Es ist seit 15 Jahren einer der Höhepunkte im jährlichen Spielplan des Theaters Konstanz: das Spektakel auf dem Münsterplatz. Die Atmosphäre vor dem über 1.400 Jahre alten Münster zieht die Besucher magisch an. In diesem Jahr kommt mit Nosferatu ein besonderes Stück auf die Freilichtbühne. Eigens für die größte Stadt am Bodensee schrieb Autor Stephan Teuwissen eine Version des Horror-Klassikers der 1920er-Jahre. Die Schweizer Regisseurin Mélanie Huber setzt diese Schauermär für lebendes Ensemble und Blaskapelle bildstark in Szene in vierzehn, teilweise schrecklichen Bildern …

Meike Sasse – seit der Spielzeit 2020/21 fest als Dramaturgin am Theater Konstanz – und Mélanie Huber kennen sich aus ihrer Assistenzzeit am Schauspielhaus Zürich und haben bereits mehrere Inszenierungen an verschiedenen Bühnen gemeinsam realisiert. Beste Voraussetzungen also für die Zusammenarbeit am Theater Konstanz. Unter freiem Himmel zu inszenieren und somit ohne die Konzentration des geschlossenen Theaterraums, ist jedoch eine neue Erfahrung für die beiden. „Scheinwerfer richten draußen nicht viel aus. Wenn wir Glück haben, gibt es noch etwas Abenddämmerung in der letzten Szene“, so die Regisseurin. „Außerdem muss die Größe der Bühne bereits im viel kleineren Probenraum mitgedacht werden. Das Ensemble hat enorme Strecken auf der Open-Air-Bühne zurückzulegen“, ergänzt Meike Sasse. „Jedes Bild muss größer angelegt werden“, bestätigt Mélanie Huber. „Und da ist Mélanie prädestiniert dafür!“, wirft Dramaturgin Meike Sasse lachend ein, die die freie Kollegin sehr schätzt: „Mélanie entwirft große Tableaus, choreografiert ihre Ensembles. Sie hat eine hohe Affinität zum Musiktheater –  gerade bereitet sie eine Operninszenierung für das Zürcher Opernhaus vor. Mélanie kennt die Arbeit mit Musiker*innen und Statisterie.“ Genau das biete sich am Münsterplatz an. Mélanie weiß, dass die Kulisse hier vor allem durch die Spielenden lebt. Dazu passt das Erzählprinzip der Inszenierung. Das Ensemble berichtet als Chor kollektiv von den Begebenheiten um den Grafen Orlok, der nach Konstanz kommt. „Aus diesem Chor schälen sich die Figuren, die ihre jeweilige Perspektive auf das Geschehen haben“, erklärt die Regisseurin die Grundanlage.

Livemusik & Lokalkolorit
Traditionell kommen beim Theater auf dem Münsterplatz Live-Musiker zum Einsatz. Neben den sieben Schauspielenden ist zudem das Stadtensemble mit Konstanzer Laienschauspielern in die Inszenierung eingebunden. Sie alle erwecken die Figur des Konstanzer Nosferatu zum Leben. „Eine erste Fassung dieser Nosferatu-Geschichte von Autor Stephan Teuwissen gab es bereits im Jahr 2000“, erinnert sich Mélanie Huber. Ihrer Meinung nach der perfekte Stoff, um vor dem Konstanzer Münster gezeigt zu werden. „Stephan hatte uns dann auf Nachfrage angeboten, sein Melodram in Konstanz zu verorten“, so Meike Sasse. Dadurch sei nun eine Version entstanden, die dramatischer sei und das Spektakelhafte und Musikalische unterstreiche. Es zeigt sich, dass Stephan Teuwissen und Mélanie Huber schon eine lange Zusammenarbeit verbindet. „Text, musikalische Komposition und Regie greifen ganz wunderbar ineinander. Die Sprache gibt bereits einen Rhythmus vor, Mélanie choreografiert die Szene“, ergänzt Meike Sasse.

Lustvoll & unterhaltsam
Die Figur des Nosferatu ist mit dem neuen Ensemblemitglied Luise Harder besetzt. Aber: „Sie spielt keinen Dark-Lord“, beruhigt Mélanie Huber. „Nosferatu dient vielmehr als Projektionsfläche. Das Grauen entsteht bei den anderen“, so Meike Sasse. Und Mélanie verrät: „Vielmehr ist ihre Gestalt des Nosferatu lustvoll, melancholisch-abgründig und sicherlich auch unterhaltsam.“

Obwohl Stephan Teuwissen die Geschichte des Nosferatu neu für und nach Konstanz umgeschrieben hat, spielt das Ganze noch immer im Jahre 1922. Es wird Charleston getanzt, die Kostüme sind an die 1920er-Jahre angelehnt. Ergänzt wird alles durch die kunstvolle Komposition des rumänischen Komponisten Sebastian Androne-Nakanishi, der aktuell die Auszeichnung als „Composer Of The Year 2022“ der International Classical Music Awards erhalten hat. Für Sebastian Androne-Nakanishi ist Komponieren wie das Schreiben einer Geschichte. „Seine Musik ist anspruchsvoll, doch es sind auch Stücke, die im Ohr bleiben – die Menschen können bestimmt mit der einen oder anderen Melodie nach Hause gehen“, wünscht sich Meike Sasse.

ab 18.06., Dauer ca. 90 Minuten mit Pause
Münsterplatz
D-78462 Konstanz
+49 (0)7531 900 2150
www.theaterkonstanz.de

Nosferatu

„Der herumreisende Wissenschaftler Professor von Hasselt spricht vor dem Verein der Bildungsfreudigen über widernatürliche Phänomene unter besonderer Berücksichtigung des Vampirismus. Kaum eine Person schenkt ihm Glauben.“ So beginnt die Konstanzer Version des Nosferatu, das Spektakel um den tragisch-grausigen Grafen Orlok, seines Zeichens Vampir. Im Jahre 1922 nähert sich Graf Orlok einem hübschen, friedlichen Städtchen am Bodensee. Zeichen und Warnungen zum Trotz glauben alle, die Bedrohung könne ihnen nichts anhaben … Vor genau 100 Jahren wurde mit Murnaus Vampirfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ ein Meilenstein des Horrorgenres uraufgeführt, der heute als Stummfilmklassiker gilt. Bram Stokers Roman „Dracula“ erzählt ebenfalls die Geschichte des Grafen Orlok (Nosferatu), eines Vampirs aus den Karpaten, der in Liebe zur schönen Ellen entbrennt und Schrecken über ihre Heimatstadt Wisborg bringt. 1979 wurde  „Nosferatu – Phantom der Nacht“ mit Klaus Kinski in der Titelrolle verfilmt.

Text: Tanja Horlacher
Beitragsbilder: Theater Konstanz (c) Ilja Mess