D – Lindau | „Die Sehnsucht der Menschen nach Gefühlen ist groß“, sagt Christian Peter Dogs. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatik hat die stationäre Psychotherapie in Deutschland mit ungewöhnlichen und sehr erfolgreichen Therapiekonzepten revolutioniert.

Seine Erfahrungen zeigen: Es gibt Auswege. Und vor allem: Wir selbst können jede Menge für unsere seelische Gesundheit tun. Nun hat er gemeinsam mit der Stern-Autorin Nina Poelchau ein Buch geschrieben, das seit Monaten unter den Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste rangiert. Es ist wie ein Befreiungsschlag für die Gefühle. Glaubhaft und authentisch. Dogs weiß, wovon er spricht. Seine erschütternde Kindheit hat ihn geprägt.

Ihr Buch heißt „Gefühle sind keine Krankheit“ – warum muss man das überhaupt betonen?

Christian Dogs: Der Trend der letzten Jahre ist, jede Befindlichkeitsstörung als Krankheit zu bezeichnen. Gefühle sind natürlich keine Krankheit. Sie können aber krank machen, wenn man verkehrt mit ihnen umgeht. Was die Menschen am meisten beeinträchtigt, ist, dass sie das Leben aufteilen in positive und negative Gefühle. Das ist schädlich. Es ist wichtig, dass man alle Gefühle gut leben kann. Dass man akzeptiert, dass das, was uns traurig macht, und das, was uns ängstlich macht, genauso zum Leben gehört wie das, was uns froh oder mutig macht. Das ist gesund. Aber irgendwann haben wir das aufgeteilt und gesagt, das eine ist erlaubt, das andere ist verboten. Meine Freundin ist sehr sportlich und mutig in den Bergen. Ich habe Angst. Dann sagt sie immer: „Du musst keine Angst haben.“ Ich will aber meine Angst haben dürfen. Weil, wenn ich dann mein Ding gemacht habe, bin ich total stolz und erzähle der ganzen Welt, wie abenteuerlich das war. Ich will auch traurig sein dürfen. Ich bin gerne traurig. Wenn Menschen, die mir wichtig sind, etwas Schlimmes passiert, bin ich traurig. Ich empfinde es als respektlos den Menschen gegenüber, wenn man ihnen nach zwei Wochen sagt, jetzt ist aber wieder gut, jetzt musst du wieder lachen.

Wer bestimmt denn, welches die guten Gefühle sind?

Christian Dogs: Die Gesellschaft. Und die Psychotherapeuten.

An Ihren Berufskollegen üben Sie oft Kritik … Was läuft falsch in der Psychotherapie?

Christian Dogs: Ich bin immer wieder entsetzt, wie Menschen auch in der Psychiatrie katastrophal falsch behandelt werden. Vor allem in der Psychosomatik. Das geht mir nahe. Erschüttert mich. Die Psychotherapie sollte alles einfacher machen, aber sie macht das Gegenteil. Der Satz „bevor ich zum Psychotherapeuten ging, dachte ich, meine Ehe sei ok. Jetzt weiß ich, dass sie Schrott ist“ erklärt vielleicht, was ich meine. Solche Beispiele lassen sich viele finden. Jemand, der schüchtern oder introvertiert ist, ist nicht gleich autistisch oder sozialphobisch. Jemand, der als Baby in die Klinik musste, hat nicht gleich ein Trennungstrauma. Völlig normale Gefühle werden pathologisiert. Leute werden krank geredet und dann falsch behandelt.

Also lieber nicht zum Psychotherapeuten?

Christian Dogs: Psychotherapeuten brauchen wir für die wirklichen psychischen Erkrankungen, aber nicht für die Befindlichkeitsstörungen. In der Praxis sind aber die Psychotherapeuten besetzt mit Patienten, die eigentlich ganz gesund sind – die völlig gesunde Gefühle haben, die traurig, wütend oder ängstlich sind. Diese blockieren die Plätze für die schweren psychischen Krankheiten, die schweren Depressionen. Die dann keine Therapieplätze bekommen, weil die besetzt sind mit leichten Befindlichkeitsstörungen. Das ärgert mich.

Macht Ihnen der Widerstand, der sich in Fachkreisen gegen Sie regt, etwas aus?

Christian Dogs: Nein, es geht mir gut damit. Ich bin ja so geprägt – sozusagen auf Krawall gebürstet. Wenn jemand sagt, Dr. Dogs ist ein Idiot, dann kann ich damit umgehen. Wenn jemand sagt, Dr. Dogs ist nett, wird es mir unheimlich. Ich stoße selbstverständlich mit meinem Buch auf viel Widerstand, weil ich sage, dass die Psychotherapie nur etwas bringt, wenn man eine andere Form der Therapie macht. Und dass Psychoanalyse krank macht. Wie kann man annehmen, dass eine Methode, die über hundert Jahre alt ist, immer noch zeitaktuell sein könnte? Keiner operiert mehr wie vor hundert Jahren. Es passiert so oft, dass Leuten Traumata eingeredet werden. Viele sogenannte Traumata sind einfach Teil einer Lebensgeschichte und wenn wir daraus kein Theater machen, entwickeln sich daraus Persönlichkeiten. Jeder Mensch ist das Ergebnis all seiner Erlebnisse. Das war einer der Gründe, warum ich in dem Buch einen kleinen Teil meiner Lebensgeschichte erzähle, um zu zeigen, ich bin voller Narben und Wunden, aber damit kann man gut leben, die kann man integrieren, die haben mich zu dem gemacht, der ich bin. Man muss nicht gleich krank sein.

Ist es also falsch, Vergangenes aufarbeiten zu wollen?

Christian Dogs: Es ist wichtig, Vergangenes vergangen sein zu lassen – deshalb heißt es ja auch Vergangenheit. Es hilft nichts, ständig gegen die Persönlichkeitsprägung anzugehen. Hört auf mit diesem ewigen Geschwafel über die Kindheit – ich kennen so viele Patienten, die sind missbraucht worden und haben trotzdem eine erfüllte Sexualität. Und was hilft es denn, wenn ich weiß, warum ich krank bin? Das erklärt mir die Gegenwart, aber es heilt nicht. Es reißt höchstens noch mehr Wunden auf. Mich stört vor allem, dass die meisten Therapeuten nur aufs Negative fokussieren – dabei ist in jeder Biografie auch Positives. Bei vielen Patienten ist es meine Aufgabe, einfach nur zu sagen: Es ist völlig okay, wie Sie sind. Sie dürfen so sein. Solange es keinen anderen beeinträchtigt.

Was kann man tun? Was ist beste Therapie?

Christian Dogs: Freunde haben und Gefühle zulassen. Nicht gleich dagegen angehen. Viele Dinge gehen von selber vorbei, wenn ich ihnen nicht diese Bedeutung gebe. Wenn ich in die Akzeptanz gehe, verlieren Gefühle ihren Schrecken. Ich darf mich schuldig fühlen, ich darf traurig sein. Nur wer unten kennt, kennt auch oben. Wenn ich Gefühle akzeptiere, dürfen sie mich sogar ein Leben lang begleiten. Ich muss sie nicht abarbeiten. Sie machen nicht krank. Sie sind nicht behandlungsbedürftig. Zum Trauma werden viele Dinge erst, weil wir sie zum Trauma machen. Deswegen sage ich: Ja, sei traurig, ja, hab Angst. Wer lernt, die Gefühle abzuspalten, die nicht erlaubt sind, wird wirklich krank. Wer seine Traurigkeit immer unterdrückt, bekommt wirklich eine schwere Angststörung oder eine schwere Depression.

Und wie weiß man, dass man wirklich Hilfe braucht?

Christian Dogs: Die Grenze zwischen Depression und Trauer ist relativ leicht zu ziehen. Der Traurige kann seinen Affekt modulieren, kann mal lachen, mal weinen. Kann am Grab sehr traurig sein und beim Totenmahl auch wieder lachen. Der Depressive kann nicht mehr lachen, hat gar keine Freude mehr, hat den Kontakt zu seinen Gefühlen verloren. Er ist versteinert. Wenn ich merke, ich kann meinen Affekt nicht mehr verändern, dass ich das Gefühl der Gefühlslosigkeit habe, obwohl keine Lebensereignisse da sind, die dazu hätten führen können, dann brauche ich Hilfe. Aber ich brauche keinen, der mich krank redet, sondern einen, der mir hilft, an meine Ressourcen zu kommen. Es hilft nicht, immer wieder in alten Wunden zu stochern, die wir oft nicht einmal kennen.

Warum nehmen Depressionen und Burnouts zu?

Christian Dogs: Viele Deutsche leben so, dass sie depressiv werden müssen. Wir Deutschen leben hochfunktional. Wir arbeiten die ganze Zeit bis zur Erschöpfung. Das bringt Anerkennung. Wir beherrschen unsere Gefühle und sind auch noch stolz darauf. Das macht krank. Das erste Anzeichen für beginnenden Burnout ist, wenn die Leute keine Lust mehr haben, im Auto das Radio einzuschalten.

Sie wurden als Kind schwer misshandelt – körperlich und psychisch. Sind auf die schiefe Bahn geraten, waren drogensüchtig. Warum erzählen Sie das öffentlich?

Christian Dogs: Die meisten Therapeuten verstecken sich. Das muss aufhören. Wie soll man Bindung aufbauen, wenn der eine die Hosen runterlässt und der andere sich gar nicht zeigt? Mein großer Vorteil in der Psychiatrie ist, dass ich eben nicht der ferne Arzt bin. Mit meiner eigenen Geschichte, von der ich einen Bruchteil erzähle, zeige ich, dass auch mit einem katastrophal zerstörenden Start ein erfülltes und erfolgreiches Leben möglich ist. Dass es einen Ausweg gibt aus Angst und Depressionen. Ich sage meinen Patienten immer: Ich kann deine Probleme nachvollziehen. Mein Leben war immer auf Kante, ich musste immer kämpfen. Mein Vater war für mich immer der Antrieb, es besser zu machen. Er hat ebenfalls psychosomatische Kliniken geleitet. Allerdings hat er seine Patientinnen missbraucht, hat mit ihnen Affären angefangen. Immer wieder musste er seine Kliniken deswegen schließen. Er war opiumabhängig und in der Familie gewalttätig. Meine Mutter trank und ließ ihn machen. Ich wurde nachts von meinem betrunkenen Vater aus dem Schlaf geholt und verprügelt. Wurde von ihm gehässig gedemütigt. Mit neun riss ich aus, kam in ein Kinderheim, stigmatisiert als schwer erziehbar. Meine Eltern ließen mich fallen, auch finanziell. Meine Rettung waren Menschen, die mein Potenzial erkannten, sich für mich engagierten. Und meine Gabe, Hilfe anzunehmen. Ich habe alle Facharztqualifikationen, die man in unserem Fachgebiet haben kann. Die hatte mein Vater nie. Aus diesem Grund ist mein Buch auch ein Aufruf, stolz auf sich zu sein. Auf sich selbst stolz zu sein, ist gesund und die beste Depressionsprophylaxe. Denn wir sind alle – im positiven Sinne – Narzissten. Jeder Mensch braucht Anerkennung.

Dr. med. Christian Peter Dogs hat mit der Unternehmerfamilie Obenaus vor über 20 Jahren die Panorama-Fachkliniken in Scheidegg gegründet und sehr erfolgreich geleitet und ist seit April 2017 ärztlicher Direktor der psychosomatischen Klinik in der Max-Grundig-Klinik Bühlerhöhe bei Baden-Baden.

„Gefühle sind keine Krankheit“ – das Buch von Dr. med. Christain Peter Dogs und Nina Poelchau ist im Ullstein Verlag erhältlich | ISBN 978-3-550-08195-8

Text & Fotos: Susi Donner