Leider ist es im Straßenverkehr häufig nicht wirklich üblich, nett mit anderen Verkehrsteilnehmern umzugehen. Fährt der Vordermann nicht schnell genug, wird aufgefahren, als ob man dessen Kofferraum von innen inspizieren wollte. Noch schlimmer ist es an der roten Ampel. Gerade hat sie auf Grün gewechselt, aber gedankenverloren bleibt der Vordermann stehen. So schnell kann man nicht schauen bzw. hören, bis eine Hup-Salve von hinten zu tönen beginnt und den Übeltäter in die Realität zurückholt.

Interessant zu beobachten ist das Verhalten im sogenannten Reißverschlussverfahren. Man könnte vermuten, die Fahrer haben nicht nur sprichwörtlich das Messer zwischen den Zähnen und versuchen, „ihre“ Fahrspur bis aufs Blut, in dem Fall bis auf den Lack, zu verteidigen. Super: fünf Meter gewonnen, vier Sekunden schneller im Geschäft.

Ein tolles Beispiel ist auch, wenn man an der Einmündung zur viel befahrenen Bundesstraße steht und verzweifelt hofft, von irgendeinem netten Zeitgenossen in die Fahrzeugschlange aufgenommen zu werden – wie gesagt: verzweifelt. Als ob ein Auto mehr oder weniger die Schlange ins Unendliche wachsen ließe. Und wenn man genau hinschaut, kann man beobachten, wie sich der Blick des Fahrzeuglenkers beschämt abwendet – als ob er wüsste, dass sein Verhalten hätte netter sein können.

Die negativen Reaktionen potenzieren sich noch, wenn man mit einem Sportwagen unterwegs ist, der aufgrund seines hohen Kaufpreises nicht nur Bewunderung, sondern mancherorts sogar Neid erzeugt. Zumindest wurde mir das so berichtet.

Diese Situation kenne ich nicht, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass ich mir das nicht einbilde; es ist tatsächlich so: Wenn ich mit einem Oldtimer unterwegs bin, darf ich in manche Lücke drängen, wird mir ein langsames, vorsichtiges Gangeinlegen an der Ampel verziehen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Verkehrsteilnehmer mich – wahrscheinlich eher mein Auto – richtiggehend freundlich behandeln.

Kolumnist Christoph Karle (48), ist über zwei Jahrzehnte oldtimerbegeistert und selbst Besitzer von Klassikern. Lange Jahre war er Vorsitzender des MSC-Sernatingen und Hauptverantwortlicher des „Haldenhof Bergrennens“. Für den Bundestag Berlin sitzt er im „Parlamentskreis Automobiles  Kulturgut“. Zudem ist er als Kurator Automobile für die Fahrzeug-Ausstellungen im MAC-Museum Art & Cars in Singen verantwortlich.