Es spricht vieles für Bioweine – denn kaum ein anderes Feldprodukt muss so viel, so oft mit Pestiziden behandelt werden wie Weinreben.

Zehn und mehr Spritzungen in einem Weinjahr sind oft nötig, um die ärgsten Rebenschädlinge wie Milben, Reblaus, den Echten und Falschen Mehltau etc. auszuschalten. Doch Pestizide hinterlassen Rückstände – in der Pflanze, im Boden und schlussendlich auch im Wein. Der Gehalt von Schadstoffen ist vielfach untersucht worden, teils mit erschreckend hohen Ergebnissen. Eine Tatsache, die von Weinliebhabern gern ausgeklammert oder verdrängt wird. Auch Weine aus biologischem Anbau sind nicht völlig frei von Belastungen, denn auch sie kommen nicht ganz ohne Pflanzenschutz aus. Allerdings verbietet schon das einfache EU-Öko-Label den Einsatz von chemisch-synthetischen Mitteln. In allen Untersuchungen zu Rückständen in den letzten zehn Jahren schnitten die nach ökologischen Kriterien erzeugten Weine daher deutlich besser ab als diejenigen aus konventionellem Anbau.

Bioweine noch eher selten am See

In der Bodensee-Region gibt es relativ wenige zertifizierte Biowinzer wie beispielsweise das Weingut Vollmayer in Hilzingen oder die (Bioland-)zertifizierten Weinproduzenten Haug und Teresa Deufel in Lindau sowie Lanz.Wein in Nonnenhorn. Oder Nadine und Cédric Strasser vom Winzerkeller Strasser beim Rheinfall. Hierzulande kaum bekannt ist das kleine Familienweingut Nachbaur im Vorarlberger Röthis, das wie Biowinzer Edy Geiger in Thal auf der Schweizer Seite des Rheintals mit über 30 Jahren Biobetrieb zu den Ökowein-Pionieren in der Region gehört. Trotz spürbarem Aufwind für Bioweine in den letzten Jahren liegt der Anteil im Vergleich zum konventionellen Weinbau aber auch in der Schweiz noch weit unter 5 Prozent. Grund dafür sind vor allem die aufwendigen und kostspieligen Verfahren; allein die Umstellung auf Bio dauert etwa drei Jahre. Viele der am Bodensee überwiegend kleineren Weinproduzenten – oft noch reine Familienbetriebe mit Rebflächen zwischen vier und zehn Hektar – pflegen zwar naturnahen Weinbau, halten aber den Aufwand für eine Zertifizierung für unwirtschaftlich, zumal sich auch die Nachfrage speziell nach Bioweinen aus der Region in Grenzen hält. Dies ist nicht zuletzt allerlei Vorurteilen geschuldet, wie etwa zu „hoher Preis“ oder „saure Weine“. Dass dies nicht der Fall ist, beweisen das Bioweingut Lenz in Uesslingen und Edy Geiger mit ihren seit Jahren mit Auszeichnungen überhäuften Weinen. Und wer Marco Casanovas (gerade von der Weinzeitschrift Vinum und Bio Suisse zum Biowinzer des Jahres 2017 gekürt) „Pinot Noir Fürscht“ probiert, wird dem biologisch-dynamisch engagierten Winzer aus dem Kanton St. Gallen ein faszinierend facettenreiches Weinerlebnis attestieren.

Wer sucht, der findet

Unter den größten Weinproduzenten am See betreibt immerhin der Winzerverein Hagnau unter dem Label DE-ÖKO-022 ein kleines Kontingent an Bio-Grau- und Spätburgundern, Müller-Thurgau und Regent. Und Markgraf von Baden hat vor gut zwei Jahren in Kooperation mit dem Bio-Weinimporteur Peter Riegel in Orsingen bei Stockach unter der Marke Markgräflich Badisches Rebgut eine kleine Biolinie aufgelegt, zunächst mit drei Klassikern aus der Lage Birnau. Am See zu finden sind außerdem auch einige kleinere Bioweinerzeuger, so beispielsweise der Burgunderhof in Hagnau, Weinbau Trutmann in Stein am Rhein oder Broger Weinbau in Weinfelden. Alle produzieren vielfältig interessante, teils eigenwillige Weine (Broger) von hoher Qualität, die unbedingt einen Versuch lohnen.

 

Kann man sich am See durch die Nähe zu den Weinproduzenten noch schlau machen, wie es in Sachen nachhaltigem oder naturnahem Weinbau (auch ohne Biosiegel) steht, ist das bei ausländischen Weinen natürlich ungleich schwerer. Und das gilt beileibe nicht nur für (Billig-)Weine, die aus industrialisiertem Anbau und von monokulturellen Flächen stammen, die ja – aus dem natürlichen Gleichgewicht geraten – besonders anfällig für Schädlinge sind und daher besonders intensive Spritzungen brauchen: Auch die Reben für qualitätsvollere Weine aus konventioneller Produktion kommen nirgendwo ohne Pestizide aus. Wer hier sicher gehen möchte, lässt sich am besten von einem guten Weinfachhändler beraten, der vielleicht seine Lieferanten persönlich kennt und dauerhafte Beziehungen zu ihnen unterhält.

Große Unterschiede bei Biosiegeln

Bei Weinen aus kontrolliert ökologischem Anbau spielt bei der Vertrauensfrage auch das jeweilige Biosiegel eine gewichtige Rolle. Und da gibt es große Unterschiede. Während das 2012 eingeführte EU-Biolabel die geringsten Anforderungen an die Voraussetzungen für die Ökoqualität stellt (nationale Siegel wie Bio-Austria oder Bio-Suisse gehen darüber hinaus), sind die Anforderungen für die Gütezeichen von Verbänden wie Bioland oder Naturland weitaus strenger. Zu den Hardlinern gehören das auf den Anthroposophen Rudolf Steiner zurückgehende Bio-Label Demeter mit dem so genannten biologisch-dynamischen Weinbau und das 1980 in der Schweiz gegründete Delinat (Symbol: eine Weinbergschnecke). Ähnlich wie bei Ecovin, dem deutschen Bundesverband ökologischer Weinbau, geht es hier um mehr als den Verzicht auf Chemie im Weinberg. Delinat-Winzer sind angehalten, im Einklang mit der Natur zu arbeiten, also Biodiversität zu fördern, den Weinberg als intaktes Ökosystem zu begreifen mit natürlichen Ausgleichsflächen, adäquater Begrünung mit Lebensraum für Kleinstlebewesen sowie nachhaltigem, behutsamem und klimaneutralem Weinbau mit gesundem Traubengut und Mengenbeschränkung. Diese Sorgfalt dankt der Wein in Form von Vollmundigkeit, vielfältigem Aromenspiel und einzigartigen Geschmacksnuancen. Delinatweine aus sieben Ländern Europas kann man im Delinat-Online-Shop bestellen oder in den Delinat-Depots (u. a. in St. Gallen, Winterthur und Zürich) direkt erwerben. In der Bodenseeregion ist das Weingut von Roland und Karin Lenz ein Delinat-Partner.

Alternative: Piwi-Weine

Wer auf geringe Schadstoffbelastung Wert legt, sollte auch auf die neuen Weinsorten von sogenannten pilzwiderstandsfähigen Rebzüchtungen (kurz: Piwi-Weine, siehe auch Seezunge 2017) zugreifen, die in jüngster Zeit zunehmend auch von konventionellen Winzern genutzt werden. Das große Plus der Piwis: Sie müssen entweder gar nicht oder nur ein- bis maximal dreimal mit Herbiziden gegen den verheerenden Mehltau gespritzt werden. Noch greifen viele Weinfreunde aber eher zu klassischen Weinsorten, dabei entgehen ihnen spannende Weinerlebnisse, seien es von weißen Piwis wie Johanniter, Muscaris, Souvignier Gris oder Solaris oder von roten wie Cabernet Jura, Cabernet Cortis, Maréchal Foch oder Regent. Hinter den noch ungewohnten Sortennamen kann man interessante und ausdrucksstarke Weine mit einer facettenreichen Fruchtigkeit und Aromafülle entdecken. Allerdings sind Piwi-Weine zwar schadstoffärmer, aber nicht automatisch bio, wenn sie im Übrigen nicht nach Bio-Richtlinien erzeugt werden. Umgekehrt haben viele Biowinzer vom Bodensee auch passende Piwi-Weine in ihrem Portfolio.

Ecovin, D-Freiburg | www.ecovin-baden.de
Bioweine Peter Riegel, D-Orsingen | www.riegel.de
Winzerverein Hagnau, D-Hagnau | www.hagnauer.de
Burgunderhof, D-Hagnau | www.burgunderhof.de
Lanz.Wein, D-Nonnenhorn | www.lanzwein.de
Haug, D-Lindau | www.weingut-haug.de
Teresa Deufel, D-Lindau | www.teresadeufel.de
Vollmayer, D-Hilzingen | www.vollmayer-weingut.de
Nachbaur, A-Röthis | www.weingut-nachbaur.at
Delinat AG, CH-St. Gallen | www.delinat.com
Simone Lanz Weine, CH-St. Gallen | www.weinesimonelanz.ch
Broger Weinbau, CH-Weinfelden | www.broger-weinbau.ch
Edy Geiger, CH-Thal | www.bioweingeiger.ch
Roland und Karin Lenz, CH-Uesslingen | www.weingut-lenz.ch
Winzerkeller Strasser, CH-Uhwiesen | www.winzerkeller-strasser.ch
Casanova Wein Pur, CH-Walenstadt | www.casnova-weinpur.ch
Weinbau Trutmann, CH-Stein am Rhein

Text: Heide-Ilka Weber