrand von Arbon wohl das schönste ist (1933).

Bei der Architektur der 40er-Jahre erkennt man am besten den Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz: Auf Schweizer Seite wurde die Moderne der 30er-Jahre einfach weiterentwickelt, während in Deutschland (und Vorarlberg) in den Kriegsjahren fast nichts gebaut wurde – und ab 1945 musste schnell und ohne große architektonische Ansprüche wieder aufgebaut werden. Mit der Moderne musste hier also neu angefangen werden.

Kursaal Überlingen

In den 50er-Jahren musste auf deutscher Seite der Bauhaus-Stil erst gegen die konservativen Bauämter durchgesetzt werden: Die Ländebauten in Konstanz-Staad und Meersburg (heute Café Möwe) verbinden schön die beiden Ufer des Sees, sehenswert für die Zeit ist aber auch der Kursaal in Überlingen und die kleine Pumpstation in Lindau bei der Brücke. Alle diese Bauten zeigen die Leichtigkeit der 50er-Jahre, deren Wert erst in den letzten Jahren wiederentdeckt wurde.

Die Beton-Architektur der 60er-Jahre wird oft als „Brutalismus“ bezeichnet, was aber ein irreführender Ausdruck ist. Damit ist ursprünglich keine „brutale“ Architektur gemeint, sondern der nackte, reine Beton, und das heißt im Französischen eben „brut“. Trotzdem wurde in den 60er-Jahren viel verschwenderischer mit dem Beton umgegangen, sodass die Bauten dieser Zeit viel massiver wirken, wie beispielsweise das Theater St. Gallen, das in den nächsten Jahren mit großem Aufwand modernisiert werden muss.

Theater St. Gallen

Die späten 60er-Jahre haben die Gesellschaft bunter und offener gemacht, was sich dann auch in der Architektur niedergeschlagen hat: Die Universität Konstanz weist in der Gestaltung einige Elemente der Pop Art auf, vor allem in den Gemeinschaftsbereichen zwischen den Fakultäten.

Universität Konstanz

Text & Fotos: Patrick Brauns