Der Klimawandel ist da und er bedroht auch den Weinbau. Hohe Temperaturen, extreme Wetterereignisse, vielleicht auch der langfristig erhöhte CO2-Gehalt in der Atmosphäre und veränderte Bodenbedingungen: Die Risiken für den Weinbau werden größer, die Chancen aber auch – jedenfalls in unseren Breitengraden.

Hagelschutz für die Rebstöcke und Feuer in den Weinbergen als Schutz vor Spätfrösten sind mittlerweile Usus, auch bei den Winzern in der Seeregion. Die Angst vor einem zunehmend unberechenbaren Wetter ist größer geworden. Schon im zeitigen Frühjahr droht Gefahr, denn Blüten, die in einem (zu) warmen März austreiben, können in einer einzigen Spätfrostnacht erfrieren. Peter Riegel, seit mehr als drei Jahrzehnten Inhaber von Riegel Weinimport in Orsingen und als großer Biowein-Importeur bestens informiert über den weltweiten Weinbau,erklärt, das Phänomen des frühen Austriebs sei überall zu beobachten. Die Lagen am See profitierten allerdings von den hier generell niedrigeren Frühjahrstemperaturen. Bisher.

Doch ein durch Wärme bedingter früher Rebaustrieb setzt noch einen anderen fatalen Kreislauf in Gang: Die Beeren sind zum Zeitpunkt der Lese reifer. Je reifer die Traube, desto mehr Zucker, desto höher der Alkoholgehalt. Und der, so Peter Riegel, nehme den Weinen Leichtigkeit und Eleganz. „Die Weine werden breiter, gefälliger, haben weniger Säure. Sie sind weniger langlebig. Das macht sie nicht zwangsläufig schlechter, aber man sollte sie bald trinken.“ Eine Entwicklung, die letztlich nur die Freunde klassisch amerikanischer Weine freue. 2018 habe gute Weine gebracht, die aber aus den genannten Gründen größtenteils nicht sehr lagerfähig seien.

Die meisten Reben in den deutschen Weinbaugebieten haben bisher kein Problem mit mehr Wärme. Im Gegenteil: Vielen Rotweinen, darunter der Spätburgunder am See, verhilft sie zu mehr Frucht und Ausdruck. Aber was ist mit dem filigranen, vielschichtigen Riesling, der immerhin zu den besten und teuersten Weißweinen zählt? Wie verträgt eine Rebe, die moderat warme Tage und kühle Nächte liebt, die Hitze? In den typischen Riesling-Anbaugebieten, den Flusstälern von Rhein und Mosel, weiche man immer mehr in höher gelegene und damit kühlere Lagen aus, erklärt Riegel. Die unteren Lagen würden dann vorzugsweise mit hellen Burgunderreben bepflanzt. Die Klimaverschiebung verschiebt also den Weinbau. Saale-Unstrut, das nördlichste Qualitätsweinbaugebiet Europas, wird wohl bald Konkurrenz bekommen. In Polen, so Riegel, wird schon länger Wein kultiviert. In Norwegen wurden erste Versuche mit dem Anbau von Riesling unternommen. Erfolgversprechende.

Wo das „Verschieben“ funktioniert, sind die Folgen der geänderten klimatischen Bedingungen akzeptabel, mitunter sogar willkommen. Was aber, wenn das Ausweichen auf andere Lagen nicht möglich ist oder an der Herkunftsbezeichnung rütteln würde? Beispiel Bordeaux: Der Merlot, der hier hauptsächlich angebaut wird, ist eine Rebsorte für eher kühle Anbaugebiete. Sie braucht viel, aber nicht zu starke Sonne, spärlichen, aber regelmäßigen Regen, einen langen Herbst und einen kurzen Winter. Spätfrost, Trockenheit und Hitze bringen sie aus der Balance. Verschieben geht hier nicht, denn Bordeaux ist eine Appellation, an der sehr viel Geld – und Prestige – hängt. Auf Dauer werde wohl der Cabernet Sauvignon, die zweite Bordeaux-Rebsorte, immer mehr Merlot-Anteile ersetzen, meint der Weinexperte. Im Bordelais wird es in einigen Jahrzehnten jedenfalls unmöglich sein, das anzubauen, was hier seit Jahrtausenden angebaut wurde.

Peter Riegel kultiviert selbst Rebflächen, im Languedoc, dem größten französischen Weinanbaugebiet. Er zeigt Fotos aus seinem Weinberg, aufgenommen im Juni diesen Jahres bei 46 Grad im Schatten: von der Hitze verbrannte Rebstöcke, ausgetrocknete Erde. Riegel weiß von Winzern, die nach vier schlechten Jahren ihre Flächen aufgeben. Gerade kleine Betriebe von Nebenerwerbswinzern seien von den geänderten klimatischen Bedingungen betroffen. Der einfache Landwein, so seine Befürchtung, sei am Aussterben. Eine Chance hätten eher die höherpreisigen Weine. „Der wirtschaftliche Druck ist enorm.“ 2003 sprach man von einem Jahrhundertsommer, doch seitdem hat es schon mehrere solcher Sommer gegeben. Was bleibt den Winzern? „Weinbau erfordert immer eine große Langfristigkeit im Planen“, sagt Peter Riegel. „Die Weinstöcke werden ja 20 bis 40 Jahre alt, die alten müssen ständig durch junge ersetzt werden.“ Im Zuge dieser Rotation müsse sich jeder Winzer – neben der Orientierung am Markt – fragen, welche Rebe sinnvoll im Hinblick auf die Zukunft ist. Er selbst würde am See weiße Burgundersorten anbauen, Muskateller, Sauvignon blanc und natürlich Spätburgunder. Die Weltkarte des Weins verschiebt sich. Darauf wird sich der Verbraucher einstellen müssen.