Gut streiten will gelernt sein. Aus dieser alten Volksweisheit machen Debattierclubs an Schulen und Hochschulen ein ambitioniertes Freizeitvergnügen. Auch in der Bodenseeregion treffen sich junge Leute regelmäßig, um das Pro und Contra von kniffligen Streitfragen zu diskutieren. Auf diese Weise trainieren sie ihre argumentative Überzeugungskraft und rhetorische Fähigkeiten. Wegen Corona weichen diskutierfreudige Menschen derzeit allerdings auf digitale Räume aus.

„Debattieren ist eine Art Sport und Kunst zugleich“, sagt Laurenz Bramlage. „Mir macht es unheimlich viel Spaß.“ Der 22-jährige Student ist Vorstandsmitglied des Debattierclubs „The Soapbox“ an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Normalerweise treffen sich hier einmal pro Woche bis zu 20 junge Leute. Wegen Corona ist dies derzeit allerdings nicht möglich. Stattdessen finden die Debattierrunden nun etwa zweimal im Monat als Videokonferenzen statt. Das Ziel bleibt dasselbe: „Es geht darum, die Fähigkeiten des Debattierens und des Streitgesprächs zu pflegen und zu verbessern“, erklärt Bramlage.


Vorstand des Debattierclubs „Soapbox“: (von links) Leon Albert, Mara Sagert, Lilly Schmitz und Laurenz Bramlage.


Die Themen von Debattierclubs sind so vielfältig wie das Leben. Sollen Fußballvereine an die Börse gehen dürfen? Schaden Ressourcenvorkommen den Entwicklungsländern mehr als sie nutzen? Gibt es einen gerechten Krieg? Um solche Fragen geht es auf Debattierturnieren. Wie beim Sport treten Teams nach festen Regeln an. „Zu zweit oder zu dritt müssen komplexe Sachverhalte schnell durchdacht, gegliedert und angemessen präsentiert werden. Den Kontrahenten ist zuzuhören, ihre Argumente sind zu widerlegen und den gegnerischen Rednern sind möglichst treffende Zwischenfragen zu stellen.“ So beschreibt der Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) das Prinzip. Diesem Verband gehören im deutschsprachigen Raum 70 Debattierclubs an, davon vier in der Bodenseeregion: an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, Universität Konstanz, Universität St. Gallen und ETH Zürich. Außerdem gibt es Debattierclubs für Berufstätige, etwa im Aargau und in Winterthur.

Häufig wird im Stil einer parlamentarischen Debatte diskutiert: Es gibt eine Regierung, eine Opposition und meist auch freie Redner. Eine Jury bewertet Rhetorik und Argumentation. „Manchmal muss man einen Standpunkt vertreten, der gar nicht der eigenen Meinung entspricht“, erzählt Bramlage. „Dadurch lernt man, ein Thema von verschiedenen Seiten zu durchdenken, sich in die Sichtweise der Kontrahenten hineinzuversetzen und Menschen zu überzeugen.“ Wegen Corona hat der VDCH nun auch andere Formate entwickelt, nämlich Online-Quiz-Runden.

Jugend debattiert

Auch an Schulen wird die Kunst des Debattierens gefördert. So beteiligen sich in der Bodenseeregion jedes Jahr Schülerinnen und Schüler diverser Schulen am Regionalentscheid Bodensee-Oberschwaben. „Eine Demokratie braucht Menschen, die kritische Fragen stellen. Menschen, die aufstehen, ihre Meinung sagen und sich mit den Meinungen anderer auseinandersetzen. Menschen, die zuhören und reden können. Menschen, die fair und sachlich debattieren“, heißt es dazu auf der Website von „Jugend debattiert“. Deshalb komme es darauf an, dass jeder schon in der Schule lernt, wie und wozu man debattiert.

www.vdch.de, www.jugend-debattiert.de, www.debattierclubs.ch, www.zu.de

Text: Ruth Eberhardt

Fotos: „The Soapbox“ Friedrichshafen und Jugend debattiert/Hertie-Stiftung