Narrenzunfteigener Fanfarenzug, Spielleiter Lukas Garofalo. 

Wenn die Narrenzunft Lindau mit „Hoppla – Ho!“ und in beeindruckender Zahl auf einem Umzug auftaucht, ist Halligalli angesagt. Denn in Lindau turnen Moschtköpf, Binsengeister, Pflasterbuzen und Kornköffler durch die fünfte Jahreszeit. Vier große Maskengruppen, die durch Laufnarren, Zunftregierung, Narreneltern und Büttel ergänzt und vom eigenen Fanfarenzug begleitet werden.

Büttel, Fahnenträger und Zunftrat ergänzen die Maskengruppen.

Die Lindauer Moschtköpf haben sich 1960 gegründet. Ihre Maske besteht ganz aus Holz und muss über den Kopf des Trägers gestülpt werden. Sie ist die einzige Vollholzmaske, die es im Gebiet der alemannischen Fasnacht gibt. Dabei ist jede Maske ein Unikat, keine gleicht in Form und Gesichtsausdruck einer anderen. Das Häs der Moschtköpf besteht aus einem grünen Bauernkittel und brauner Kniebundhose, je einem roten und einem grünen Strumpf sowie allerlei Verzierungen. Auf Umzügen verteilen die Moschtköpf selbstverständlich Äpfel an die Zaungäste und machen viel Lärm mit ihren Handrätschen. Zudem haben sie Rätschen im XXL-Format dabei, mit denen sie laut knatternd über den Umzugsweg rennen.

Die Lindauer Moschtköpf waren die ersten Masken der Narrenzunft Lindau.

Die Lindauer Insel war einst von einem dichten Schilfgürtel mit vielen Binsen umgeben. Man sagt, dass in diesem Schilfgürtel Geister umgingen, und diese Geiser erwachen nun jedes Jahr zur Fasnacht: die Binsengeister. Sie wurden 1963 gegründet und kommen scheinbar ganz harmlos daher, in ihren Anzügen und Rüsselhauben aus grünem Kordsamt. Aber wehe dem, der unter ihre Binsenbüschel gerät, mit denen sie die Zuschauer abstauben, oder in ihr Netz, das sie auf Umzügen dabei haben, und in das sie vor allem junges Volk sammeln.

Die Binsengeister stauben Zuschauer ab oder fangen sie in ihrem Netz.

Die Pflasterbuzen feiern in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Sie sind die erste Lindauer Narrengruppe, die auf historischem Brauchtum beruht. 1617 wurden sie erstmals in einem Ratsprotokoll erwähnt. Immer am Rußigen Freitag zelebrieren sie ihren schaurigen Butzentanz. Nur an diesem Tag tritt auch die Sondermaske des Buzenteufels in Erscheinung. Die Pflasterbuzen symbolisieren wilde Dämonen. Sie tragen schwarze Halbmasken aus Holz. Tiefe Furchen durchziehen die Gesichter. Aus weit offenen roten Mündern ragen mächtige Hauer hervor. Ein schwarzes, zottiges Fell reicht den Pflasterbuzen weit über den Rücken. Sie tragen Kittel und Hose aus schwarzem Kordsamt, der mit roten Fransen und Schellen behängt ist. Auf Umzügen trägt ein Pflasterbuz das blutige Henker- und Richtbeil, mit dem er Zuschauern wild droht.

Die Pflasterbuzen feiern 2020 ihren 50. Geburtstag.

Ein lieblich verschmitztes Gesicht zeigen dagegen die Kornköffler. Sie sind die zweite Narrengruppe der Narrenzunft, die auf historischem Brauchtum beruht. Sie entstanden 1969 und stellen die Zunft der Kornhändler dar, die Anfang des 14. Jahrhunderts in Lindau urkundlich erwähnt wird. Ihre Halbmaske aus Holz zeigt vergoldete Ähren als Augenbrauen, einen lächelnden roten Mund und dicke Apfelbäckchen. Die Kornköffler tragen Kittel aus weißem Baumwollköper, bestickt, wie auch Hose und Kopftuch, mit goldenen Ähren, Kornblumen, Mohnkapseln, Mohnblumen sowie Lindenblättern. Jeder Hästräger muss sein Gewand in über 300 Stickstunden selbst besticken. Zum Häs gehören zwei weiße Schellengurte mit kupfernen Schellen. Bei Auftritten hüpfen die Kornköffler rhythmisch in ihrem Narrenschritt. Dadurch kommt der Klang der Schellen besonders wirksam zur Geltung.

Die „Kornköffler“ stellen die Wiedergeburt der Zunft der Kornhändler dar.

www.narrenzunft-lindau.de

Text und Fotos: Susi Donner