In Konstanz kann man Weihnachtseinkäufe machen – und dabei noch schöne Architektur sehen.

„In Konstanz habe ich so viel gute Architektur vorgefunden wie in keiner anderen Stadt.“ Das Urteil des Architekturpublizisten Markus Löffelhardt bestätigt, was man am Bodensee immer wieder erfährt: Es ist der Blick von außen, der uns bei den verschiedensten Themen bewusst macht, welche Schätze wir am Bodensee haben – für uns ist es so selbstverständlich, dass es einfach „normal“ ist. Und wer sich bei dem Thema nicht auskennt, macht und redet die zeitgenössische Architektur am See oft noch schlecht.

Im Oktober ist ein Architekturführer für die Agglomeration Konstanz (also mit Kreuzlingen und bis Landschlacht) erschienen, der nicht nur für diese interessant ist, sondern auch Anregungen für andere Städte geben kann. Konstanz ist zwar die größte Stadt am See, aber auch Städte mit etwas weniger Einwohnern, wie St. Gallen, Friedrichshafen und Singen, sind durch ihre Bauten der Moderne einen Umweg wert – hier könnte Löffelhardt fast so viel finden, mit jeweils anderen Schwerpunkten.

Bei Architekturführern gibt es verschiedene Zeitpunkte, bis zu denen man bei der Auswahl zurückgeht, und jeder kann (mehr oder weniger gut) begründet werden. Fängt man bei der Moderne der 20er Jahre an oder bei der Nachkriegsmoderne der 50er Jahre oder erst mit den 80ern? Es ist auch eine Generationsfrage, denn wer in den 70er Jahren geboren ist, nimmt die Beton-Architektur der 60er Jahre schon als historisch wahr. Wenn die Zeitspanne kurz ist, spricht er eher die Architekten an, und er ist schneller veraltet. In diesem Fall haben sie das Problem so gelöst, dass es zwar den Schwerpunkt auf den Jahren seit 2000 hat, dazwischen aber das 20. Jahrhundert mit etwa einem Drittel „historische“ Bauten vertreten ist. So schnell ist ein Bau „historisch“ – bei den Autos dauert es immerhin 30 Jahre, bis sie das H auf die Nummer bekommen. Innerhalb der Stadtteil-Kapitel sind die Objekte nicht nach der Bauzeit geordnet, sondern „nachbarschaftlich“, sodass man damit Architekturspaziergänge durch die letzten Jahrzehnte machen kann.

Einer der Favoriten des Autors ist ein Objekt, das auch über den See hinweg und von den Schiffen aus gut zu sehen ist: Der frühere Wasserturm auf der Allmannsdorfer Höhe, der heute den Altbau der Jugendherberge bildet, wurde 1929-1931 erbaut und ist heute Landmarke und Aussichtsturm. Zunächst diente er nur als Wasserhochbehälter, erst dann wurden die Etagen mit den Jugendherbergszimmern daruntergebaut, sodass er seine zylindrische Form bekam. 2002 wurde die Jugendherberge durch zwei lange, in den Hang gebaute Flügel nach Südosten erweitert. Damit hat der Bau zwei Doppelseiten in dem Architekturführer, und er verbindet auch die beiden Epochen, die der Führer zeigt, die frühe Moderne und die Architektur des 21. Jahrhunderts.

Ebenfalls vier Seiten nimmt aber auch das ehemalige Centrotherm-Gebäude ein, das zum Sitz der Industrie- und Handelskammer und unten zum „Bodenseeforum“ (eine Art Mehrzweckhalle) umgebaut wurde.

Modern Einkaufen in Konstanz

Wenn Sie im Dezember über den See oder auf dem Landweg nach Konstanz zum Einkaufen oder Shopping fahren, können Sie „das Angenehme mit dem Nützlichen“ verbinden – und in Gebäuden Ihre Weihnachtsgeschenke kaufen, die für diesen Architekturführer ausgewählt wurden. Das markanteste neuere Geschäftsgebäude ist das „Sporthaus zum See“ (Sport Gruner), das seit 2008 die Einkaufstouristen aus der Schweiz schon bei der Einfahrt mit dem Zug empfängt und in seinen großen Fenstern die Waren nach außen präsentiert. Mit seiner turmartigen Ecke markiert es auch die südöstliche Ecke der Altstadt.

Das gegenüberliegende Einkaufszentrum LAGO kommt mit keinem Satz vor, und von dem langezogenen Geschäftshaus mit C&A und anderen Läden war nur das Restaurant il Boccone mit seiner großen Treppe zum Obergeschoss einen Artikel wert. Am nördlichen Rand der südlichen Altstadt sind es zwei Geschäftshäuser, die durch einen Umbau ein beispielhafte Zeugnis ihrer Zeit sind: Dass Optik Hepp an der Marktstätte in einem Haus aus dem 14. Jahrhundert ist, sieht man dem Bau nicht mehr an, seitdem er 1930 im Stil der frühen Moderne umgebaut wurde – und in diesem Zustand ist es bis heute erhalten. Etwa 60 Jahre später ließ die Buchhandlung Gess (heute Osiander) ein ebenfalls historisches Gebäude für heutige Bedürfnisse um- und ausbauen – mit viel Stahl und Glas zum Innenhof hin, der mit dem alten Teehaus eine der schönen Oasen in der Stadt ist.

Markus Löffelhardt: Konstanz Kreuzlingen. Architektur seit 1918, Verlag Edition Quadrat (Mannheim), 336 S., 39,80 Euro

Text: Patrick Brauns