Das Rosgartenmuseum Konstanz zeigt einmal mehr, dass die Vergangenheit alles andere als langweilig ist. Die durch den Lockdown bedingte gespenstische Leere in den Gassen hatte das Team des Museums beflügelt, eine berührende und ansprechende Sammlung zur Geschichte des Tourismus zwischen Säntis und Rheinfall zusammenzustellen. Der von zwei Schauspielenden des Theater Konstanz besprochene Audioguide und Veranstaltungen wie die Early Bird-Führung bei Kaffee oder der Sundowner-Rundgang mit Cocktails versprechen zudem neues Leben in alten Gemäuern.

„Während des Lockdowns war das Reisen nicht mehr möglich, was auch wir am Bodensee gespürt haben. Die Menschen fühlten sich in ihren Grundrechten beschnitten. Da haben wir uns gefragt: Was hat es denn mit dem Reisen überhaupt auf sich?“, so Dr. Tobias Engelsing, Direktor der Städtischen Museen Konstanz. Die Sonderausstellung ist ein Kooperationsprojekt mit acht Schweizer Museen und namhaften Privatsammlern. Über 100 Bilder, die von der Entwicklung des Tourismus zwischen Appenzellerland, Bodensee und Rhein ab dem frühen 19. Jahrhundert erzählen, sind zusammengekommen.

Ebenso sind zahlreiche Andenken und Strandgut des Hotelalltags zu sehen sowie Relikte adligen Lebens aus hiesigen Schlössern. So ziert ein lederbezogener Schrankkoffer einer Lindauer Familie die Ausstellung neben einem fast mannshohen Fahrkartenschrank der Weißen Flotte. Badekostüme und Kleidung der gehobenen Herrschaften werden ebenso gezeigt wie Reiseutensilien vom „Taschentrinkbecher aus wasserdichtem Papierstoff“ bis zur edlen Herren-Necessaire-Tasche: „Die neue Eitelkeit der Männer hat durchaus ein historisches Vorbild“, merkt Dr. Tobias Engelsing augenzwinkernd an. In der Ausstellung werfen unterhaltsam gestaltete Tafeln beispielsweise einen Blick in die gehobene internationale Hotelküche um 1900, erzählen vom VIP-Faktor gekrönter Häupter oder informieren über die Entstehung der ersten Ansichtskarten durch hiesige Maler.

Der entscheidende Moment

Beim Gang durch die Sonderausstellung erfahren die Gäste alles über die touristische Entdeckung des Voralpenraumes und des Bodensees, als vor rund 250 Jahren reisebegeisterte Dichter wie Goethe, Mörike oder Annette von Droste-Hülshoff auf dem Weg nach Italien durch die Schweiz kamen. Ausblicke wurden entdeckt und „eine Landschaft, die es wert ist, besucht zu werden“. Dass Dichter und Reiseschriftsteller beschreiben, was sie sehen, gilt als entscheidender Moment in der Geschichte des Tourismus. Die Verkürzung der Reisezeit durch Dampfschiff und Eisenbahn tat ihr Übriges. Um 1850 fängt schließlich der Ausbau der Hotellerie in der Region an. „Ein Quantensprung in der Beherbergungskultur“, so Engelsing über die neuen großbürgerlichen Hotelpaläste. Die Zeitreise geht bis um 1950, als Graf Lennart Bernadotte mit der Öffnung der Insel Mainau einen neuen Boom auslöste. Wie die Mainau erlebten auch Lindau oder Schaffhausen mit dem Rheinfall den Wandel zu zentralen Anziehungsorten des Tourismus.

Cocktails, Musik & Kunst

Dass ein Museum Spaß machen soll, ist dem ganzen Team ein Anliegen: „Wir stehen alle in den Startlöchern für weitere spontane Ideen“, freut sich Dr. Lisa Foege, Kuratorin & Museumsmanagement. Unter ihrer Leitung wurde für die Sonderausstellung ein Audioguide besprochen. Dank der Schauspielerstimmen von Kristina L. Kahlert und Patrick O. Beck mutet er wie ein Hörspiel an. Zahlreiche Veranstaltungen machen das Museum zudem lebendig: so etwa die Rosgartenlounge, bei der nach Feierabend mit chilliger Musik und Rosencocktail flaniert werden darf, Kaffeehauskonzerte mit der Südwestdeutschen Philharmonie, Spezialführungen wie die „Museenioren“ mit Kaffee und Kuchen im Museumscafé oder „Schnullerkind“ für Eltern mit Babys. Der „Kunstclub!“, eine Kooperation mit der Kunstschule Konstanz, bietet außerdem Einführungen in Kunsttechniken an, die direkt ausprobiert werden dürfen. Für Neugierige gibt es übrigens unter #DigitalerKulturgenuss auf YouTube filmische Einblicke hinter die Kulissen. Und wer mag, kann seine ganz eigene Museumsveranstaltung buchen – egal ob als Firmen- oder Privatanlass.

Das Rosgartenmuseum zeigt mit seinem Angebot, dass es zu Recht eines der bedeutendsten kunst- und kulturhistorischen Ausstellungshäuser in der Großstadt Bodensee ist.

bis 09.01.2022 | Idyllen zwischen Berg und See.
Die Entdeckung von Bodensee und Voralpenraum
Rosgartenmuseum
Rosgartenstraße 3
D-78462 Konstanz
www.rosgartenmuseum.de

Das Buch zur Ausstellung


Tobias Engelsing: Idyllen zwischen Berg und See.
Die Entdeckung von Bodensee und Voralpenraum
Südverlag Konstanz, Hardcover, 168 Seiten, reich illustriert

Das Buch gibt unterhaltende Einblicke in die Entwicklung des Tourismus und erzählt Geschichten etwa von Molkekuren im Gebirge oder den Anfängen der Eventkultur am Bodensee. Spitzenwerke der grafischen Kunst aus Museen und Sammlungen zwischen Appenzellerland, Bodensee und Rhein veranschaulichen dazu Erinnerungen an eine untergegangene Welt, die seit dem 20. Jahrhundert nachhaltig verändert wurde.

Erhältlich im Museumsshop und im Buchhandel.

Text + Fotos: Tanja Horlacher
Beitragsbild: Idyllen zwischen Berg und See, Hotelgäste Seehotel Rheinfall, 1903 | Archiv Engelsing Rosgartenmuseum, Tanja Horlacher