Der Bodensee: 63 Kilometer lang, 14 Kilometer breit und im Durchschnitt 90 Meter tief; das ergibt ein Wasservolumen von 48 Kubikkilometern – unvorstellbar viel Wasser.

Zugleich gibt es auch unvorstellbar viele Nutzungsinteressen, wie mit diesem vielen Wasser und seinen Bewohnern umzugehen ist. Der Bodensee ist ein wichtiges Trinkwasserreservoir für mehr als vier Millionen Menschen, Heimat für mehrere Millionen Einwohnerinnen und Einwohner aus drei verschiedenen Ländern, ein beliebtes Touristenziel (im Jahr 2016 wurden knapp 20,3 Millionen Gastübernachtungen in der gesamten Bodenseeregion gezählt), beliebt für Freizeitaktivitäten und zugleich auch der Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere. Besonders in Bezug auf die Fische häuften sich in den letzten Jahren die Schlagzeilen. Es ging um „zu sauberes Wasser“, „zu wenige Fische“ in den Netzen der Berufsfischer und damit auf den Tellern der Touristen und Einheimischen, um „zu viele Stichlinge“, um „Aquakultur“ und „Besatzmaßnahmen“. Eine unübersichtliche Ansammlung verschiedener Fisch-Themen, die nicht selten wild durcheinander geworfen wurden und werden. Doch was heißt denn eigentlich „zu sauber“? Was ist der Unterschied zwischen Aquakultur und Besatzmaßnahme? Und woher kommen denn nun die Felchen auf unseren Tellern? Bei einem so emotional diskutierten Thema kann man eigentlich nur verlieren, wenn man sich dazu äußert. akzent-Autorin und Fisch-Expertin Eva Baier wird es trotzdem tun – nicht, um Sie als Leserinnen und Leser auf die eine oder andere Seite zu ziehen, sondern um ein differenziertes Bild über ein hochkomplexes Ökosystem aufzuzeigen.

1. Ist der Bodensee zu sauber & was ist damit gemeint?

Die Eutrophierung & ihre Folgen

Der Bodensee ist ein kompliziertes Ökosystem, auf das zahlreiche Einflussfaktoren wirken, seit ca. 7.000 Jahren auch der Mensch. Bis ins 19. Jahrhundert kann der See als naturnah bezeichnet werden und sein Zustand zu dieser Zeit dient daher bei wissenschaftlichen Analysen als Referenzzustand. Mit der voranschreitenden Industrialisierung stieg die Belastung unserer Gewässer: Durch landwirtschaftliche Düngung und Abwässer gelangten große Mengen an Nährstoffen (vor allem Phosphor und Stickstoff) in Bäche, Flüsse und Seen – darunter natürlich auch der Bodensee. Diese Anreicherung von Nährstoffen wird Eutrophierung genannt.

Der Bodensee ist natürlicherweise ein nährstoffarmer Voralpensee (in der Fachsprache heißt dieser Zustand oligotroph), in dem vor allem Phosphor limitierend ist für das Pflanzenwachstum. Durch den erhöhten Eintrag von Nährstoffen – insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg – wurde das Pflanzenwachstum stark angeregt. Wenn Algen und Wasserpflanzen absterben und auf den Grund sinken, werden sie von Mikroorganismen abgebaut. Dieser Abbau benötigt sehr viel Sauerstoff, so dass die Sauerstoffkonzentration im Wasser sinkt. In einem kleinen See kann auf diese Weise das gesamte Leben wortwörtlich erstickt werden – man sagt der See „kippt“. In einem großen Gewässer wie dem Bodensee sind vor allem die tiefen Wasserschichten sowie die Flachwasserzonen von diesem Sauerstoffentzug betroffen gewesen. Da genau in diesen Gebieten viele Fischarten laichen und die Eier für die Entwicklung stets Sauerstoff benötigen, hat der O2-Entzug für diese Arten fatale Folgen: die natürliche Fortpflanzung wird schwer beeinträchtigt bis verunmöglicht. In den 70er Jahren gelang es durch politisches Eingreifen, die menschlichen Nährstoffeinträge durch den Bau von Kläranlagen, das Verbot von phosphorhaltigen Waschmitteln und Düngebeschränkungen wieder zu reduzieren.

 

Die Auswirkungen der Eutrophierung sind hochkomplex und das Ökosystem See kehrt nach solch einem Ereignis nicht einfach in seinen Ursprungszustand zurück, auch wenn die Nährstoffeinträge wieder reduziert werden. Zunächst einmal besteht ein See aus verschiedenen Wasserschichtungen mit unterschiedlichen Eigenschaften (Temperatur, Lichtverhältnisse, Nährstoffzusammensetzung, etc.) und Artenzusammensetzungen. So treten zum Beispiel die Erhöhung wie auch die Reduktion der Nährstoffeintragungen erst mit einer Verzögerung im Tiefenwasser auf. Gleichzeitig verändert sich mit der Eutrophierung die Artenzusammensetzung in den jeweiligen Schichten, da die verschiedenen Arten sich unterschiedlich schnell an die veränderten Umweltbedingungen anpassen können. Dies beginnt bei der Zusammensetzung und der Menge an Phytoplankton (kleine Wasserorganismen, die Photosynthese betreiben können), welches wiederum von Zooplankton gefressen wird (kleine Wasserorganismen, die keine Photosynthese betreiben). Das Zooplankton dient vielen Fischen als Nahrung und so konnte in der Zeit der Eutrophierung beobachtet werden, dass mit der Zunahme des Zooplanktons vermehrt Fischarten aus den Uferregionen ins Freiwasser wanderten. Die Barsche (auch Kretzer oder Egli genannt) ernährten sich zum Beispiel in den Zeiten der Eutrophierung nachweislich vermehrt von Zooplankton im Freiwasser, statt wie davor und danach von Fischen und kleinen wirbellosen Tieren in der Nähe des Ufers.

Und auch das Felchen – der beliebteste Speisefisch am Bodensee – reagierte auf das erhöhte Nahrungsangebot: Die Tiere wuchsen schneller und wurden vermehrt gefangen, bevor sie sich fortgepflanzt hatten. Daher musste die Maschenweiten der Fischer angepasst werden, damit sie nicht zu viele Jungfische fingen und so den Nachwuchs gefährdeten. Zugleich wurde aber auch die natürliche Fortpflanzung der Felchen stark beeinträchtigt. Felchen legen ihre Eier – die, wie erwähnt, für ihre Entwicklung ausreichend Sauerstoff benötigen – in großer Tiefe ab; durch die Eutrophierung des Sees wurde in den tiefen Wasserschichten der Sauerstoff knapp und so die Eientwicklung der Felchen stark beeinträchtigt. Insgesamt stieg damals die Menge der gefangenen Fische an, zugleich sank aber der Anteil der gefangenen Felchen – es wurden vor allem Barsche und Weißfische (Überbegriff für verschiedene karpfenartige Fische mit vielen Gräten) gefangen. Diese Erträge gingen nach der Eutrophierung wieder zurück; die Felchenfänge hatten sich nach der Eutrophierung auf einem tiefen Niveau stabilisiert, wobei in den letzten Jahren die Erträge nochmals deutlich zurückgegangen sind. Die Tatsache, dass vorwiegend immer ältere Tiere gefangen werden, lässt auf ein vermindertes Wachstum aufgrund der geringeren Nahrungsmenge schließen, da der See mehr und mehr wieder in seinen natürlichen – nämlich nährstoffarmen – Zustand zurückkehrt. Im Obersee sind bis in die tiefen Wasserschichten heute genug Sauerstoffkonzentrationen vorhanden, dass Fische hier leben können. In Teilen des flacheren, wärmeren und dadurch produktiveren Untersees tritt jedoch bis heute phasenweise noch Sauerstoffmangel in der Tiefe auf.

Ist der See zu sauber?

Für die Berufsfischer ist der Rückgang der Fangmengen – insbesondere der Felchenfänge – sehr schwierig bis hin zu existenzbedrohend. Daher kam in den vergangenen Jahren immer wieder die Forderung auf, man solle doch den See mit etwas Phosphor wieder düngen (oder weniger Abwasser reinigen), so dass die Biomasse an Fischen wieder steigt. Die Theorie dahinter lautet, dass der See „zu sauber“ sei (also zu wenig Nährstoffe beinhaltet), um die gewünschte Menge an Fischen hervorzubringen. Aus wissenschaftlicher Sicht kann ein See nicht „zu sauber“ sein. Zudem sind laut der internationalen Gewässerschutzkomission für den Bodensee (IGKB) die aktuellen Phosphor-Konzentrationen immer noch über dem natürlichen und historisch belegten Zustand – dazu kommen jährlich weitere Phosphor-Eintragungen in der Höhe von 80 bis 160 Tonnen.

Dem Ruf nach mehr Phosphor liegt vielmehr eine grundsätzlich Haltung zugrunde: Ist der Bodensee eine reine Produktionsfläche, die man wie ein Feld einfach düngen kann um mehr Ertrag zu generieren, oder ist der Bodensee ein wertvolles Ökosystem, dass es in seinem natürlichen Zustand zu bewahren gilt? Oder anders formuliert: Müssen wir uns dem System anpassen oder passen wir das System uns an? Dabei stellt sich dann – abgesehen von der moralischen Komponente, ob wir das tun sollten – die Frage, ob wir das überhaupt können. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Auswirkungen einer erneuten Phosphor-Düngung hoch umstritten. Grundsätzlich gibt es heutzutage nicht weniger Fische im Bodensee, sondern vor allem kleinere, sprich: Die Tiere wachsen langsamer. Dabei spielen aber noch andere Faktoren als die reine Phosphormenge eine Rolle. Zum Beispiel der nicht einheimische Dreistachelige Stichling: Dieser kleine Fisch, der durch seine drei Stacheln am Körper gut geschützt ist gegen Fressfeinde, wurde in den 1930er Jahren in den Bodensee eingeschleppt. Seither tritt der Fisch immer wieder in so großen Massen auf, dass er den Felchen schlicht die Nahrung wegfrisst. Der Grund für die enormen Populationszunahmen sind nicht bekannt – belegt hingegen ist jedoch die Reduktion der Felchenfänge zu diesen Zeiten. Eine Erhöhung des Nährstoffgehaltes könnte also die bestehende Artenzusammensetzung noch weiter verschieben zugunsten von Arten, die damit am besten umgehen können – das sind aber nicht unbedingt die beliebten Speisefische.

Dies bedeutet, dass wir durch die Geschichte des Bodensees heute eine andere Artenzusammensetzung haben, als vor oder während der Eutrophierung, und somit nicht durch eine erneute Düngung automatisch in den Ursprungszustand zurückkehren können. Dies wird bestätigt durch Untersuchungen aus der Schweiz: Diese zeigen, dass Seen, in denen nie eine Eutrophierung stattgefunden hat, eine höhere Biodiversität (also eine größere Artenvielfalt) aufweisen als solche, bei denen es zu einem menschenbedingten Nährstoffanstieg kam. Der Grund dafür liegt in den sauerstoffarmen tiefen Schichten, deren Bewohner – wie gewisse Felchenarten – schlichtweg ausgestorben sind oder sich mit anderen Arten vermischt haben. Ob sich aus den noch bestehenden Arten wieder welche entwickeln, die in den nun wieder belebbaren tiefen Seeschichten leben werden, ist ungewiss. Es ist also wichtig zu verstehen, dass eine Eutrophierung zuerst einmal eine irreversible Sache ist. Davon abgesehen ist eine Verminderung der Phosphoreinträge auch juristisch nicht erlaubt. Denn nach der EU-Wasser-Rahmenrichtlinie ist der gewässertypspezifische natürliche Zustand eines Gewässers zu erhalten und eine Verschlechterung des bestehenden Gewässerzustandes verboten.

Aufgrund dieser Gemengelage wurde bisher immer gegen ein Phosphormanagement entschieden. Das kommt auch uns Menschen – unabhängig von den Fischen – zu Gute. Phosphor beeinträchtigt zwar nicht direkt die Trinkwasserqualität, aber die Aufbereitungskosten würden bei erhöhten Nährstoffkonzentrationen aufgrund der erhöhten Verschmutzung durch Algen steigen. Diese können zudem an den Ufern üble Gerüche verbreiten und den Badebetrieb beeinträchtigen. Außerdem hilft uns ein nährstoffarmer See die heute schon messbaren Auswirkungen des Klimawandels abzufedern. Durch die immer kürzeren Kälteperioden besteht die Gefahr, dass immer weniger Sauerstoff in den See gelangt. Bei vielen vorhandenen Nährstoffen entzieht der Abbau der Algen dem See weiter Sauerstoff, was somit die Situation verschärfen und insbesondere die Wasserqualität des Tiefenwassers wieder verschlechtern würde.

Die Ausgangslage ist also folgendermaßen:

  • Die Nachfrage nach Bodenseefischen ist aktuell größer als die Menge an gefangenen Tieren.
  • Eine potenzielle Erhöhung des Fischbestandes durch erhöhte Phosphoreinträge wird abgelehnt.
  • Weniger Fisch essen oder vermehrt andere Arten auf den Teller zu bringen ist in der Bevölkerung unpopulär.

Daher kam die Idee auf, man könne vermehrt in die Fischzucht investieren. Doch was ist damit genau gemeint?

2. Was versteht man unter Fischzucht?

Das Wort Fischzucht wird für verschiedene Sachverhalte verwendet, was immer wieder zu Missverständnissen führt. Im Folgenden wird für das bessere Verständnis die Trennung vorgenommen zwischen klassischen Besatzmaßnahmen und der sogenannten Aquakultur – auch wenn die Begriffe nicht scharf zu unterscheiden sind und der Besatz manchmal als Teil der Aquakultur gesehen wird.

Besatzmaßnahmen

Für Besatzmaßnahmen werden Elterntiere aus einem Gewässer entnommen, die Eier und die Spermien aus den Fischen gewonnen (man spricht in der Fachsprache vom „Streifen“ der Tiere, da die Eier und Spermien abgestreift werden), künstlich befruchtet und dann aufgezogen. Unter den geschützten Bedingungen in den Brutanstalten entwickeln sich mehr kleine Fische, als es in der Natur der Fall wäre. Die kleinen Fische werden dann in das Ursprungsgewässer zurückgesetzt. Rund um den Bodensee gibt es um die acht Fischbrutanstalten, die vor allem fischereilich interessante Arten wie Felchen, Seeforelle und Seesaibling züchten. Ziel des Fischbesatzes ist die Gewährleistung möglichst konstanter Fangerträge und die Bestandszahlen insgesamt zu erhöhen. In der Vergangenheit wurden nicht immer nur Elterntiere aus demselben Gewässer entnommen, sondern auch Fische von weit her bei eingesetzt.

Mittlerweile hat man festgestellt, dass die „einheimischen“ Tiere eine höhere Überlebenschance haben, da sie besser an „ihr“ Gewässer angepasst sind. Diese genetische Vielfalt innerhalb der Arten möchte man erhalten, und daher wird für den Besatz heutzutage darauf geachtet, dass die Elterntiere aus demselben Gewässer(abschnitt) stammen. Man spricht in der Fachsprache von autochthoner Bewirtschaftung (autochthon bedeutet „heimisch/derselben genetischen Einheit zugehörig“). Zudem werden die Tiere in einem möglichst jungen Entwicklungsstadium ausgesetzt (zum Teil schon als Eier oder als Jungfische), damit sie sich früh an das Gewässer anpassen. Im Bodensee wird schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts der Fischbestand durch Besatzmaßnahmen gestützt. Durch die massiven Veränderungen des Seezustandes durch die Eutrophierung haben diese Maßnahmen vermehrt auch die Funktion des Arterhalts bekommen (siehe Kasten zur Seeforelle).

Aquakultur

Unter Aquakultur versteht man im Allgemeinen die kontrollierte Aufzucht von Wasserorganismen – insbesondere auch von Fischen – für deren Verzehr. Dies kann einerseits in Netzen (in so genannten Netzgehegen) in einem natürlichen Gewässer (Meer oder See) stattfinden oder in einer in sich geschlossenen Anlage an Land beziehungsweise in einer Anlage an Land, die das Wasser aus einem natürlichen Gewässer entnimmt. Der Einsatz von Netzgehegen im Bodensee ist hoch umstritten und wird von diversen Interessensgruppen bekämpft. Die Befürworter argumentieren mit der lokalen Produktion von Lebensmitteln, was einen geringeren ökologischen Fußabdruck bedingt als der Import von Zuchtfischen aus anderen Ländern, da der Wildfischfang allein den Bedarf bei weitem nicht mehr deckt. Die Bedenken gegen Aquakulturen sind vielfältig und reichen von lokaler Überdüngung durch den organischen Abfall der Fischzucht (Futterreste, Kot) über Fischkrankheiten, die sich dann auf die Wildtiere übertragen könnten, bis hin zu Vorbehalte gegenüber der Anreicherung von Behandlungsmitteln der Zuchttiere wie Antibiotika. Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es eine deutsche Genossenschaft, die gerne Felchen in Netzgehegen am Überlingersee züchten möchte – das letzte Wort ist diesbezüglich aber noch nicht gesprochen worden.

Inwieweit die Aquakultur die Existenz von Berufsfischern sichern kann, ist aktuell noch unklar. Es gibt unter den Fischern Befürworter, die gerne ihren Wildfang mit Zuchtfischen ergänzen würden, um weiterhin existieren zu können – aber es gibt auch Gegner, für die nur das Wildfischen (und Besatzmaßnahmen) in Frage kommt.

Die faszinierende Seeforelle

Die Seeforelle weist einen interessanten Lebenszyklus auf. Die Tiere leben als erwachsene Tiere im Bodensee und ziehen dann zum Laichen die Flüsse hinauf. Dort entwickeln sich dann die Eier zu Jungfischen, welche dann wieder in den Bodensee abwandern und später als erwachsene Tiere in das Gewässer zurückkehren, in dem sie selbst geschlüpft sind. Leider wurden in der Vergangenheit zahlreiche Flüsse für Hochwasserschutzmaßnahmen oder zur Energiegewinnung verbaut, so dass die Seeforellen nur noch beschränkt Zugang zu ihren Laichgebieten haben. In Kombination mit der Eutrophierung des Bodensees führte dies dazu, dass die Seeforelle beinahe ausstarb. Durch aufwändige Erhaltungsmaßnahmen konnte das Aussterben verhindert werden, aber bis heute gilt die Seeforelle als gefährdete Fischart, die sich im Bodensee noch immer nicht durch natürliche Fortpflanzung selbst erhalten kann. Daher werden jährlich in ca. 120 Bodenseezuflüssen über 1,6 Millionen Seeforellen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien (Eier, Jungfische) ausgesetzt. Da sich die Seeforellen genetisch unterscheiden, je nachdem in welche Flüsse sie einsteigen, muss man speziell bei dieser Art bei den Besatzmaßnahmen ganz genau darauf achten, dass man nur Fische aus dem jeweiligen Einzugsgebiet einsetzt. In Bezug auf die Seeforelle werden die Besatzmaßnahmen für die Arterhaltung und auch für die Bestandsstützung durchgeführt. Ziel ist, dass langfristig die Defizite in den Zuflüssen soweit behoben werden und die Gesamtpopulationen im Bodensee so groß sind, dass die Bestände sich selbst erhalten können.

3. Woher stammen die Felchen auf meinem Teller?

An dieser Stelle fragen sich bestimmt einige: Wenn es aktuell schon wenige Bodenseefelchen gibt, woher stammen dann die Tiere auf meinem Teller? In den Zeiten der Eutrophierung ist der Bestand der Felchen stark zurückgegangen; um die Bestandszahlen und damit die Fangzahlen zu erhöhen oder wenigstens auf einem stabilen Niveau zu halten, werden Besatzmaßnahmen durchgeführt. Daher stellt sich die berechtigte Frage, ob die Felchen, die wir essen, aus natürlicher Fortpflanzung stammen oder aus Besatzmaßnahmen.

Wichtig ist dabei zu unterscheiden, dass auch die Tiere aus dem Besatz von Elterntieren aus dem See stammen, stets frei im See aufgewachsen und damit Wildfänge sind. Aquakultur hingegen, bei der die Tiere nur in Gefangenschaft leben, wird wie erwähnt aktuell im Bodensee noch nicht betrieben. Um nun beantworten zu können, woher die Fische auf unseren Tellern stammen, muss man herausfinden, wie groß der Anteil der Besatzfische ist. Dies ist nicht einfach, besonders da der Erfolg der Besatzmaßnahmen stark abhängig davon ist, wo und ich welchem Alter die Fische ausgesetzt werden. Zudem ist dann zwar bekannt, wie viele Fische künstlich ausgesetzt wurden, aber nicht, wie viele sich natürlich entwickelt haben. Um dies herauszufinden werden immer wieder Markierungsversuche von Wissenschaftlern durchgeführt. Dazu markiert man die Gehörknöchelchen der Fische – die Eier oder Jungfische werden für eine gewisse Zeit in Wasser mit einem Farbstoff gehältert, wodurch sie die Farbe aufnehmen. An den Gehörknöchelchen kann man noch Jahre später unter einem speziellen Mikroskop die Farbe erkennen. Am Bodensee wurden im Jahr 2003 solche Untersuchungen durchgeführt und dabei festgestellt, dass rund 60 Prozent der gefangenen Tiere aus Besatzmaßnahmen stammten. Diese Zahl ist erstaunlich hoch, da sich eigentlich die Entwicklungsbedingungen der Felcheneier deutlich verbessert haben, weil mittlerweile auch am Seegrund der Sauerstoffanteil wieder so hoch ist, dass theoretisch eine Eientwicklung stattfinden kann. Der Grund für den hohen Anteil könnte einerseits in den Sedimenten liegen, denn diese sind zum Teil immer noch sauerstofffrei und entziehen dem Wasser weiter O2. Andererseits könnte es sein, dass die Besatzfische die natürlich abgelaichten Tiere verdrängen. Aus den bestehenden Untersuchungen kann dies aber nicht abschließend beantwortet werden.

So oder so besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Felchen auf Ihrem Teller aus einer Brutanstalt kommt und dann nach einem freien Leben im Bodensee von einem Fischer gefangen wurde. Aber Achtung: Falls auf der Speisekarte nur „Felchen“ steht und nicht „Bodenseefelchen“, wurde der Fisch mit größter Wahrscheinlichkeit im Ausland gezüchtet und importiert. Achten sie daher beim Kaufen und Essen im Restaurant, wie die genaue Produktbezeichnung ist.

Und dann guten Appetit.

Eva Baier
Geschäftsführerin Fischwanderung.ch GmbH, St. Gallen
www.fischwanderung.ch
eva@fischwanderung.ch