Viele Künstler, Malerinnen, Literaten und Schriftstellerinnen kamen in den vergangenen 200 Jahren an den Bodensee. Manche ließen sich dauerhaft nieder, andere zogen bald weiter. In welchen persönlichen Beziehungen standen sie zueinander? Und wie beeinflussten sie sich gegenseitig in ihrem Schaffen? Diesen Fragen geht das Zeppelin Museum in Friedrichshafen in einer Sonderausstellung mit Wohnzimmeratmosphäre nach. Der Titel: „Beziehungsstatus offen“.

Sie kamen voller Hoffnung oder wegen persönlicher Sinnkrisen, suchten aus politischen Gründen eine neue Heimat oder hatten Sehnsucht nach einem paradiesischen Ort – für eine kurzzeitige Sommerfrische oder als Lebensmittelpunkt. 1904 zog beispielsweise das frisch verheiratete Paar Hermann und Mia Hesse nach Gaienhofen; Hesse pflegte später eine enge Beziehung zu dem Maler Hans Purmann. Erika Mann und Gustav Gründgens kamen 1926 auf ihrer Hochzeitsreise nach Friedrichshafen – ein Paar mit vielerlei Verbindungen in die damalige Künstlerszene. Der Schriftsteller Norbert Jacques hatte die Idee zu „Dr. Mabuse“, der dämonischen Titelfigur seines 1920 erschienenen Erfolgskrimis, bei einer Schifffahrt auf dem Bodensee. Und der Kunst- und Bildwissenschaftler Aby Warburg 1923 hielt in Kreuzlingen einen Vortrag über das Schlangenritual der Hopi, der zu seinem bekanntesten Text wurde. Die Aufzählung solcher Beispiele, verbunden mit der Frage nach Zusammenhängen, lässt sich noch lange fortsetzen. Die Dichterin Annette Droste Hülshoff kommt ebenso vor wie die Maler Willi Baumeister und Max Ackermann sowie der Schriftsteller Martin Walser, der mehrfach von André Ficus porträtiert wurde.


© Zeppelin Museum, Foto Klaschka

Verweilen in Hausschuhen

Das Besondere der Sonderausstellung, die ab Mitte Dezember zu sehen ist: Sie untersucht erstmals länder- und gattungsübergreifend das wechselseitige Beziehungsgeflecht von Kunst und Literatur am Bodensee vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Die Ausstellung zeigt, wie sich Kunst- und Literaturschaffende gegenseitig inspirierten, unterstützten und bei Projekten zusammenarbeiteten. Außergewöhnlich ist zudem die Art der Präsentation: Das Zeppelin-Museum hat für die Ausstellung mehrere Räume geschaffen, die an private Wohnzimmer erinnern. Die Gäste sind eingeladen, in Hausschuhen zu verweilen, in Büchern zu lesen und sich wie zu Hause zu fühlen. Mit einem Re-Entry-Ticket können sie immer wieder zurückkommen und mithilfe eines personalisierten Lesezeichens an ihren letzten Aufenthalt anknüpfen. Zudem sind Kreative aufgefordert, sich aktuell mit dem Bodensee auseinanderzusetzen und Kunstwerke oder Texte einzureichen, die in die Ausstellung integriert werden. So entsteht eine partizipativ konzipierte Themenschau. Das Museum wird, wie es in einer Pressemitteilung heißt, zu einem „sozialen Ort der Begegnung und des Austauschs, des Verweilens und der Aneignung“.

Zeppelinmuseum Friedrichshafen © DBT Foto Denger

Ein Zwei-Sparten-Haus für Technik und Kunst

Bei den gezeigten Werken handelt es sich um hochkarätige Leihgaben aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie um Exponate aus der eigenen Sammlung. Das Zeppelin Museum direkt am Hafen ist nämlich ein Zwei-Sparten-Haus für Technik und Kunst. Seine Kunstsammlung umfasst fast 4000 Werke, die einen Bogen von Meistern des Mittelalters und des Barock über führende Vertreter der Avantgarde bis hin zur Gegenwartskunst spannen. Benannt ist das Zeppelin Museum freilich nach seiner Technik-Sparte: Es verfügt nach eigenen Angaben über „die weltweit bedeutendste und umfangreichste Sammlung zu allen Aspekten der Luftschifffahrt von ihren Anfängen bis in die Gegenwart“. Höhepunkt ist die 33 Meter lange, begehbare Teilrekonstruktion von LZ 129 Hindenburg, dem aufgrund der Katastrophe von Lakehurst anno 1937 bekanntesten Zeppelin.

17.12.–14.04.
Zeppelin Museum
Seestraße 22
D-88045 Friedrichshafen
www.zeppelin-museum.de

Text: Ruth Eberhardt

Beitragsbild: André Ficus, Porträt des Schriftstellers Martin Walser, 1968, Öl auf Leinwand, 70 x 61 cm. Nachlass André Ficus, Frieder und Petra Gros, Friedrichshafen