Corona-Pandemie und Energiekrise – viele Kulturschaffende sind gebeutelt. Aber unterkriegen lassen sie sich nicht. Das akzent Magazin hat mit Kulturmacher*innen kleinerer und größerer kultureller Einrichtungen rund um den Bodensee gesprochen und wollte wissen, wie es um die Kultur am Bodensee steht. Kehrt die Normalität zurück? Wird 2023 ein Jahr des Sparens, oder gibt es Veranstaltungen in Hülle und Fülle? Trotz vieler Herausforderungen ist optimistische Aufbruchsstimmung spürbar und die Freude darüber, wieder Kultur bieten zu können. Die Kultur ist zurück – die Zuschauer*innen sind in Sicht. Oder?

Theater Konstanz
Mit Online-Angeboten, Streaming, Podcasts, Telefonaktionen und vielem mehr habe das Theater Konstanz den Zeiten von Corona und Lockdown getrotzt, wie Pressesprecherin Dani Behnke erzählt. Das Theater Konstanz werde auch in weiteren Krisenzeiten ein anspruchsvolles und vielfältiges Programm auf die Beine stellen. Dabei positioniere es sich inmitten der Gesellschaft, unterhalte Kooperationen mit der Universität Konstanz, der HTWG sowie dem Zebra-Kino und präsentiere neue Formate wie „Der Soundtrack meines Lebens“ im Klimperkasten. Kunst sei nicht entbehrlich. Um zu zeigen, wie eine Gesellschaft respektvoll zusammenleben kann, brauche es Visionen und Fantasien. Angesichts der zunehmenden Anfeindungen demokratischer Wertevorstellungen gehört Kultur für Intendantin Karin Becker zu den Pflichtaufgaben. Für sie geht es bei der Debatte um die Finanzierbarkeit von Kultur und den Erhalt der Demokratie. Als Beispiel nennt sie das Projekt Fantasia, bei dem das Theater den teilnehmenden Kindern demokratische Werte auf spielerische Weise vermittelte. Mit dem Wegfall solcher Aktionen gehen nach ihrer Einschätzung wesentliche Bausteine des demokratischen Miteinanders verloren. Deshalb gibt es für sie eine rote Linie: „Im Jungen Theater, dem Ort für und mit Kindern und Jugendlichen, darf auf keinen Fall eingespart werden.“ Das Theater Konstanz werde auch 2023 mit seinem Programm überzeugen und blicke durchaus positiv ins Jahr 2023.

Kulturamt Lindau – Stadttheater, Kunstmuseum
Das Lindauer Stadttheater ist mit knapp 700 Plätzen das größte Theater am Bodensee. Die Kulturbranche leide noch unter den Nachwehen der Pandemie, Lindau sei da keine Ausnahme. „Dennoch kommen wir unserer Rolle als Kulturvermittler gerade in Krisenzeiten nach“, versichert Kulturamtsleiter Alexander Warmbrunn.  Während der Corona-Pandemie musste das Theater Veranstaltungen absagen beziehungsweise Teile der Saison ausfallen lassen, konnte diese Einnahmeausfälle aber mit Fördermitteln des Bundes kompensieren. „Aktuell haben sehr viele Theater und Kulturveranstalter mit der Problematik zu kämpfen, dass Veranstaltungen häufig nicht annährend so gut ausgelastet sind wie vor der Pandemie. Das trifft auch für Lindau zu.“ Umso erfreulicher sei es, dass sie in der aktuellen Saison, die im Oktober begonnen habe, bereits einige ausverkaufte Vorstellungen hatten. Die Sonderausstellung im Kunstmuseum am Inselbahnhof sei einer der kulturellen Leuchttürme in Lindau. Rund 45.000 Besucher*innen haben 2022 die Sonderausstellung „Mythos Natur“ besucht. „Zudem war die Nachfrage nach Museumspädagogik so groß, dass wir gar nicht alle Schulklassen und Kindergärten annehmen konnten“, sagt Warmbrunn. Was ein eindeutiger Hinweis auf den Hunger nach Kultur in allen Altersklassen sei. Für 2023 arbeite das Museumsteam an der Sonderausstellung „Andy Warhol und die Pop Art“.

Bregenzer Festspiele
„Die Bregenzer Festspiele blicken zuversichtlich und hoffnungsvoll ins Jahr 2023. Trotz – oder vielleicht gerade in – Zeiten von Verunsicherung besteht bei den Menschen die Sehnsucht nach Kunst und Kultur“, sagt Axel Renner, der seit vielen Jahren Pressesprecher des größten Kulturveranstalters in der Landeshauptstadt ist. Die Geschichte der Bregenzer Festspiele begann 1946 auf zwei Kieskähnen: einer für die Bühnenaufbauten von Mozarts Jugendwerk „Bastien et Bastienne“, der andere für das Orchester. Mehr als neun Millionen Besucher*innen begrüßten die Bregenzer Festspiele seit ihrer Gründung. Die Coronapandemie sei ein großer Einschnitt gewesen, der aber der Zugkraft der Festspiele in die weite Region nicht wirklich etwas anhaben konnte. Allein im vergangenen Sommer besuchten mehr als 230.000 Gäste die Bregenzer Festspiele. Das Spiel auf dem See „Madame Butterfly“ sei ausverkauft gewesen. „Das lässt uns trotz aller Herausforderungen optimistisch in die Zukunft blicken und hoffen, dass ,Madame Butterfly‘ im Sommer 2023 erneut zum Publikumsliebling wird“, wünscht sich Axel Renner.

(c) Susi Donner

Kulturamt Ravensburg
„Ich freue mich auf das Jahr 2023. Kulturell wird in Ravensburg sehr viel geboten sein. Und vor allem ist für jeden etwas dabei“, sagt Verena Müller, die Leiterin des Kulturamts in Ravensburg. Sie blicke optimistisch ins neue Jahr. Ungebrochen sei die Lust darauf, Kultur zu bieten. Das Kulturamt der Stadt Ravensburg bringe jedes Jahr etwa ein Dutzend Theaterstücke von Theaterbühnen aus dem ganzen Bundesgebiet und auch dem Ausland auf die Bühne des Konzerthauses. Verena Müller hält sich nicht lange mit Fragen um Herausforderungen auf, sondern gibt fröhlich einen Einblick in die ersten Veranstaltungen des Jahres 2023, das musikalisch mit dem Neujahrskonzert am 14. Januar im Konzerthaus beginnt. Das Schauspiel „The Who and the What“ von Pulitzerpreisträger Ayad Akhtar werfe sehr passend drängende Fragen nach kultureller Identität auf, und im März feiere das Kunstmuseum Ravensburg 10-jähriges Jubiläum. „Ich freue mich besonders auf den Sänger Pippo Pollina, der zusammen mit dem Palermo Acoustic Quintet am 23. März im Konzerthaus auftritt“, erzählt Verena Müller. Als Artist in Residence des Bodenseefestivals trete Avi Avital mit seinem Between Worlds Ensemble am 27. Mai im Konzerthaus auf.

Kulturbüro Friedrichshafen
Die Kulturbranche in Friedrichshafen stehe wie alle anderen vor großen Herausforderungen. „Wir haben zwar seit ein paar Wochen wieder mehr Publikumszuläufe, aber dennoch weniger als vor der Pandemie“, sagt Andrea Kreuzer aus der Abteilung Kultur und Kommunikation der Stadt Friedrichshafen. „Die allgemeinen Kostensteigerungen treffen unsere Branche hart. Gerade für das Kulturufer im Sommer 2023 werden wir uns die Kostenpläne noch mal genau anschauen müssen, weil die Kosten für Infrastruktur deutlich steigen werden.“ Zudem machen dem Kulturbüro Personalprobleme Sorgen: „Helfer und Techniker fehlen und auch häufige gesundheitlich bedingte Ausfälle bei uns, unseren Partnern oder Künstlern treffen uns immer wieder.“ Die Branche sei ins Schwanken geraten und habe das Gleichgewicht noch nicht wiedererlangt. Nichts destotrotz: Inhaltlich habe die Kultur in Friedrichshafen viel zu bieten. Die Erste Jahreshälfte sei bereits fest geplant. Im März stehen beispielsweise wieder die Filmtage an. Für das Kulturufer wurden vier Termine bereits veröffentlicht. Höhepunkt aktuell sei der Auftritt von Siegfried und Joy, einem jungen Zauberer-Duo. Für den Herbst und damit für die neue Spielzeit ist das Kulturbüro aktuell noch in Planung. „Aber auch bei steigenden Kosten werden wir für unser Publikum wieder gewohnt hochwertige Angebote haben.“

Theater Kosmos
„Zum Glück haben unsere Sponsoren und Förderer in den Pandemiejahren keine Kürzungen vorgenommen. Was wir aber merken, ist, dass alles teurer wird – Energie, Papier, Druckkosten … In der freien Kulturszene ist das Sparen sowieso immer angesagt. Daran wird sich auch im nächsten Jahr nichts ändern“, vermutet Katharina Leissing, die Leiterin der Kommunikation im Theater Kosmos in Bregenz. Das Theater Kosmos wurde 1996 von Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg gegründet und bietet seither urbanes, zeitgenössisches und freies Theater. „Höhepunkte 2023 sind unsere vier Hauptproduktionen. Diese sind so save wie alles im Leben. Wir gehen davon aus, dass es so läuft, wie wir es planen, und arbeiten voller Elan und Energie auf diese Produktionen hin“, so Katharina Leissing. Die Vorstellungen im zurückliegenden Jahr seien unterschiedlich gut besucht gewesen: „Wir merken die Zurückhaltung beim Publikum.“ Wie kann das Publikum die Kulturschaffenden unterstützen? „Ins Theater kommen, die Lust auf reale Erlebnisse und echte Begegnungen nicht verlieren, das Netflix Abo hin und wieder mal vergessen und Zeit jenen Menschen widmen, die ihnen live, in Echtzeit auf der Bühne etwas bieten.“ Denn eine Gesellschaft, in der die Kultur aus finanziellen Gründen zurückgedrängt wird, mag sie sich nicht vorstellen. Das sei eine arme Gesellschaft in vielerlei Hinsicht. „Ohne Kunst und Kultur gibt es keine kritische Auseinandersetzung mit Themen, die uns etwas angehen. Ohne Kunst und Kultur verstummen wir, etwas krasser ausgedrückt, verdummen wir“, sagt Katharina Leissing leidenschaftlich.

Das Lindauer Zeughaus
Mit seiner Spielstätte in einem der ältesten Gebäude auf der Lindauer Insel bereichert seit 1995 der Zeughausverein das kulturelle Leben in Lindau, mit jährlich rund 35 Veranstaltungen. Nach Corona sei es allerdings noch immer nicht einfach. 2022 waren Veranstaltungen zwar gänzlich ohne Beschränkungen möglich, aber das Publikum habe trotz großartiger Künstler und Bands gefehlt. „Wir sind gut durch diese Zeit gekommen, weil alle ehrenamtlich arbeiten und wir wenige Fixkosten haben. Aber jetzt brauchen wir wieder mehr Publikum.“ Stefan Fürhaupter und Martin Keller, die beiden Vorsitzenden des Vereins, sehen viele Gründe für das spärliche Publikum. Es herrsche ein Überangebot durch den Stau, den die Coronapause verursacht habe, vielen Leuten fehle das Geld, und wieder andere hätten sich das Ausgehen schlichtweg ab- und das Sofa angewöhnt. „Wir sind aktuell bei fünfzig Prozent der Auslastung von vor Corona“, sagt Stefan Fürhaupter. Das sei aber nichts Lindauspezifisches, sondern bundesweiter Trend. Die letzten beiden Jahre hätten sie, Dank der Fördermittel, die sie über „Neustart Kultur“ vom Kulturstaatsministerium und von der Initiative Musik erhalten haben, entspannt arbeiten, die laufenden Betriebskosten tragen und vor allem die Künstler angemessen bezahlen können. Obwohl die Zeit schwierig sei: „Wir wollen unser Vereinsziel erfüllen, die Kunst und die Kultur lebendig halten, die Künstler unterstützen, indem wir ihnen Auftrittsmöglichkeiten bieten, und dem Publikum die Freude an Musik, Kunst und Kultur live erlebt wieder näherbringen“, sagt Stefan Fürhaupter und lockt: „Für unser Programm 2023 haben wir mit Freude großartige Künstler gebucht.“

Kulturförderung St. Gallen
„Gewisse Sparpläne gibt es auch in St. Gallen, dennoch hat das Stadtparlament kürzlich beschlossen, dass die Förderung für die Kultur an verschiedenen Stellen sogar aufgestockt wird“, sagt Kristin Schmidt, Co-Leiterin der Kulturförderung St. Gallen, fröhlich und zeichnet ein positives und optimistisches Bild der Kulturszene in der Stadt. Das kulturelle Angebot in St. Gallen sei reichhaltig und vielfältig. „Und wir sind nahe am Level der Besucherzahlen von vor der Corona-Pandemie, manche Vorstellungen, ob Oper oder experimentelles Theater, sind ausverkauft.“ Die Kulturmacher-*innen seien aktiv und freudig engagiert und das Publikum habe Lust auf Kultur. Es sei in der Schweiz vielleicht auch ein bisschen einfacher, meint Kristin Schmidt, weil es dort ja schön länger keine pandemiebedingten Restriktionen mehr gebe. Die Masken- und Testpflicht wurden zu Beginn 2022 abgeschafft, und mit großen Schritten kam die Normalität zurück. „Wir freuen uns, mit ‚Paula‘ vom 16. bis 27. August sogar ein neues Festival für Theater, Tanz, Performance und Zirkus in der Stadt St. Gallen zu präsentieren, welches wir großzügig unterstützen können“, sagt Kristin Schmidt. Es sei ein Festival der freien Szene, die keine eigene Spielstätte habe. „Das ist ein Thema, das uns seit Jahren umtreibt, das Festival soll der freien Szene Sichtbarkeit geben.“ Kristin Schmidt sagt: „Wenn ich die Kulturszene 2023 in St. Gallen mit wenigen Worten beschreiben soll, dann so: Guter Wind, viel Optimismus und freudige Macherhaltung.“

Völliger Stillstand im ersten Pandemiejahr. Wiederöffnung unter strengsten Auflagen. Zögerliches Publikum. Inflation und Energiekrise. Es ist nicht selbstverständlich, dass Kultureinrichtungen diese schwierigen Zeiten überstehen und engagiert immer schönste Unterhaltung auf die Bühnen bringen. Chapeau vor so viel Leidenschaft und Engagement.

www.theaterkosmos.at
www.bregenzerfestspiele.com
www.zeughaus-lindau.de
www.friedrichshafen.de
www.kultur-lindau.de
www.theaterkonstanz.de
www.sg.ch

Beitragsbild: © Hari Pulko