Für die einen notwendiges Übel, für die anderen modisches Accessoire: die Brille. In Österreich benötigen rund 46 Prozent der Männer und 56 Prozent der Frauen eine Sehhilfe. In Deutschland sind es geschlechterunabhängig etwa 64 Prozent und in der Schweiz gar drei von vier Menschen. Gut, dass die Welt der von Krankenkassen nüchtern als Hilfsmittel bezeichneten Brillen modisch so vielfältig ist. Noch besser ist aber, dass es in der Großstadt Moden- ähm, Bodensee kreative Köpfe gibt, die ganz individuelle Lösungen für den besseren Durchblick haben. Die Durchblicker mit den Brillen!

Egal, ob mit dem 3D-Drucker gefertigt oder aus Büffelhorn von Hand geschliffen – das Ziel ist klar: unabhängig von den Großen sein. Alleine in Deutschland  wurden 2019 etwa 6,6 Milliarden Euro mit Brillen umgesetzt. Ein Massenartikel.

Genau hier setzt die Idee von You Mawo in Konstanz an: ein Massenprodukt individualisieren, in Deutschland fertigen und weder dem Internet noch Discountern anvertrauen, sondern mittelständischen Fachhändlern. Die Idee zu einer individuell optimierten Brille wurde 2012 auf einer Rucksackreise geboren. Hinter You Mawo – Your Magic World – stecken vier Gründer und 45 Mitarbeiter um Geschäftsführer Sebastian Zenetti. „Die Welt ist vielfältig, jeder Mensch ein Individuum. Dennoch konsumieren wir Massenartikel. Auch Brillen, die ja mit unserem Gesicht verschmelzen, sind oft nicht individuell.“ Sie entwarfen eine 3D-Druck-Brille, die dank eines Gesichtscans beim Optiker individuell angepasst wird. Perfekter Sitz garantiert. Und der Erfolg gibt ihnen recht: Seit dem Start 2016 liegen die verkauften Stückzahlen locker im sechsstelligen Bereich, dazu Auszeichnungen wie der German Design Award 2017 und der German Innovation Award in Gold 2018. Zur Auswahl stehen 25 Grundmodelle in je zwei Größen und zehn verschiedenen Farben. Hauptmaterial ist Polyamid sowie bei sechs Modellen auch Horn und Edelstahl. Mit einem Produzenten in Bayern hat You Mawo exklusiv Qualität, Oberflächenfinishing und Haptik der Brillen entwickelt, die Montage und Versand finden in Konstanz statt. 

Gemeinsam stark

Einer dieser mittelständischen Händler, die diese 3D-Druck-Brillen aus Konstanz im Angebot haben, ist Peter Trunk.

Die Durchblicker

Seit 30 Jahren bietet er mit Individuell Optic an zwei Standorten in Singen und Konstanz vor allem eine professionelle augenoptische Fachberatung (siehe auch www.augenkompetenzzentrum.com) und dazu eine individuelle Auswahl an Brillengestellen. Der Name ist Programm. Neben You Mawo sind beispielsweise Brillen von Einstoffen aus St. Gallen im Angebot. Die Leidenschaft der vier Freunde, die die Eyewear- und Fashion-Marke 2008 gründeten, gehört natürlichen Materialien wie Holz, Stein oder Baumwolle. Ihre Brillen, etwa aus Holz oder Baumwollacetat, konnten 2018 und 2019 insgesamt vier German Design Awards gewinnen. Doch damit nicht genug für Peter Trunk und sein Team: ergänzt wird das eingekaufte Angebot durch ihre Hauskollektion „Freundeskreis“. So hatte sich er mit neun weiteren Optikern aus ganz Deutschland zusammen getan, mit dem Ziel, selbst Brillen fertigen zu lassen „zu vernünftigen Preisen“ wie er sagt. „Die Brille an sich lässt sich nicht neu erfinden, aber in unserem ‚Freundeskreis‘ haben wir einen Wissenspool über die Kunden im ganzen Land, aus dem wir möglichst viele Ideen ziehen können“, erklärt der Augenoptikermeister. Gemeinsam werden Grundmodelle entworfen und anhand von Prototypen dann die Farben und Details entschieden. Die Kollektion umfasst etwa 25-30 Modelle in je vier Farben. Ganz freundeskreismäßig haben die Gestelle dann auch Namen wie Emil, Marc, Ramona oder Brigitte.

Die Durchblicker

Gefertigt wird in der Manufaktur Spreitz in Metzingen oder, für den kleineren Geldbeutel, in Fernost. Alles ohne Zwischenhändler. Das ist den zehn Freunden wichtig. „Wir machen auch keine Werbung, keine Messestände – die Brille kommt zum Herstellerpreis ins Geschäft“, so Peter Trunk. Neu ins Sortiment kommen jetzt „See(h)brillen“. Die Grundmodelle aus Titan (etwa 40 Farbvarianten zur Auswahl) können per 3D-Scan-Software auf dem iPad vom Kunden selbst individuell angepasst werden. Das sei, so Trunk, vor allem für sehr schmale oder etwas breitere Gesichter ein Vorteil. Lieferzeit ist rund vier Wochen, gefertigt wird im brandenburgischen Rathenow. „Wir werden weiter gegen den Strom schwimmen“, so Trunk, dessen Kinder Lisa, staatlich geprüfte Augenoptikermeisterin, und Florian, der Augenoptik und Optometrie studiert hat, ebenfalls bereits aktiv mit im Geschäft sind. In den individuellen Brillen sehen die Trunks einen Mehrwert, der nachhaltig ist und unabhängig von Großkonzernen macht.

Nicht genug

Einer der ebenfalls Wert auf diese Unabhängigkeit legt ist Thomas Hofbauer. Der Brillenmacher aus Rankweil ist, wie er sagt, in der Bodensee-Region der Einzige, der handgefertigte Büffelhornbrillen herstellt.

Brille
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„Büffelhorn als Werkstoff für Brillen ist bewährt. Das Material ist stabil und trotzdem leicht, widerstandsfähig und doch flexibel“, so Hofbauer und erklärt weiter: „Wir verwenden nur die Hörner von landwirtschaftlichen Nutztieren nach deren Lebensende, die sonst meist zu Düngemitteln zermahlen werden. Die schönsten Hörner werden stattdessen für uns weiter verarbeitet.“ Alleine durch die unterschiedlichen Maserungen wird jede seiner Brillen zum Unikat. Doch nur selten ist ihm nicht genug, nur exakt ist ihm nicht genug, nur schön ist nicht genug – so entstand die Idee zu seiner Marke enough. Nur enough ist einfach genug. „Es ist eine Leidenschaft“, so der Brillenmachermeister. Und die gehört wahrlich dazu. Rund 15 Arbeitsstunden, ohne Vorbereitungszeit, stecken in jeder einzelnen Brille. Alleine schleifen und polieren dauert je gute zwei Stunden.

Brillen

Alle Brillen sind echte Unikate. „Neulich kam jemand mit einem 60 Jahre alten Erbstück. An dieser Brille hing das Herz, also habe ich sie nachgebaut.“ Nach den Vorstellungen des Kunden werden 1-2 Prototypen gefertigt, damit alles passt. Obwohl mit Büffelhorn nur ein Werkstoff eingesetzt wird, ist die Farbpalette groß: von Honig- über sämtliche Brauntöne bis schwarz gestreift. Zudem sind weitere Farbenmöglich, indem eine dünne Holzfurnierschicht im gewünschten Farbton zwischen zwei Büffelhornschichten gezogen wird. All das hat sich Thomas Hofbauer selbst beigebracht: „Vier Jahre lang, bevor ich das Geschäft 2015 eröffnet habe, habe ich learning by doing gemacht, denn keiner verrät diese Technik.“ Es hat sich gelohnt. Derzeit ist mit 8-10 Wochen Fertigungszeit zu rechnen, da sich der Brillenmacher kaum vor Aufträgen retten kann.

Durchstarten

Individuell und handgemacht heißt es auch bei Kilian Wagner. Doch im großen Stil. Der geborene Tuttlinger hat mit Viu Eyewear in nur knapp sieben Jahr bereits ein kleines Imperium geschaffen. 2013 als Onlineshop gestartet gibt es heute bereits 56 Flagship Stores sowie 42 Partneroptiker in neun europäischen Ländern. Weitere sind in Planung. Designerbrillen zu erschwinglichen Preisen heißt das Credo: „Faire Preise und ein transparenter Herstellungsprozess sind für uns selbstverständlich.“

Brillen Die Durchblicker

Entworfen werden die Brillen in der Schweiz – Wagner hatte bereits in St. Gallen Business Administration studiert und später mit Studienkollege Peter Kaeser die Idee zu Viu – gefertigt wird in Italien. Ein kleiner Familienbetrieb stellt in Handarbeit in 80 Arbeitsschritten aus Baumwollacetat einen Großteil der Kollektion her. Dazu kommen Titanbrillen aus Japan – ebenfalls im Auftrag gefertigt. Damit die Designerbrillen vergleichsweise günstig angeboten werden können, steuert Viu alles zentral, mit Büros in Zürich und München, ohne Zwischenhändler und mit direkten Wegen vom Produzenten in den Laden.

Text: Tanja Horlacher, Foto: Individuell Optic, Der Brillenmacher, Viu Eyewear

You MaWo GMBH, D-78467 Konstanz | +49 (0) 7531 945 45 35, www.youmawo.com

Einstoffen GmbH, CH-9008 St. Gallen | +41 (0) 71 244 28 19, www.einstoffen.de

Freundeskreis Brillen über Individuell Optic, Scheffelstraße 1, D-78224 Singen | +49 (0) 7731 675 72 und Salmannsweilergasse 10, D-78462 Konstanz | +49 (0) 7531 91 96 56

Der Brillenmacher, Schleife 9, AT-6830 Rankweil | +43 (0) 5522 433 12, www.brillenmacher-rankweil.at

Viu, Wessenbergstraße 5, D-78462 Konstanz | +49 (0) 7531 127 95 27, www.shopviu.com

Eine „Brillen-Erfindung“ der anderen Art hat Martin Aufmuth mit der EinDollarBrille gemacht, deren Materialkosten eben nur einen Dollar betragen. Der gebürtige Immenstaader gründete 2012 den gleichnamigen gemeinnützigen Verein, um armen Menschen in aller Welt bei Bedarf eine Sehhilfe zu ermöglichen. Die EinDollarBrille wird auf einer einfachen Biegemaschine vor Ort von Einheimischen hergestellt, die vom EinDollarBrille e.V. ausgebildet werden und von der Produktion und vom Verkauf der Brillen leben können. www.eindollarbrille.de

Quellen: www.ch-optics.ch, de.statista.com

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