Von 1618 bis 1648 fand der Dreißigjährige Krieg in Europa statt. Er war sowohl ein Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten als auch ein Krieg um die Hegemonie in Mitteleuropa zwischen den habsburgischen Mächten und Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden. Dr. Eberhard Fritz, Archivleiter des Hauses Württemberg, zeigt auf, welche Rolle die Bodenseeregion darin spielte.

Bis heute ist der Dreißigjährige Krieg als eines der gravierendsten Ereignisse in der deutschen Geschichte im Gedächtnis lebendig geblieben. Die Schwedenprozession in Überlingen, zahlreiche Schwedenschanzen und Schwedenkreuze erinnern daran. In manchen Kirchen und Kapellen finden sich sogar noch bildliche Zeugnisse dieser schrecklichen Zeit. So gibt es in der „Schwedenkapelle“ in Bad Saulgau einen Bilderzyklus. Darauf ist die wundersame Verschonung der Stadt von einer schwedischen Eroberung dargestellt. Den schwedischen Soldaten, welche auf die Stadt zumarschierten, soll an der Kapelle ein leuchtendes Kruzifix erschienen sein. Sie erschraken so, dass sie weiterzogen. An vielen Orten werden noch altüberlieferte Geschichten erzählt von Gräueln, die fremde Soldaten im Dreißigjährigen Krieg verübten.

Der Krieg bricht aus

Diese langlebigen Erinnerungen haben ihren Grund, denn die Bodenseeregion gehörte zu den vom Krieg am stärksten betroffenen Regionen. Vielleicht lässt sich am besten vom Krieg erzählen, wenn man bestimmte Schauplätze herausgreift. Im ersten Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges blieb die Region rund um den Bodensee von militärischen Aktionen noch verschont. Die Schlachten und Kampfhandlungen spielten sich fern der Heimat ab. Dort kämpften die Habsburger, also die kaiserliche Dynastie und ihre Verwandten, um die Vorherrschaft in Mitteleuropa. Zunächst ging es darum, Aufstände in Böhmen zu bekämpfen. Indirekt bekam auch Oberschwaben zu spüren, dass sich die Lage zuspitzte. Da der Kaiser Geld brauchte und Heere durch die Bodenseeregionen schickte, zog er die Adelsherrschaften, Klöster und Reichsstädte heran. Die Bürger mussten Soldaten einquartieren und Kriegsbeiträge, sogenannte Kontributionen, bezahlen. Aus dem Zisterzienserkloster Salem, damals noch Salmansweiler genannt, wissen wir durch die Chronik eines Mönchs, dass die Belastungen wegen Truppendurchzügen und Geldforderungen für das Militär unmittelbar nach dem Kriegsausbruch in Böhmen stark anstiegen. Zunächst konnte sich Kaiser Ferdinand II. gegen seine Kontrahenten behaupten. Seine Generäle errangen auf den Schlachtfeldern eine so dominierende Position, dass man mancherorts bereits die Vernichtung des Protestantismus befürchtete.

 

Schweden als Retter der Protestanten

Dann aber griff König Gustav II. Adolf von Schweden in den Krieg ein. Zunächst ging es ihm nur darum, einige Herrschaften im Norden Deutschlands für sich zu sichern. Als er mehrere Schlachten gewann, fühlte er sich ermutigt, gegen den Kaiser anfzutreten. So zog der schwedische König nach Süden, um kaiserliche Territorien zu erobern. Das gelang ihm auch: Während der König selbst nach Bayern zog, besetzten seine Generäle zunächst die Reichsstadt Ulm. Von dort aus nahmen sie Oberschwaben in Besitz. Herzog Eberhard III. von Württemberg verbündete sich mit dem schwedischen König und belagerte die Burg Hohenzollern. Selbst als Gustav II. Adolf in der Schlacht bei Lützen fiel, hielten die schwedischen und württembergischen Heerführer die Herrschaft über die Region nördlich des Bodensees aufrecht. Protestantische Historiker späterer Zeiten sahen den schwedischen König als Retter der protestantischen Kirche. Das kann man heute noch in der Ravensburger Stadtkirche sehen. Eines der sogenannten „Reformatorenfenster“ zeigt König Gustav II. Adolf von Schweden in einer Triumphpose, in einer Reihe mit Martin Luther und anderen Reformatoren.

Konstanz unter Beschuss

Die Eidgenossenschaft, also die heutige Schweiz, wollte immer ihre Neutralität wahren. Deshalb hatte man dort Angst vor feindlichen Eroberungsfeldzügen. Denn solange die Schweizer Städte neutral blieben, konnten sie Lebensmittel und Waffen an die Kriegsparteien liefern. Schaffhausen war so ein Umschlagplatz, weil es günstig am Rhein lag. Regelmäßig verkehrten Schiffe nach Konstanz und Lindau. Nun wollte der schwedische General Gustaf Horn mit seinem Heer die stark befestigte Stadt Konstanz erobern. Die einzige Möglichkeit bot sich ihm von der Schweizer Seite aus. Deshalb drang er in den Thurgau ein und rückte gegen die Stadt vor. Dagegen protestierten die eidgenössischen Städte, aber ohne Erfolg. Obwohl Horn über starke Truppenverbände verfügte, gelang es ihm nicht, Konstanz sturmreif zu schießen. Deshalb zog sich die Belagerung in die Länge und erschöpfte die Kräfte der schwedischen Armee. Schließlich brachte die gegnerische kaiserliche Partei Kriegsschiffe mit Soldaten und Kanonen sicher nach Konstanz. Durch die Verstärkung der Verteidiger war eine Eroberung der Stadt aussichtslos geworden. General Horn musste abziehen.

Schweden in Oberschwaben

Die schwedische Herrschaft in Oberschwaben dauerte bis zum September 1634. Damals kam es bei der Reichsstadt Nördlingen zu einer großen Schlacht zwischen den verbündeten kaiserlichen und bayerischen Heeren auf der einen Seite und einem großen schwedischen Heer. Eigentlich waren die Schweden mit einer modernen Kriegstaktik den Kaiserlichen überlegen. Aber unerwarteterweise trug nach zwei Tagen die kaiserliche Armee den Sieg davon. Unmittelbar nach der Schlacht zogen kaiserliche Soldaten nach Süden, eroberten das Herzogtum Württemberg und drangen nach Oberschwaben vor.

 

Ausbruch der Pest

Die beiden darauffolgenden Jahre waren die schlimmsten des Krieges. Durch die vielen fremden Soldaten wurden Krankheiten eingeschleppt. In ganz Südwestdeutschland wütete die Pest. Darunter fasste man alle ansteckenden Krankheiten zusammen, die man nicht genau unterscheiden konnte. In der Stadt Ravensburg starben beispielsweise täglich bis zu 40 Menschen. Man musste sie in Massengräbern begraben. Als die Pestwelle nach zwei Jahren erlosch, hatte die Stadt etwa die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Erst vor wenigen Jahren wurde auf dem Marienplatz bei Bauarbeiten ein Massengrab entdeckt. Man nimmt an, dass es sich um ein „Pestgrab“ aus dem Dreißigjährigen Krieg handelt. Die großen Bevölkerungsverluste während des Krieges gingen also nicht auf militärische Aktionen oder gewalttätige Soldaten zurück, sondern auf Epidemien.

Nach der Niederlage bei Nördlingen erschien die Lage der protestantischen Gegner des Kaisers fast aussichtslos. Aber nur zwei Wochen später verbündeten sich das katholische Königreich Frankreich und das protestantische Königreich Schweden. Ihnen drohte der Kaiser zu mächtig zu werden. Nach der siegreichen Schlacht bei Nördlingen verschenkte er eroberte Gebiete an seine Verwandten und Hofbeamten. Der Herrschaftsbereich der Habsburger reichte bis nach Südwestdeutschland, den Schwarzwald und das Elsass hinein. Städte wie Saulgau, Munderkingen und Ehingen waren habsburgisch. Ebenso befanden sich beispielsweise die Landvogtei Schwaben, ein größeres Gebiet in der Umgegend von Ravensburg, oder die Landgrafschaft Nellenburg mit dem Hauptort Stockach in habsburgischem Besitz. Hier, in „Vorderösterreich“, regierte nicht der Kaiser, sondern dessen Verwandte, die in Innsbruck residierenden Erzherzöge von Österreich-Tirol.

 

Fels in der Brandung: Festung Hohentwiel

In Oberschwaben störte ein einzelner Mann die kaiserliche Herrschaft. Denn in der Nähe des Bodensees lag die gewaltige Festung Hohentwiel auf einem fast unbezwingbaren steilen Berghügel. Sie befand sich im Besitz des protestantischen Herzogs von Württemberg. Kurz vor der Schlacht bei Nördlingen hatte Herzog Eberhard III. von Württemberg den hessischen Offizier Konrad Widerholt als Kommandant auf der Festung eingesetzt. Mit etwa 300 Soldaten wollte Widerholt den Hohentwiel unbedingt halten. Da aber der Herzog aus seinem Land verjagt wurde, musste sich Widerholt anderweitig Schutz suchen. Er fand ihn zunächst in dem mächtigen schwedischen Heerführer Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar. Nach dessen Tod trat Konrad Widerholt in die Dienste des Königs von Frankreich.

Widerholt hatte allen Grund, sich um starke Verbündete zu bemühen. Denn in Innsbruck regierte zu dieser Zeit eine Frau. Nach dem Tod ihres Ehemannes übernahm Erzherzogin Claudia von Österreich-Tirol, die aus der Familie Medici in Florenz stammte, für ihren kleinen Sohn die vormundschaftliche Regierung. Sie setzte sich energisch für die Erhaltung ihrer vorderösterreichischen Besitzungen ein. Konrad Widerholt forderte zur Unterhaltung seiner Garnison auf der Festung Hohentwiel von den katholischen Herrschaften in Oberschwaben monatliche Geldbeiträge. Wenn sich eine Herrschaft weigerte, diese Monatsbeiträge zu entrichten, sandte der Kommandant eine kleine Truppe seiner Soldaten dorthin. Sie zündeten Häuser an oder plünderten ein Dorf aus. Mit dieser Terrorstrategie brachte es Widerholt schließlich so weit, dass etwa 90 Herrschaften Schutzgelder bezahlten!

Damit erschütterte er die Position der Erzherzogin in ihren vorderösterreichischen Besitzungen. Erzherzogin Claudia tat alles, um die Festung Hohentwiel in ihren Besitz zu bringen und damit unschädlich zu machen. Eine Eroberung des steilen Bergkegels schien unmöglich. Die einzige Chance bestand darin, die Festung einzuschließen und die Besatzung auszuhungern, um sie zur Übergabe zu veranlassen. Erzherzogin Claudia bedrängte den Kaiser in Wien ständig zu einer Belagerung des Hohentwiels. Fünfmal zogen kaiserliche, bayerische und tirolische Truppen vor den Berg, um die Festung zu „blockieren“. Aus Vorarlberg ließ die Erzherzogin Zugtiere und Soldaten heranbringen. Einmal wäre es fast gelungen, Widerholt zur Übergabe zu veranlassen, weil das Wasser auf dem Hohentwiel knapp wurde. Aber schließlich überstand der Kommandant mit seiner Garnison alle fünf Belagerungen und konnte den Hohentwiel bis zum Kriegsende halten.

 

Seekrieg auf dem Bodensee

Nachdem der Kaiser und seine Verbündeten einige Jahre lang das Geschehen beherrschten, griffen Frankreich und Schweden seit 1644 im Bodenseeraum wieder in den Krieg ein. Dabei wurde der Krieg zu Land und zu Wasser geführt. Auf dem Bodensee stationierten sowohl die kaiserliche Partei als auch die Schweden Kriegsschiffe, die sie mit Soldaten und Kanonen besetzten. Es gab einen kleinen, aber durchaus ernst zu nehmenden „Seekrieg“ auf dem Bodensee. Das Ziel der französisch-schwedischen Verbündeten bestand darin, die kaiserliche Allianz nachhaltig zu schwächen, um damit Kaiser Ferdinand III. zu einem baldigen Friedensvertrag zu bewegen. In den letzten drei Jahren wurde der Krieg in Oberschwaben mit großer Brutalität geführt. Deshalb sind die Schweden bis heute als grausame Eroberer berüchtigt, aber im Lauf der Zeit ging ihre Strategie auf. Zunächst eroberte Konrad Widerholt die Reichsstadt Überlingen und übergab sie an seinen Auftraggeber, den König von Frankreich. Der französische Kommandant konnte Überlingen einige Monate lang halten. Dann gelang es einem kaiserlichen General, die Stadt zurückzuerobern. Eine Belagerung der Stadt Lindau durch schwedische Truppen scheiterte. Aber im Januar 1647 brachten sie die Stadt Bregenz in ihre Gewalt. Das war für den nun regierenden Erzherzog Ferdinand Karl in Innsbruck, zu dessen Besitz Bregenz gehörte, ein harter Schlag. Nur wenige Wochen danach überfielen die Schweden die Insel Mainau. Sie griffen vom See her mit Kriegsschiffen an und zwangen die Mitglieder des Deutschen Ordens, zu dem die Mainau gehörte, zum Abzug. Daraufhin marschierte das schwedische Heer nach Norden. Auf dem Weg zündeten einige Soldaten das Schloss Altshausen an.

Der Westfälische Friede

Durch die zunehmende Erschöpfung der kaiserlichen Partei wurden die Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück tatsächlich erheblich beschleunigt. In komplizierten Verhandlungen einigten sich die Kriegsparteien auf einen Friedensvertrag. Am 24. Oktober 1648 wurde der „Westfälische Friede“ im Saal des Rathauses von Münster feierlich unterzeichnet. Bis der Krieg vorbei war, dauerte es noch einige Monate. Aber der Westfälische Friede blieb für lange Zeit gültig. Darin war festgelegt, dass in den Reichsstädten Biberach und Ravensburg eine Parität zwischen Protestanten und Katholiken herrschen sollte. Alle Ämter wurden doppelt besetzt, damit keine Konfession benachteiligt war. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges hat es in Deutschland keinen „Religionskrieg“ mehr gegeben. Diese Kultur der Verständigung ist das lange nachwirkende Erbe des Westfälischen Friedens.

Tipp: Das Humpis-Quartier Ravensburg zeigt noch bis zum 1. April 2018 die Ausstellung „Der 30-jährige Krieg – Schauplatz Oberschwaben“. Am 14.01. und 11.03. bietet das Museum Expertenführungen mit Dr. Eberhard Fritz, der wissenschaftlicher Berater der Ausstellung ist, an.

Text: Dr. Eberhard Fritz