D/A/CH – Großstadt Bodensee | Der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai will eine gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen erreichen. „An diesem Tag haben wir die Chance zu zeigen, dass eine Gesellschaft ohne Barrieren alle Menschen angeht“, sagt die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele aus Tettnang. akzent nimmt diesen Tag zum Anlass, um sie und einige andere bekannte Menschen mit Behinderung aus der Bodenseeregion vorzustellen.

Zwölf Goldmedaillen bei den Paralympics, Besteigung des Kilimandscharo und des Vulkangipfels Mount Meru, Teilnahme am Radmarathon Trondheim-Oslo, Wahl zur Weltbehindertensportlerin 2011, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und jetzt aktuell die Nominierung zur VdK-Präsidentin: Das Leben von Verena Bentele scheint sich auf der Erfolgsspur abzuspielen. Es ist jedenfalls ein außergewöhnliches Leben – von Kindheit an. Verena Bentele ist seit ihrer Geburt blind, kann nur hell und dunkel erkennen. Stark gemacht hat sie ihre Kindheit in einem Sechs-Häuser-Dorf zwischen Lindau und Tettnang. Zwischen Äpfeln und Hopfen wächst sie mit zwei älteren Brüdern auf, fährt Tandem und Rollschuhe, klettert auf Bäume und über Dächer.

Grenzerfahrungen

Immer wieder stößt Verena Bentele an Grenzen, erkennt sie und verschiebt sie. Heute sind Grenzerfahrungen ein Thema, das sie als Expertin für Personalentwicklung, Coach und Top Speaker gerne zur Sprache bringt. „Durch Grenzen erlebe ich sehr gut, wo meine Fähigkeiten liegen, aber natürlich wird anhand von Grenzen auch klar, wo ich noch Potenzial habe. Mich haben Grenzen immer auch interessiert, weil viele Menschen einer blinden Frau viel weniger zutrauen. Es geht sicher auch immer ein wenig darum, zu zeigen, dass meine Blindheit nicht die Beschränkung von Möglichkeiten bedeutet, sondern, dass es vielmehr möglich ist, meinen Weg zu gehen“, erklärt sie im Interview mit akzent.

Star des Wintersports

Dieser Weg führt sie als Kind zunächst zum Judo, dann zum Reiten und schließlich auf die Loipe. Mit zehn Jahren beginnt sie mit dem Langlaufen, bald darauf mit dem Biathlon. Mit 15 wird sie Europameisterin, mit 16 gewinnt sie die erste Goldmedaille bei den Paralympics (1998 in Nagano). Es folgen zwei Dutzend Gold-, Silber- und Bronzemedaillen bei paralympischen Spielen und Weltmeisterschaften, mehrfach gewinnt sie zudem den Biathlon- und Langlauf-Weltcup. Verena Bentele zählt zu den erfolgreichsten Wintersportlern der Welt. „Mir war immer wichtig, dass ich neue und spannende Herausforderungen erkenne und diese annehme. Natürlich freut es mich, wenn ich meine Ziele dann auch erreiche. Klar ist aber auch, dass hinter jedem neuen Schritt in meinem Leben viel Training und Arbeit stehen. Und natürlich erreiche auch ich meine Ziele nie alleine, sprich meine Familie, meine Freunde und Kollegen sind ein wesentlicher Teil des Erfolges.“ Aus diesem Umfeld bezieht sie, wie sie sagt, ihre Stärke.

Training des Vertrauens

Mit der Note „sehr gut“ schließt sie im Jahr 2011 ihr Studium der Neueren Deutschen Literatur mit den Nebenfächern Sprachwissenschaften und Pädagogik ab. Im selben Jahr beendet sie ihre sportliche Karriere, um beruflich Fuß zu fassen. Sie macht eine Ausbildung zum Systemischen Coach und arbeitet heute als freiberufliche Referentin im Bereich Personaltraining und -entwicklung. Neben „Motivation“, „Kommunikation“ und „Leistungsdruck als Herausforderung“ gehört „Vertrauen“ zu ihren Kernthemen. Was steckt dahinter? „Seit meiner Kindheit habe ich gelernt, dass mir Vertrauen viele Türen öffnen kann. Durch das Vertrauen in meine Eltern konnte ich beispielsweise Skifahren und Radfahren lernen. Durch das Vertrauen in meine Fähigkeiten ist es mir möglich, immer wieder neue berufliche Etappen zu gehen, wie zum Beispiel die Kandidatur im Mai als Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland. In meinen Vorträgen spreche ich immer davon, dass wir Vertrauen unbedingt trainieren sollten. Denn Fehler und Rückschläge kennt jeder. Trotz dieser dann aber weiter am Ball zu bleiben, darum geht es im Training des Vertrauens.“

Weitere Ziele im Blick

Schon hat die 36-Jährige, die auch verschiedene soziale Projekte unterstützt, weitere Ziele: Im Juni fährt sie zum dritten Mal den Radmarathon von Trondheim nach Oslo, 540 Kilometer am Stück mit etwa 3400 Höhenmetern, ohne Schlaf. „Da wir die Strecke mit einer ganzen Gruppe fahren, freue ich mich besonders auf das Erlebnis als Team. Außerdem möchte ich sehr gerne dieses Jahr den München Marathon laufen und im Sommer nehme ich in Berlin am Mauerlauf, einem Lauf rund um Berlin, in einer Staffel teil.“

Gemeinsam lernen

Sport spielt also immer noch eine Rolle im Leben von Verena Bentele. Das Verschieben von Grenzen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wie auch in jene eines starken Teams gehören für sie dazu. Diese Themen klingen auch durch, wenn sie nach ihrem Wunsch zum Thema „Inklusion“ gefragt wird. „Kurz gesagt wünsche ich mir, dass wir mehr über die Möglichkeiten als über die Hindernisse der Inklusion sprechen. Gerade im Hinblick auf das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung können wir die Zukunft nicht besser einleiten.“

www.verena-bentele.com

Text: Ruth Eberhardt | Fotos: Silvia Béres, Verena Bentele

Für Künstler und Fußballer

In der Bodenseeregion gibt es vielfältige Aktivitäten für und mit Menschen mit Behinderung.

Von überregionaler Strahlkraft ist der Bundeskunstpreis für Menschen mit Behinderung, den die Stadt Radolfzell jetzt zum 21. Mal ausgeschrieben hat. Am Wettbewerb können Künstler ab 16 Jahren teilnehmen, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben und deren Behinderungsgrad bei mindestens 80 Prozent liegt. Die Art der Behinderung (geistig, körperlich oder psychisch) spielt keine Rolle. Die Preisverleihung findet am 16. September im Milchwerk Radolfzell statt, danach werden die eingereichten Werke bis 11. November in der Radolfzeller Villa Bosch ausgestellt.

Ein weiteres aktuelles Beispiel ist ein großes Fußballturnier: Der PluSport Behindertensport Schweiz kommt zum ersten Mal mit einem offiziellen Ligaturnier der Sektion Fußball für Menschen mit Behinderung in die Ostschweiz. Der FC Kreuzlingen richtet dieses Turnier am 19. Mai im Hafenareal Kreuzlingen aus.

Marcel Hug

Marcel Hug ist oft der Schnellste. Der Rollstuhl-Leichtathlet hat Weltrekorde aufgestellt, Europa- und Weltmeistertitel errungen und bei den Paralympics in Rio de Janeiro 2016 mehrere Medaillen gewonnen: Gold holte er über 800 Meter und im Marathon, Silber über 1500 und 5000 Meter. Vor Kurzem wurde er bei den „Laureus World Sports Award“, der weltweit wichtigsten Sport-Auszeichnung, zum Behindertensportler des Jahres 2018 gekürt. Marcel Hug wurde im Jahr 1986 mit Spina bifida (offenem Rücken) geboren und wuchs auf einem Bauernhof im thurgauischen Pfyn auf. Inzwischen lebt der Profisportler in Nottwil im Kanton Luzern.

Thomas Brüchle

Der Rollstuhlfahrer Thomas Brüchle aus Lindau hat an der Tischtennisplatte schon viele große Erfolge erzielt. Der 41-Jährige belegt derzeit Platz vier der Weltrangliste, wurde 2017 im Team Weltmeister, erreichte bei den Paralympics 2016 und 2012 in der Mannschaftswertung jeweils den zweiten Platz und schrammte im Einzel knapp an einer Medaille vorbei (4. bzw. 5. Platz). Trotz dieser Erfolge hat sich der querschnittsgelähmte Grund- und Hauptschullehrer seine bescheidene Art bewahrt. Auf Taktik, Ballgefühl und eine gute Reaktion kommt es für ihn in seiner Sportart an. Sein nächstes Ziel sind die Paralympics in Tokio 2020.

Alina Rosenberg

Die Konstanzerin Alina Rosenberg kam nicht trotz, sondern wegen ihrer Behinderung zu ihrem Sport. Schon als Kind saß sie auf einem Pferd – zunächst handelte es sich um therapeutisches und dann um integratives Reiten für ein Mädchen, das Spastiken vor allem in den Beinen hat. Jetzt ist die 26-Jährige, die derzeit Soziale Arbeit studiert, eine erfolgreiche Dressurreiterin. Bei den Paralympics in Rio 2016 gewann sie mit dem deutschen Team Silber. 2017 erhielt sie bei den Europameisterschaften in einer Einzelentscheidung eine Medaille: Sie erreichte Platz 3 in der Kür. Ihr großes Ziel sind jetzt die Weltreiterspiele 2018 in Tryon/USA.

Anna-Lena Forster

Für die Monoskifahrerin Anna-Lena Forster aus Radolfzell-Stahringen ging bei den paralympischen Winterspielen in Pyeongchang der Traum vom Gold in Erfüllung. Die 22-jährige Psychologiestudentin gewann den Slalom in der sitzenden Klasse und holte sich in der Super-Kombination die zweite Goldmedaille. Schon bei den Paralympics in Sotschi vor vier Jahren mischte sie in der Weltspitze mit: Sie gewann damals zwei Silber- und eine Bronzemedaille. Anna-Lena Forster kam ohne ihr rechtes Bein zur Welt, das linke Bein ist stark verkürzt. Fürs Skifahren steigt sie in einen eigens für sie angefertigten Monoski mit Sitzschale.