Bei der Fasnacht, die dieses Jahr erst Ende Februar ihre heiße Phase hat, geht es oft um das Überschreiten von Grenzen. Das ist auch in der Architektur ein wichtiges Thema, mit ganz unterschiedlichen Aspekten: von den Grenzen zwischen Innen und Außen bis zu den Grenzen zwischen Stadt und Land, dazu die Grenzbauten und Zollstationen und vieles mehr.

Manchmal kommt das Monatsthema für den Seeraum in letzter Minute – oder gar nach dem offiziellen Redaktionsschluss. Das Architekturforum Ostschweiz (AFO) hat Anfang Januar sein Jahresthema „Grenzen“ bekannt gegeben, das mehr bedeutet, als es auf den ersten Blick scheint. Es zeigt, wie vielseitig auch Architekten das Thema verstehen können: „Grenzen durchdringen unser Leben und gliedern es: geografisch, hoheitlich, persönlich. Und selbst wenn wir uns gerne im Zentrum befinden, dringen wir immer wieder an die Ränder vor. Manchmal suchen wir sie geradezu, um die Komfort-Zone zu verlassen. Denn der Reiz, die Grenzen auszuloten, ist dem Menschen ebenso gegeben wie der Drang, sie zu überschreiten. Was geschieht an den Grenzen, wo Unterschiedliches zusammenprallt und fein säuberlich auseinandergehalten wird, wo ein Gebiet endet und ein neues beginnt? Wie sieht es jenseits der Grenzen aus? Und was bewirken die Grenzen in unserem Kopf?“

Architekturforum Ostschweiz, St. Gallen, www.a-f-o.ch

Bauernhäuser

Architektur-Grenzen sieht man auch, wenn man durch das Bodenseeland fährt und dabei schaut, wie die Häuser aussehen. Der berühmte französische Historiker Fernand Braudel hat in seinem Werk über die Identität Frankreichs eine Anleitung gegeben, beim Reisen genauer hinzuschauen: Man soll zum Beispiel beobachten, wo sich die Architektur der Bauernhäuser in den Dörfern ändert. In Frankreich ist das eine ganz klare Grenze von den Alpen bis zum Atlantik (im Süden mit flacheren Dächern und „Mönch und Nonne“-Dachziegeln), aber auch im Bodenseeland gibt es solche Grenzen, etwa zwischen den Allgäuer Häusern und den oberschwäbischen oder zwischen den Thurgauer und den Toggenburger Häusern. Das sind Grenzen, die sichtbarer sind als politische oder Dialektgrenzen, aber man sieht sie nur, wenn man darauf achtet. Ebenso sieht man auf dem Land, wie die Grenze zwischen traditioneller und neuer Architektur überwunden wird (hier bei Teufen).

Über Grenzen schauen

Vom Säntis blickt man auf Berge in sechs Ländern – und über entsprechend viele Grenzen. In fast so viele Länder kann man vom Fünfländerblick oberhalb von Rorschach schauen, wobei für die Zahl etwas getrickst wird. Das 2015 neu erbaute Restaurant Rossbüchel da oben feiert im März seinen zweiten Geburtstag. Der Architekt Alex Buob hat mit dem einfachen Baukörper mit Satteldach die traditionellen Appenzeller Häuser neu interpretiert. Die großen Panoramafenster sind eine vergrößerte Version der breiten Fensterbänder an der Südseite der alten Bauernhäuser.

www.rossbuechel-sg.ch

Grenz-Bauten

Die offensichtlichsten Grenzen am Bodensee sind immer noch die Staatsgrenzen, weniger durch die Grenzsteine, die unauffällig in der Landschaft stehen, sondern eher durch die Zollgebäude an den Grenzübergängen. Hier zeigt sich auch die Baukultur der drei Länder, am deutlichsten bei Österreich, wo man schon von der klaren, modernen Architektur Vorarlbergs empfangen wird, wie etwa bei Feldkirch-Tisis und Höchst. Beim zweiten großen Autobahnzoll (nach dem bei Hörbranz/Lochau) wurde westlich von Konstanz auf Schweizer Gebiet im Jahr 2000 eine Gemeinschaftszollanlage eröffnet, die einen leichten und luftigen Eindruck machen soll – und nach einem eventuellen Beitritt der Schweiz zur EU auch leicht rückbaubar sein soll.

Die Architektur kommt auch oft an ihre Grenzen, in die verschiedensten Richtungen. Das sind oft stilistische Grenzen oder die Grenzen des guten Geschmacks, für den es durchaus Kriterien gibt. Auch am Bodensee, selbst in Vorarlberg, sieht man immer wieder Häuser bei denen der Architekt über diese Grenzen gegangen ist.

Grenzen setzt der Architektur aber auch die Realität, also etwa die Einschränkungen durch die Geologie. Der Untergrund weiter Gebiete in Ufernähe besteht aus Kies und Seeton, der stellenweise eine „griesbreiartige“ Konsistenz hat, wie es bei einem Großprojekt in Konstanz einmal formuliert wurde. An diesen Standorten weit in die Tiefe zu gehen, macht es aufwendig und bringt Projekte oft an die Grenze der Rentabilität. Das jüngste Opfer dieser Grenzen ist das Projekt „Seestadt“ in Bregenz #5#, bei dem eine Tiefgarage bis in 12 Meter Tiefe die Kosten so hoch getrieben hätte, dass das ganze Projekt mit 140 Millionen Euro zu teuer geworden wäre – am 12. Januar wurde es gestoppt.