Im Konstanzer Lago tritt sich die Kundschaft phasenweise gegenseitig auf die Füße, die Shopping Arena St.Gallen kann als eines der wenigen Einkaufcenter Umsatzsteigerungen verzeichnen, im Seemaxx in Radolfzell hingegen ist meist gähnende Leere angesagt und im schweizerischen Wigoltingen lässt man nicht an den Plänen locker, das größte Outletcenter des Landes auf die Beine zu stellen, obwohl die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) bescheinigt, dass bis etwa 2025 wohl jeder fünfte Laden in einem Einkaufcenter der Eidgenossen mangels Umsatz schließen wird. Was machen also die einen richtig, die anderen falsch? Und wie geht’s dem „echten“ Einzelhandel dabei?

Dass der „kleine Einzelhändler in der Fußgängerzone“ nicht unter den großen Centern leiden soll, schreiben sich deren Betreiber zu gerne auf die Fahne. Eines der neuen innerstädtischen Projekte in der Großstadt Bodensee, welches momentan im Bau ist und im Herbst 2020 seine Türen öffnen soll, ist das Cano in Singen am Ende der Haupteinkaufsstraße: 16.000 Quadratmeter auf drei Ebenen – das ist ein Wort. 85 Fachgeschäfte plus Gastronomie mit einem Mix aus Regionalem und Internationalem. Das Ziel, die Menschen durch das vielfältige Angebot in die Stadt zu locken, spielt auch in die Pläne der alteingesessenen Händler (siehe auch unsere Titelstory). Die Menschen sollen raus, sich treffen, Spaß haben – und letztlich eben auch ihr Geld in der Stadt lassen, nicht im Online-Store. Wobei das Magazin Focus jüngst verkündete, dass die CO2-Bilanz beim Online-Kauf, Retouren eingerechnet, von einem Paar Schuhe deutlich günstiger sei als beim Kauf vor Ort (1.030 Gramm vs. 1.270 Gramm (Anreise mit Fahrrad), bzw. 3.270 Gramm (Anreise mit Auto)). Der Cano-Betreiber ECE ist also bestrebt, möglichst wenig Konkurrenz für den bereits bestehenden Handel in Singen entstehen zu lassen. Vielmehr soll die Stadt insgesamt belebt werden, wodurch letztlich alle profitieren könnten. Dass bis dato 35 Konzepte stehen, die es so bisher nicht in der Stadt gibt, spricht dafür, dass ECE sein Wort halten möchte.

Dass viele Geschäfte unter einem Dach in der Tat nicht zwangsläufig den umliegenden Handel ausbremsen, zeigt sich beim Lago in Konstanz. Das Center (seit 2004 in Betrieb) zieht jährlich rund 10 Millionen Einkaufslustige an und achtet darauf, dass die Shops möglichst sogenannte Unique Selling Points (USP) sind, also kein zweites Mal in der Stadt vorkommen. Laut Shopping Center Performance Report, bei dem der entscheidende Faktor die wirtschaftliche Zufriedenheit der Mieter ist, zählt das Lago denn auch zum erfolgreichsten Einkaufscenter Deutschlands. Die Mischung aus Fachgeschäften, Gastronomie, Kino und Fitnessstudio kommt an bei Jung und Alt. Das integrierte Parkhaus tut ein Übriges, dass viele das Lago als Ausgangspunkt für einen Ausflug in die größte Stadt am Bodensee nehmen. Auch wenn keine konkreten Zahlen zu bekommen waren, wie viele Kunden am Ende bei einer Einkaufstour im Lago UND bei anderen Geld liegen lassen, so ist es doch nicht zu übersehen, dass ein Großteil der „Lagoer“ über die Straße Richtung Innenstadt strebt und die Fußgängerzone einschließlich der Ladengeschäfte fast rundum belebt ist. Die Lage der Stadt, unweit der Schweizer Grenze, tut sicher ein Übriges dazu.

Wer indes beim Seemaxx in Radolfzell mitgezogen werden soll, scheint noch nicht ganz klar. Soll das Center die Menschen in die Stadt bringen oder würde die Stadt gut daran tun, die Kundenströme mit gezielter Stadtentwicklung auch Richtung ehemaliges Schiesser-Produktions-Areal zu lenken, wo das Seemaxx beherbergt ist? Die Achse Seemaxx-Innenstadt-See scheint noch nicht ganz geschmeidig zu laufen. Beobachtungen zeigen, dass ein Bummel am See oder in der Innenstadt nicht unbedingt mit einem Besuch des Seemaxx verbunden wird. Egal in welche Richtung. Dabei hat das bisher einzige Outlet-Center am Bodensee seine Verkaufsfläche zehn Jahre nach der Eröffnung verdoppelt. Seit Oktober 2016 sind hier auf zwei Stockwerken 36 Ladengeschäfte zu finden. Dazu ein kleines Café plus Holly’s Restaurant. Und obwohl eigentlich für alles gesorgt ist, herrscht hier oft gähnende Leere. Und das bei einem Outlet? Das sei „nicht immer so, gestern war es voll“, ist fast schon entschuldigend – und nicht wirklich überzeugend – im ein oder anderen Laden zu hören. Beim Betreiber, der Hesta GmbH, heißt es, dass das Angebot im Sport- und Outdoorbereich vor allem für Touristen interessant sei. Dies beschränkt sich dann wohl eher auf die Sommerferienzeit. Die Einheimischen und Nicht-Outdoor-Touristen
fühlen sich vom Angebot, das preislich laut Seemaxx garantiert 30% unter dem unverbindlichen Verkaufspreis der Hersteller liegt, jedoch noch nicht 100% angezogen.

Nicht angewiesen auf Stadtnähe und somit in keiner Verpflichtung gegenüber dem innerstädtischen Einzelhandel sind die Center auf der, auch im Fachjargon sogenannten, grünen Wiese. Das größte in der Region ist derzeit die Shopping-Arena in St. Gallen, vor den Toren der Stadt, zwischen zwei großen Hauptstraßen und der Autobahn gelegen. Seit Eröffnung 2007 sind regelmäßig Erfolgsmeldungen von dort zu hören. Rund 13.000 Besucher pro Tag sorgen für Rekordumsätze, die laut GfK 2017 um eine satte Million Franken im Vergleich zum Vorjahr gestiegen waren und sich so deutlich entgegen dem Schweizer Branchentrend entwickelt haben. Doch was machen die St. Galler anders? Ähnlich wie im Lago in Konstanz ist auch hier mehr als nur Kaufen angesagt: Kino, Indoor-Spielplätze, Fitness-Studio und natürlich verschiedene Gastrobetriebe unterhalten die ganze Familie – auch bei schlechtem Wetter. Das Shopping-Center als Freizeitareal.

Ähnlich erfolgreich – und außerhalb der Stadt – ist der Messepark in Dornbirn, das größte Einkaufszentrum Vorarlbergs. Mit 65 Ladengeschäften und Gastronomiebetrieben konnte in den vergangenen zehn Jahren der Umsatz, bis auf 2018, stets gesteigert werden. Meist sogar im zweistelligen Millionenbereich. Der Messepark lockt täglich rund 17.600 (25% aus dem Ausland) an und punktet unter anderem mit einem betreuten Kindergarten und kostenlosen Parkplätzen und seit Kurzem können dort E-Scooter des Vorarlberger Mobilitäts-Startups „Holmi“ausgeliehen werden. Bei Rückgabe gibt es direkt noch einen Rabatt im Messepark.

Ob jedoch das geplante Outlet-Center Edelreich im Schweizer Wigoltingen, obwohl auf der grünen Wiese, jemals so erfolgreich wird, steht momentan noch in den Sternen. Denn auch bei den Eidgenossen läuft nicht immer alles glatt. Seit sage und schreibe 14 Jahren laufen die Planungen für das Einkaufscenter, das mit 120 Geschäften 750.000 Besucher pro Jahr anlocken soll. Für eine Gemeinde mit knapp 2.000 Einwohnern in der Tat eine große Hausnummer. Im April dieses Jahres hat der Kanton Thurgau den Gestaltungsplan abgelehnt wegen des zu erwartenden Verkehrs. Dabei hatten sich die Planer vorbereitet: 2.300 Autofahrten pro Tag seien zu erwarten. Bei Centern mit Gütern des täglichen Bedarfs sei bei ähnlicher Größe mit 17.700 Fahrten pro Tag zu rechnen. Nun ja. Sind eben immer noch 2.300 Autofahrten mehr pro Tag als heute – für eine 2.000 Einwohner-Gemeinde in ländlicher Idylle … allerdings setzen sich die Gemeinderäte von Wigoltingen und Mühlheim (hier soll die Zufahrt laufen) nach wie vor für den Bau ein, da die Einwohner ja ursprünglich dem Bau des Centers zugestimmt hätten.

Ob also ein großes Einkaufszentrum Fluch oder Segen ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Vieles spricht dafür, vieles dagegen und letztlich hat jeder zudem seine eigenen Vorlieben, wie er gerne einkaufen möchte: Schnäppchen jagen im Outlet, Ganztagesvergnügen mit Kinobesuch und Abendessen oder ein entspannter Bummel durch die Fußgängerzone mit einem abwechslungsreichen Angebot von inhabergeführten Geschäften und internationalen Ketten. Hauptsache raus aus dem Netz und rein ins echte Leben!
TEXT: TANJA HORLACHER

Eine Auswahl der größten Einkaufscenter in der Großstadt Bodensee:

  1. Shopping-Arena, CH-9015 St. Gallen 36.500 m²
  2. Edelreich (in Planung), CH-8556 Wigoltingen 30.000 m²
  3. Messepark, A-6850 Dornbirn 25.500 m²
  4. Rheinpark, CH-9430 St. Margareten: 21.000 m²
  5. Cano, D-78224 Singen: 16.000 m²
  6. Lago, D-78462 Konstanz: 15.000 m²
  7. Lindaupark, D-88131 Lindau: 12.000 m²
  8. Seemaxx (Outlet), D-78315 Radolfzell: 8.500 m²