In diesem Frühjahr hat nicht nur diese Rubrik ein kleines Jubiläum (15 Jahre – wird Thema im Juni oder Juli), es ist vor allem die Zeit der Rückblicke auf ein halbes Jahrhundert „Mai 1968“, was in fast allen Medien ein großes Thema ist.

Was war 1968?

Der große Um- und Aufbruch der späten 60er-Jahre war ein längerer Prozess, aber er wird gerne auf den „Mai 68“ reduziert, weil es da in Paris am meisten Zoff gab: große Demonstrationen und Barrikadenkämpfe, schöne Plakate und Graffiti, Slogans und Lieder.

Das letzte runde Jubiläum der „68er“ haben wir 2008 begangen unter dem Motto „Rote Häuser sieht man besser“ – als Anspielung auf den Dokumentarfilm „Rote Fahnen sieht man besser“ von 1972, der heute aber kaum noch bekannt ist. Das war etwas plakativ, denn wer die Bewegung auf die roten Fahnen (und Inhalte) reduziert, unterschätzt die gesellschaftlichen Auswirkungen. Die großen Veränderungen um 1968 waren vor allem eine Kulturrevolution, die natürlich auch politische Auswirkungen hatte. Die Gesellschaft und unsere Lebenswelten sind vor allem bunter geworden (nicht nur bei den Kindergärten), im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Nur die ältere Generation kann sich noch daran erinnern, wie grau und einförmig das Straßenbild war: Männer in dunkel- bis hellgrauen Anzügen, und das Farbspektrum der Damenkostüme war nur unwesentlich größer.

Die Architektur war in den 60er-Jahren nur indirekt ein Thema der Kritik, wenn sie sich mit den lebensfeindlichen Bedingungen beschäftigte. Schon 1965 hatte ja der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich mit seinem programmatischen Buch „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ beklagt. Es ging zunächst mehr darum, schlechte Architektur zu verhindern und die Wohnverhältnisse zu verbessern.

Die 68er waren aber auch eine Revolte gegen die Spießigkeit der Nachkriegsgesellschaft – symbolisiert durch Reihenhäuser mit Gartenzwergen auf dem wöchentlich akkurat geschnittenen Rasen. Diese Zwerge schmücken auch heute noch nördlich und südlich des Bodensees die Gärten. Dabei erleben sie gerade eine Renaissance, bei der sie oft auch ironisch eingesetzt werden. Bei manchen weiß man nicht, ob die Leute es ernst meinen oder parodistisch.

Bunter und menschlicher

Die Auswirkungen der 68er-Bewegungen auf die Architektur haben sich erst etwa eine Generation später gezeigt: Auch in der Architektur ist in den Jahren nach 1968, vor allem seit den 80er-Jahren, die Welt pluralistischer geworden. Vorher hatte man nur die Wahl zwischen konservativen Bauformen und den strengen Formen der Moderne. Spätestens seit der Postmoderne der 80er-Jahre haben wir auch in der Bodensee-Region das Prinzip „Anything goes“: konventionelle und schräge Formen – Beton, Stahl/Leichtmetall und Holz – Bauhaus-weiß oder bunt – beispielhaft gute Architektur oder Kitsch.

Die deutlichste Gegenbewegung zu den streng geometrischen Formen der klassischen Moderne ist die organische Architektur, deren bekanntestes Beispiel am Bodensee die Naturata in Überlingen ist – ein Holzbau, dessen Formen von der Natur inspiriert sind.

Bei den Bauaufgaben reagiert die Architektur und Stadtplanung auf die gesellschaftlichen Veränderungen seit 1968: Die Individualisierung der Gesellschaft erfordert mehr Single-Wohnungen, für die aber auch mehr Möglichkeiten der Begegnung geboten werden müssen. Und der Gegentrend hin zu kollektiven Lebensformen führt zu neuen Bauformen mit flexiblen Grundrissen und gemeinschaftlichem Bauen.

Der Bau von Großsiedlungen oder gar Trabantenstädten ist am Bodensee kein Thema, aber auch hier zeigt sich, dass eine Planung mit weniger „unwirtlichen“ Ergebnissen möglich ist. In den Großstädten wurden neue Siedlungen so gestaltet, dass sie nicht nur „Schlafstädte“ sind. Der Wohnpark Alterlaa (1973–1985) in Wien ist so beispielhaft, dass er auch diesseits des Arlbergs bekannt geworden ist, zuletzt durch den Film „Häuser für Menschen“, der im Februar bei einer Veranstaltung zum Thema „gemeinschaftliches Wohnen“ in Konstanz gezeigt wurde. Diese Siedlung mit ca. 3200 Wohnungen besteht aus mehreren langgestreckten Hochhäusern, die im unteren Teil vielfältig nutzbare Gemeinschaftsräume enthalten – und auf den Dachterrassen sieben Schwimmbäder. Die Wohnzufriedenheit ist so groß, dass die Fluktuation der Bewohner ebenso gering ist wie die Kriminalität.

Das Prinzip, die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner schon bei der Planung neuer Baugebiete und Gebäude einzubeziehen, setzt sich auch am Bodensee in den Planungsämtern immer mehr durch – auch das eine Idee der „68er“.

Text & Fotos: Patrick Brauns