D/CH/A – Großstadt Bodensee | Nachdem Anfang April ein mehr als 3000 Jahre altes Boot geborgen wurde, kam kurz darauf die Meldung, dass Archäologen der Lösung des Rätsels um das „Stonehenge im Bodensee“ einen großen Schritt näher gekommen seien. Es ist also mächtig was los in einem der größten Seen Europas, der als große Wundertüte gilt. Hansjörg Brem und Urs Leuzinger vom Amt für Archäologie des Kantons Thurgau über die Faszination Bodensee.

„Der Bodensee ist wie eine Zeitkapsel“, so Kantonsarchäologe und Amtsleiter Hansjörg Brem und erklärt: „Er ist ein Spezialfall, da er nicht reguliert wird. Ab einer gewissen Tiefe wird es dunkel und kalt. Zudem hat das Süßwasser den Vorteil, dass es nicht so viele aktive Bakterien gibt, die an den Sachen nagen. Der Bodensee ist wie eine gute Kühltruhe, in der noch alles Mögliche liegt.“ Wie gut die wohl größte Kühltruhe Europas funktioniert, konnte man jüngst bei der Bergung eines über 3000 Jahre alten und fast sieben Meter langen Einbaums sehen. Er gilt als ältestes Boot am Bodensee. Es war ein Zufallsfund, den Taucher drei Jahre zuvor in der Nähe von Wasserburg (D) gemacht hatten. Der Bug weist zwar Erosionsschäden auf, das Heck ist jedoch nahezu vollständig erhalten.

Zugeteilt wurde der Boots-Fund dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, was man im Thurgau mit einem lachenden und einem weinenden Auge sieht: „Ein super Fund! Wir gönnen es den Bayern, wobei wir diesen natürlich gerne selbst gemacht hätten“, gibt der Thurgauer Archäologe Urs Leuzinger zu. Jedoch: „So ein Schiff zu bergen, zu konservieren, zu restaurieren, zu dokumentieren und anschließend zu vermitteln – das ist natürlich nicht gratis zu haben …“ Insofern ist es gut, wenn solche Projekte quasi rund um den See verteilt werden. Doch nach welchen Kriterien eigentlich?

International und ohne Grenze

Offiziell ist der Bodensee ein europäisches Niemandswasser, das zuweilen als Albtraum der Grenzpolizei gilt: Wo hört Deutschland auf, wo fängt die Schweiz an und welchen Anteil hat Österreich? Der Bodensee als Loch in der Außengrenze der EU und NATO. Au weia. Kein Problem jedoch für die engagierten Altertumsforscher. „Die Archäologie am Bodensee ist ein Experimentierfeld für internationale Zusammenarbeit“, so Hansjörg Brem. Unter den archäologischen Fachstellen gab es bislang nie Streit. Alles, was vor der Uferlinie liegt, behandelt einfach die Stelle, welche am nächsten ist. „Wir wollen ja alle dasselbe: Schutz der Pfahlbauten, Wracks und sonstigen Kulturdenkmäler“, erklärt Urs Leuzinger. Und er muss es wissen. Derzeit hat er nämlich den Hut auf, wenn es um das „Stonehenge im Bodensee“ geht. „Die Steinhaufen wurden vom deutschen Forschungsschiff mit Wissenschaftlern aus Darmstadt, Langenargen und dem Thurgau untersucht.“ Er lacht: „Voll international und ohne Grenze!“

Das Stonehenge im Bodensee

Die Hügel sorgen, seit deutsche Forscher sie 2015 bei Vermessungen des Seegrundes entdeckt hatten, für Rätsel: Wie könnten die auf einer Linie angeordneten Steinhaufen entstanden sein? Rund 100 Stück mit einem Durchmesser von je 20 Metern, bestehend aus vielen je 40 Zentimeter großen Steinen, sind es vor dem Schweizer Ufer zwischen Bottighofen und Romanshorn. „Man muss die Suppe langsam kochen. Ich bin vorsichtig mit Vergleichen wie Stonehenge“, so Leuzinger, der die Untersuchungen leitet. Klar ist seit Kurzem, dass die Hügel menschengemacht sind. Ob die Steinformationen einen kultischen Hintergrund, wie der Steinkreis in England, haben, ist jedoch bisher völlig unklar. Die Steine nehmen in ihrer Anordnung einen klaren Bezug zur Uferlinie. „Es könnten Gräber gewesen sein, genauso wahrscheinlich könnten sie aber auch dem Fischfang gedient oder mit der Schifffahrt zu tun gehabt haben“, sagt Leuzinger.

Weiter geht es im Winter, wenn das Wasser klarer und der Pegel niedriger ist, mit Unterwassergrabungen, um Material zu entnehmen. Unterstützung bekommen die Thurgauer dabei von der TU Darmstadt, die Wissenschaftler samt eines weltweit zum ersten Mal eingesetzten Georadargerätes an den Bodensee geschickt haben. Ein großer Aufwand also. Doch wozu das Ganze?

Archäologie als Zukunftsweiser

„Wir arbeiten nicht nur fürs Archiv“, betont Amtsleiter Hansjörg Brem. Archäologen liefern rückblickend Informationen, die beispielsweise Auskunft auch über zukünftige Klimaentwicklungen geben können. Die gewonnenen Daten sind zukunftsweisend. So greifen nicht nur Klimaforscher darauf zurück, sondern beispielsweise auch Ingenieure und Politiker. Brem: „Unsere Arbeit gibt etwa Auskunft über die Gewässerdynamik, daraus abgeleitet auch über Infrastrukturen, was letztlich auch Auswirkungen auf den Tourismus hat, der ja zur Identität unserer Region gehört.“

Ausflugstipps

Museum für Archäologie

Freiestrasse 26, CH-8510 Frauenfeld | +41 (0)58 345 74 00 | archaeologisches-museum.tg.ch

Archäologisches Landesmuseum

Benediktinerplatz 5, D-78467 Konstanz | +49 (0)7531 98 040 | www.konstanz.alm-bw.de

Campus Galli

Hackenberg 92, D-88605 Meßkirch | +49 (0)7575 20 647 | www.campus-galli.de

Pfahlbaumuseum – Weltkulturerbe

Strandpromenade 6, D-88690 Uhldingen-Mühlhofen | +49 (0)7556 928 900 | www.pfahlbauten.de

Grenzverläufe im Bodensee

Offiziell ist der Bodensee ein europäisches Niemandswasser. Die Grenzverläufe sind nach wie vor politisch unklar. Die Schweizer machen gedanklich einen Strich in der Mitte, die Deutschen sehen es großzügiger, und die Fischer beispielsweise dürfen jeweils nur bis zur Halde, eine Wassertiefe bis zu 25 Metern.

archaeologie.tg.ch