Von Britta Zimmermann

Beim „Lebendigen Barockschloss Tettnang 2022“ dreht sich alles um die Natur. Und das nicht nur im Konzertsaal, sondern auch mitten in der Natur selbst! Das Event lockt im Mai mit Ausstellung, Performance, Wanderkonzert, Lesung, Café und Sinfonieklängen – hier ist für jeden etwas dabei!

Schüler*innen der Realschule Tettnang und des Montfort-Gymnasiums Tettnang bespielen im Rahmen des Festivals die Seitenflügel der Orangerie und angrenzenden barocken Parkanlage künstlerisch-gestaltend. Barocke Opulenz, Vanitasgedanke, Verspieltheit, höfische Mode und Festlichkeiten könnten Pate stehen für die kreative Auseinandersetzung. Filigrane und lebensgroße Objekte lassen Assoziationen zwischen Reifrock und dreidimensionaler Barockornamentik zu. Prachtvolle Blütengestecke entpuppen sich auf den zweiten Blick als Zitate barocker Perücken und spiegeln über die zweiwöchige Dauer (bis 21.05.) durch allmählichen Verfall die Endlichkeit des eitlen Scheins. Vor allen Veranstaltungen mit dem Button „Barockjugend“ wird zudem die Masken-Performance „Üppig & Dürftig“ über das Ringen um Sichtbarkeit und die Gier nach Anerkennung gezeigt.

Ein besonderes Konzert lockt im Rahmen des Bodenseefestivals auf den Tettnanger Hopfenpfad: das Wanderkonzert mit Matthias Schriefl und Johannes Bär entlang hoher Hopfengärten und Obstanlagen. Das Duo spielt ein wahres Sammelsurium an Instrumenten: Trompete, Flügelhorn, Pikkolo-Trompete, Alphorn, Horn, Bass-Flügelhorn, Posaune, Euphonium, Ophikleide, Tuba – je nachdem, was auf die Bühne passt. Stilistisch geht es querbeet: So wird ein Händel als Rock’n’Roll dargeboten, ein selbstgeschriebener Schlager voller Lust verformt, ein Jodler zum Grooven gebracht, aber auch mal eine herzzerreißende Ballade ganz puristisch gespielt. Und vielleicht kommen auch noch die beiden Alphörner zum Einsatz (15.05., 15 Uhr).

Im Rittersaal des Schlosses wartet die Lesung mit Raoul Schrott auf. Sein Buch „Erste Erde Epos“ ist das Ergebnis der intensiven Auseinandersetzung mit dem heutigen Wissen über die Welt: vom Urknall über die Entstehung des Planeten bin hin zu uns. Welches Bild vom Menschen geht daraus hervor? Der große Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisse literarisch umzusetzen und sie an einzelnen Figuren und ihren Lebensgeschichten anschaulich zu machen. Raoul Schrott hat dafür weltweit Reisen unternommen: von den Fundstellen des mit über vier Milliarden Jahren ältesten Gesteins überhaupt bis in die Atacamawüste, wo gerade das größte Spiegelteleskop der Welt entsteht. Im zweiten Teil fasst der Autor in Sachbuchform den heutigen Wissensstand zusammen. Dichtung und Wissenschaft verknüpft: Neugieriger und schöner lässt sich die Erde kaum erkunden (17.05., 19.30 Uhr).

Ein besonderes Highlight ist die Sinfonie im Innenhof des Schlosses mit SPARK und der Kammerphilharmonie Bodensee Oberschwaben. Auf dem Programm stehen „Kiss of Fire“ des holländischen Komponisten Chiel Meijering und nordische Musik für Streicher von Avo Pärt, Edvard Grieg und Jean Sibelius. In einem musikalischen Feuerwerk aus Filmmusikklängen, afrikanischen Rhythmen, russisch-spätromantischer Schwermut und impressionistischen Farben beschreibt Meijering in mehreren Charakterstücken die Sonnen- und Schattenseiten der Liebe als Urgewalt der Natur. Die feurig-virtuosen Klänge von SPARK ergänzen die Streicher der Kammerphilharmonie mit Griegs berühmter Holberg-Suite, die hier als romantisch-nordische Tanzfolge eines Liebespaares betrachtet werden kann. „Rakastava“ ist Sibelius‘ Entwurf, die Irrungen und Wirrungen eines Liebenden in nordische Töne zu fassen. Eröffnet wird das Konzert mit Pärts „Cantus“ (22.05., 18 Uhr).

Lebendiges Barockschloss Tettnang 2022:

Wanderkonzert mit Schriefl/Bär: 15.05, 15 Uhr, Hopfenpfad
Lesung Raoul Schrott: 17.05., 19.30 Uhr, Rittersaal
Sinfonie mit SPARK: 22.05., 18 Uhr, Innenhof Schloss
Ausstellung „Natur & Barock“: bis 21.05., Orangerie am Neuen Schloss
Café im Schloss: bis 22.05., 14.30 – 17.30 Uhr (bis 23 Uhr bei Veranstaltung)

www.spectrum-kultur-in-tettnang.de

Beitragsbild: SPARK spielt im Rahmen des Bodenseefestivals mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben beim Lebendigen Barockschloss Tettnang | Copyright: Gregor Hohenberg