Das aktive und passive Wahlrecht für Frauen, heute ganz selbstverständlich als demokratisches Grundrecht in Anspruch genommen, wurde in zähem Kampf errungen. In Deutschland und Österreich jährt sich seine Geburtsstunde jetzt zum 100. Mal. Den Schweizerinnen gestattete man erst 1971 auf Bundesebene den Gang an die Wahlurnen und im Ostschweizer Kanton Appenzell Innerrhoden kämpften die Frauen gar bis 1990 (!) um ihre politische Gleichstellung. Von Parität in der Politik kann allerdings hier wie dort auch heute noch keine Rede sein.

Zum ersten Mal wählen – und gewählt werden

Am 18. November 1918 wandte sich der Rat der Volksbeauftragten mit folgendem Aufruf an das Volk: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht aufgrund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“ Am 30. November trat das Reichswahlgesetz mit dem allgemeinen aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen in Kraft. In Artikel 109 der Weimarer Verfassung ist zu lesen: „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben Rechte und Pflichten.“ Am 19. Januar 1919 konnten Frauen zum ersten Mal ihr Wahlrecht ausüben, bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. Die Wahlbeteiligung lag bei 90 Prozent und war bei den Frauen etwas höher als bei den Männern. 300 Frauen hatten kandidiert; 37 Frauen von insgesamt 423 Abgeordneten wurden gewählt – die meisten gehörten der SPD an.

Für die Frauen war das ein großer Erfolg. Bei der konstituierenden Sitzung im Karlsruher Ständehaus ergriff Marianne Weber, die Frau des Soziologen Max Weber, das Wort und wandte sich an ihre männlichen Kollegen: „Wir Frauen können nur unserer hohen Freude und Befriedigung darüber Ausdruck geben, dass wir zu dieser Aufgabe mitberufen sind, und ich glaube, sagen zu dürfen, dass wir besser für sie vorbereitet sind, als vielleicht die meisten von Ihnen glauben.“ Als erste Frau in der Weimarer Nationalversammlung sprach am 19. Februar 1919 die Sozialdemokratin Marie Juchacz aus Berlin: „Ich möchte hier feststellen …, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

„Natürliche Bestimmung“?

Das Frauenwahlrecht musste sich gegen viele Vorurteile von Männern, aber auch Frauen, durchsetzen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche“ Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Dass es nach langen Ringen zu dieser, wie Marie Juchacz sagte, „Selbstverständlichkeit“ kam, lag sicher auch am Ersten Weltkrieg, der den Frauen einen wichtigen emanzipatorischen Schritt ermöglichte: Die kriegsbedingte Abwesenheit der Männer zwang viele Frauen ins Berufsleben, ihre Arbeitsleistung wurde für die Aufrechterhaltung der Kriegswirtschaft unentbehrlich. Sie verrichteten an der heimatfront typische Männerarbeiten, bekamen – abseits von Kindern und Küche – mehr Gewicht und damit auch mehr Selbstbewusstsein.

Die eigentlichen Ursprünge des Wahlrechts für Frauen reichen freilich viel weiter zurück, nämlich bis zur Französischen Revolution von 1789 mit ihren Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Allerdings ermöglichte die damals verfasste „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ nur den männlichen Bürgern das Wahlrecht. In Preußen galt seit 1848 ein Wahlrecht, das die Wähler in drei Klassen einteilte, nach der Höhe ihres direkten Steueraufkommens (sog. Dreiklassenwahlrecht). Das aktive Wahlrecht stand allen Männern nach Vollendung des 24. Lebensjahres zu; Frauen und Fürsorgeempfänger durften nicht wählen. Im Jahr 1850 wurden Bestimmungen erlassen, die den Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen und Verbänden explizit verboten. Schon damals traten erste Frauenrechtlerinnen auf den Plan und forderten ihre Rechte ein.

Clara Zetkin prescht vor

Um 1900 war es insbesondere die SPD, die für das Frauenwahlrecht kämpfte. Die gemäßigte bürgerliche Frauenbewegung strebte ein eingeschränktes Wahlrecht an; die radikaleren sozialistischen Frauen um Clara Zetkin forderten dagegen auf dem ersten internationalen sozialistischen Frauenkongress 1907 in Stuttgart das allgemeine Frauenwahlrecht.

Die Nationalsozialisten verlegten sich schon früh darauf, Frauen weder in die Parteiführung noch in die leitenden Ausschüsse zu integrieren. Nach der Machtübernahme im Jahr 1933 wurden die Rechte der Frauen weiter eingeschränkt; man verdrängte sie auch aus höheren Positionen: Die Rolle als Hausfrau und Mutter hatte Priorität. Das Wahlrecht wurde den Frauen de facto entzogen. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs führten die beiden deutschen Staaten das aktive und passive Wahlrecht für Frauen wieder ein. Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ am 23. Mai 1949 im Artikel 3, Abs. 2 des Grundgesetzes als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde.

Unter Beobachtung

In Österreich verlief die Entwicklung ähnlich. Auch hier ist die Einführung des Frauenwahlrechts mit der Gründung der Ersten Republik nicht nur als direkte Folge des Weltkrieges und der spezifischen politischen und gesellschaftlichen Situation nach dem Zusammenbruch der k. u. k. Monarchie zu sehen, sondern vor allem als Resultat eines lang andauernden und harten Kampfes der Frauen. Eine wirkliche politische Gleichberechtigung gab es in Österreich tatsächlich erst 1923, denn bis dahin waren Prostituierte vom Wahlrecht ausgeschlossen. Zuvor war es gesellschaftlicher Konsens, das Wahlrecht an Sitte und Moral zu binden. Kurios: Verschieden farbige Kuverts – blau für die Männer, rot für die Frauen – kamen bei den Nationalratswahlen von 1920 bis 1930 zur „Beobachtung“ des Wahlverhaltens der Frauen zur Anwendung (man befürchtete, dass sie sich an eine bestimmte Partei binden würden). In der Zweiten Republik wurden die unterschiedlichen Kuverts bei den Wahlen auf Bundesebene nicht mehr verwendet. Übrigens waren auch die Österreicherinnen, zumindest in den ersten Jahren, eifrige Wählerinnen und bestimmten somit entscheidend über die politischen Kräfteverhältnisse. Den Sprung in die aktive Politik schafften jedoch immer nur wenige.

Gegen die „Verpolitisierung“ der Frau

In der Schweiz, der selbsternannten „Wiege der Demokratie“, dürfen Frauen erst seit 1971 aktiv und passiv an Wahlen teilnehmen. Ihr Kampf um das Wahlrecht dauerte viele Jahrzehnte und ist gekennzeichnet durch zahlreiche Rückschläge. Eine wichtige Station war 1959 die erste Volksabstimmung über das – in der Schweiz sogenannte – Frauenstimmrecht: Eine Mehrheit gab es nur in den französischsprachigen Kantonen, der große Rest lehnte die Reform ab. Es existiere, so hieß es damals, „in breiten Volkskreisen ein gesunder Widerstand gegen die Verpolitisierung der Frau“. Nach und nach führten einzelne Kantone das Frauenstimmrecht – zumindest – auf Kantonsebene ein: Waadt und Neuchâtel 1959, Genf 1960, Basel-Land 1968, Tessin 1969.

Am 7. Februar 1971 stimmten die Eidgenossen erneut ab über das Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Diesmal überwogen die Ja-Stimmen mit 66 zu 34 Prozent. Die Kantone der Zentral- und Ostschweiz waren mehrheitlich nach wie vor dagegen, ließen das Frauenstimmrecht aber auf kantonaler und Gemeindeebene zu – mit Ausnahme der beiden Halbkantone Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. In Appenzell Ausserrhoden entschied erst 1989 eine knappe Mehrheit bei der Landsgemeinde zugunsten des Frauenstimmrechts. Im Kanton Appenzell Innerrhoden brauchte es gar einen Bundesgerichtsbeschluss: Am 27. November 1990 beschloss das Bundesgericht, dass auch in Innerrhoden die Frauen ab sofort zur Urne gehen dürfen – gegen den Willen der Stimmbürger.

Auch der seit 1949 im deutschen Grundgesetz verankerte Gleichberechtigungsartikel hatte es in der Schweiz nicht leicht: Er kam erst 1981 in die Schweizer Verfassung, und bis 1985 galt das alte Eherecht: Demzufolge mussten die Frauen ihre Männer um Erlaubnis bitten, wenn sie einen Beruf ausüben wollten.

Dass ausgerechnet eine der ersten Demokratien so lange gebraucht hat, um ihren Frauen das Wahlrecht zu gewähren, liegt am politischen System der Schweiz: Fragen, die die Bundesverfassung betreffen, müssen vom Volk entschieden werden – im Fall des Frauenstimmrechts also von Männern.

Und heute?

Nach alldem drängt sich die Frage auf: Wo stehen die Frauen im politischen Gleichstellungsprozess heute? Ein Blick auf die Statistiken zeigt, dass sie in allen drei Ländern trotz der formalen Gleichberechtigung auch Jahrzehnte nach Einführung des Frauenwahlrechts immer noch an eine „gläserne Decke“ stoßen: Frauen sind in gesellschaftlichen Führungspositionen in der Politik, aber auch in Wissenschaft und Wirtschaft, nach wie vor unterrepräsentiert. Ihr Anteil in den Parlamenten dümpelt in Österreich, der Schweiz und Deutschland zwischen 30 und 35 Prozent. Ein Witz im Vergleich zu Ländern wie Ruanda, Kuba oder Bolivien: Da sind die Politikerinnen mit 61, respektive 53 Prozent wirklich stark vertreten. Vorbild Afrika? Vorbild Lateinamerika? Auf jeden Fall ist noch viel Luft nach oben.

Ausflugs-Tipp, nicht nur für Frauen

Das Frauenmuseum Hittisau ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig: Es ist nicht nur das erste und einzige Frauenmuseum Österreichs, sondern auch weltweit das einzige im ländlichen Raum. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, das Kulturschaffen von Frauen und Frauengeschichte(n) sichtbar zu machen und zu dokumentieren.

www.frauenmuseum.at

Veranstaltungen der Landeszentrale für politische Bildung zum Thema

  • 16.11. Die Frauen und die Wahlen – immer noch eine Baustelle, in Stuttgart
  • 24.11. Tagesseminar: 100 Jahre Frauenwahlrecht – Chancengleichheit von Frauen und Männern heute, Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart. www.lpb-bw.de
  • 29.11., 20 Uhr, Themenabend: Wer Frauen will, muss Frauen wählen, Walpurgissaal in Singen
  • 10.03., 14 Uhr, Stadtrundgang: 25. Bad Saulgauer Frauenwoche – Weibsleut in Sulga, Marktplatz in Bad Saulgau, www.frauenforum-bad-saulgau.de
  • 14.03., 19 Uhr, Vortragsabend: 100 Jahre Wahlrecht der Frau in Baden und dem Hegau, Landratsamt Konstanz
  • 17.03., 20 Uhr, Theater:  25. Bad Saulgauer Frauenwoche – Damenwahl – der Theatergruppe Rolle vorwärts, Stadthalle in Bad Saulgau, www.frauenforum-bad-saulgau.de
  • 23.03.-11.04.19. Ausstellung: 100 Jahre Frauenwahlrecht – Meilenstein der Geschichte, Stadtbibliothek Radolfzell im Österreichischen Schlösschen

Die Ersten und die Letzten

Als erstes Land weltweit führte Südaustralien 1894 das Frauenwahlrecht ein. Das erste europäische Land war 1906 Finnland. Zu allerletzt kamen die Frauen in Liechtenstein in den Genuss politischer Teilhabe: 1984 war das, ganze 100 Jahre nach den Australierinnen.

Text: Claudia Antes-Barisch