– leicht gedacht, schwer gemacht

Jede Medaille hat zwei Seiten. Auch das Volksbegehren Artenschutz – „Rettet die Bienen“. Die Idee ist einleuchtend: Weniger Einsatz von Schädlings- und Unkrautbekämpfungsmitteln (Pestizide und Herbizide) und mehr Bio-Landwirtschaft führen zu mehr Artenvielfalt bei Insekten und anderen Tieren. Super, wo kann ich unterschreiben? Aber halt: Bauernverbände wehren sich und verweisen auf die bereits hohen Standards und die ökonomischen Folgen des vorgeschlagenen Gesetzes. Klar ist allen: Es muss sich was ändern! Aber was?

Dr. Anja Weidenmüller erforscht an der Uni Konstanz das Verhalten und die Gefährdung von Wildhummeln und -bienen. „Die Tatsache, dass es einen dramatischen Verlust an Artenvielfalt, so genannter Diversität gibt, ist unstrittig. Der Rückgang von 75% der Biomasse von Insekten ist gut dokumentiert und hat für die restliche Tierwelt gravierende Folgen. Es gibt entsprechend weniger Nahrung für größere Tiere und Vögel, so dass auch hier der Rückgang dramatisch ist.“ Der Einsatz von Unkraut- und Schädlingsvernichtern in der Landwirtschaft ist einer der Gründe für diese Entwicklung, aber nicht nur die Landwirtschaft muss sich ändern. Die Forderungen der Bienen-Initiative von 50% Ökolandbau bis zum Jahr 2035, der Halbierung der Fläche, auf der Pestizide eingesetzt werden dürfen, bis 2025 und das vollständige Verbot von Pestiziden in Naturschutzgebieten geht aber selbst Wissenschaftlern zu weit. Zusammen mit den Obst- und Weinbauern am See sind sich jedoch alle einig, dass die Vorschläge in die richtige Richtung gehen.

Staatsweingut Meersburg

Subventionen umverteilen

Der Agraringenieur Philipp Haug, ökologischer Berater der Insel Mainau, betreut den dortigen Versuchs-Weinberg: „Am besten wäre ein System, dass sich selbst gesund erhält, aber das ist illusorisch. Auch der Bio-Landbau greift ins System ein, um Kulturpflanzen wie Obstbäume und Weinreben gesund zu halten. Er tut das mit biologischen Mitteln statt chemisch-synthetischen, aber es bleibt eine Gratwanderung.“ Hinzu kommt das Problem der aufwändigen und teuren Zulassung von Alternativmitteln. „Aber wir dürfen das Thema nicht einfach auf die rechtlichen Rahmenbedingungen reduzieren, das ist nur ein Baustein. Artenschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Nur die Bauern in die Verantwortung zu nehmen, ist zu kurz gedacht.“ Haug verweist auf Subventionen für die Landwirtschaft in Höhe von 60 Mrd. Euro, die in der EU jährlich zum großen Teil als pauschale Flächenprämien verteilt werden, und somit die Produktion billiger Nahrungsmittel überhaupt erst ermöglichen. Stattdessen plädiert er für die Umverteilung der Förderung zu einer sinnvollen, umwelt- und – wie die Mainau es treffend nennt – enkeltauglichen Landwirtschaft. Denn nicht jeder kann oder will sich Bio-Lebensmittel leisten, in deren höheren Preisen die Umweltleistungen der Bauern enthalten sind. „Das ist ein kollektives Problem, also muss es kollektiv aus Steuergeldern und Subventionen bezahlt werden. Das Geld ist ja da, man muss es nur zweckgebunden einsetzen.“

Insel Mainau/Tobias Mayer

Negative Folgen

Ähnlich sieht es Dr. Jürgen Dietrich, Weingutdirektor am Staatsweingut Meersburg: „Wenn es nicht genug Menschen gibt, die die 50% Bioprodukte kaufen, dann greifen die marktwirtschaftlichen Gesetze: Es gibt einen Preisverfall und so treibt man die Biobauern in den wirtschaftlichen Ruin. Die familiären, bäuerlichen Strukturen gehen kaputt, statt einer klein gegliederten Landschaft mit guter Biotop-Vernetzung entstehen größere Betriebe. Das wäre ein Rückschritt.“ Das Staatsweingut legt Wert auf eine artenreiche Begrünung in den Weinbergen, am Hohentwiel wird bereits biologisch gewirtschaftet, eine behutsame und überlegte Ausweitung des Bio-Anbaus ist in Planung. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Der grundsätzliche Verzicht auf Pflanzenschutz ist selbst im ökologischen Landbau unmöglich, „das wäre das Ende der Kulturpflanzen“. Trotzdem ist auch Dietrich ein prinzipieller Befürworter der Idee des Volksbegehrens, macht jedoch darauf aufmerksam, dass an dem vorgeschlagenen Gesetzestext keinerlei Änderungen möglich sind. Sollten 770.000 Baden-Württemberger das Volksbegehren unterschreiben, kann der Landtag das Gesetz entweder exakt so übernehmen oder komplett ablehnen. „Der einzelne Bürger hat eine große Verantwortung. Man muss den Leuten bewusst machen, um was es geht.“

Insel Mainau/Peter Allgaier

Agrarwende ist nötig

Auf politischer Ebene wird wohl fieberhaft an verschiedenen Alternativentwürfen gearbeitet. Ein „Weiter so!“ darf nicht in Frage kommen, es bedarf einer grundlegenden Agrarwende, in der u.a. Umweltleistungen angemessen vergütet werden. Auch wenn Baden-Württemberg in Deutschland bereits ein Vorreiter in Sachen Artenschutz ist: Das kürzlich angenommene bayerische Volksbegehren zum Schutz der Bienen etwa hat den Freistaat erst auf denselben Stand gebracht, der im Südwesten schon längst gilt. Auch Österreich hat einen ähnlichen Standard. 

Und jetzt?

Unterschreiben oder nicht? Auf jeden Fall: Zuerst gründlich informieren. Dann bewusst entscheiden. Und gerne vor der eigenen Tür kehren: Muss man den Löwenzahn in der Einfahrt wirklich wegspritzen? Die Läuse an der Kletterrose kann man erst mal abstreifen oder mit Hausmitteln statt chemischer Keule bekämpfen. Der Rasen muss keine Golfqualität haben, und die immergrüne Kirschlorbeer-Hecke ist für Insekten praktisch nutzlos. Wer erst das Volksbegehren unterschreibt und dann mit seinem guten Gewissen und dem SUV zum Discounter fährt und Biotomaten aus Neuseeland kauft, hat das Problem noch nicht ganz verstanden.

Text: Tanja Adamski, Fotos: Insel Mainau/ Lisa Gottschalk, Tobias Mayer, Peter Allgaier

Der Gegenentwurf

Mitte Oktober präsentierte die grün-schwarze Landesregierung einen von Experten ausgearbeiteten Gegenvorschlag zum Volksbegehren Artenschutz. Er entspricht in weiten Teilen den Forderungen der Initiatoren, abgesehen vom Verbot des Pestizideinsatzes in Landschaftsschutzgebieten, gegen den die Landwirte, Winzer und Obstbauern heftig protestiert hatten. Insgesamt soll die Menge der eingesetzten Pflanzenschutzmittel deutlich sinken und der Anteil des Öko-Landbaus verdoppelt werden.

Ziel des Gegenentwurfs ist es, bisherige Unterstützer zu bewegen, auf medienwirksame Werbung für das Volksbegehren zu verzichten. Wenn weniger als 770.000 Menschen unterschreiben, gilt das Volksbegehren als gescheitert. Im Sinne des Artenschutzes ist das Angebot der Landesregierung und die in breite Schichten der Bevölkerung getragene Diskussion über sinnvolle Maßnahmen ein Fortschritt.