Die Grenzen sind dicht. Keine einfachen Zeiten für Saisonarbeitskräfte aus Rumänien, Polen oder Bulgarien. Das stellt auch am Bodensee Gemüsebauern und Winzer vor große Herausforderungen.

Zunächst hatte das Innenministerium Ende März nach einigem Hin und Her (mit dem Flugzeug ja, auf dem Landweg nein etc.) und einer Menge damit einhergehender Verunsicherung auf Seiten der Anbaubetriebe ein generelles Einreiseverbot für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft angeordnet hatte. Im April haben Landwirtschafts- und Innenministerium jedoch beschlossen, doch ein größeres Kontingent an Erntehelfern einreisen zu lassen – allerdings nur in größeren Gruppen und per Flieger. Der „Shuttle-Service“  mit Eurowings ist bereits angelaufen.

Präventionsmaßnahmen für mehr Sicherheit

Die Auflagen bleiben jedoch weiterhin streng: Vorgesehen ist eine Gesundheitsprüfung vor Einreise, und in den ersten zwei Wochen dürfen die Erntehelfer ihre Betriebe nicht verlassen. Mindestabstände sollen auch bei der Arbeit eingehalten werden, ansonsten sind Handschuhe und Mundschutz Pflicht. Überhaupt stehen die Hygiene-Standards beim Pflanzen und Ernten auf den Feldern im Fokus „Fließendes Wasser zum regelmäßigen Händewaschen ist Pflicht – und das übliche Mobil-WC ohne Wasseranschluss damit tabu“ fordert die Agrar-Gewerkschaft IG BAU. Wichtige Hygieneregeln für die Arbeit in der Landwirtschaft hat die Agrar-Gewerkschaft IG BAU online gestellt: www.igbau.de/Ploetzlich-Erntehelfer .

Bulgarien will trotzdem keine Erntehelfer schicken. Dort hat man Angst davor, dass auf diese Weise das Virus erst richtig eingeschleppt wird. Einheimische Helfer sind also nach wie vor gefragt. Denn, was auf den heimischen Feldern wächst steht hoch im Kurs – frisch auf dem Tisch aber auch als Rohstoff für die Lebensmittelindustrie.

Die Aussaat beginnt, Saatkartoffeln müssen in den Acker, der Spargel will bald geerntet werden. Irgendwann sind dann auch die Erdbeeren dran. Und so weiter.

Ernte-Solidarität

„Jetzt geht es darum, ein neues Wort zu entdecken: ‚Ernte-Solidarität‘. Wer aus dem Landkreis Konstanz zupacken kann, sollte das jetzt tun. Es ist die Chance, Geld nebenbei zu verdienen und die Zeit sinnvoll zu investieren. Spargel, Spinat, Porree … – das April-Gemüse wartet nicht“, so äußert sich Lukas Oßwald, Bezirksvorsitzender von der IG Bauen-Agrar-Umwelt Südbaden am 8. April. Und er erinnert, dass es nicht nur um die Ernte geht, denn jetzt sei auch Zeit fürs Pflanzen und Säen „Karotten, Blumenkohl, Radieschen, Zwiebeln, Kopfsalat, Kohlrabi & Co. müssten jetzt auf die Felder“. Oßwald fordert: „Wer Schüler, Studenten oder Flüchtlinge für die Arbeit auf dem Feld anheuert, der muss sie auch fair bezahlen“, . Auch in der Landwirtschaft gelte der gesetzliche Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde. Für Saisonarbeiter genauso wie für die Stammbelegschaften in Agrarbetrieben will er eine Erschwerniszulage. „Immerhin setzen sich die Beschäftigten in der Phase der Corona-Pandemie bei ihrer Arbeit auch einem gewissen gesundheitlichen Risiko aus“. Landwirte in der Region sollten eingearbeitete Saisonkräfte daher „mit einem Lohn nicht unter 11 Euro pro Stunde vom Feld gehen lassen“.

Schon seit Wochen bieten verschiedene Anbauverbände Vermittlungsportale für einheimische Erntehelfer an, die offenbar ganz gut angenommen werden (siehe Infokasten unten). Ist das die Rettung?

Körperlich anspruchsvoll

Udo Löhle vom Blanhof bei Öhningen auf der hinteren Höri ist als Direktvermarkter, vor allem für Spargel, Beeren und Obst auf Saisonarbeiter angewiesen. Obwohl er, wie er sagt, „zu den Kleinen“ gehört. Rund 10 Mann pro Monat, über die Saison 25 bis 30 Mitarbeiter aus Osteuropa sind hier die Regel – und die fallen jetzt komplett weg. „Etwas entspannter“ sei er, da er nun wisse, dass Menschen, die in Kurzarbeit seien, neuerdings ohne Abzüge in der Landwirtschaft dazuverdienen können. Das heißt: Das zusätzliche Einkommen wird vorübergehend nicht auf das Kurzarbeitergeld angerechnet, sofern es den Nettolohn aus der ursprünglichen Beschäftigung nicht überschreitet. „Es haben sich schon einige bei mir gemeldet“, sagt Löhle. „Ich habe daher die Hoffnung, dass es nicht ganz so tragisch wird.“ Viele brauchten das zusätzliche Geld einfach. Aber kann das auch jeder, beispielsweise Spargel stechen? Das könne man in wenigen Stunden lernen, sagt Udo Löhle, aber es sei eine körperlich anspruchsvolle Arbeit. Damit müsse man rechnen. Ein Problem sei allerdings der Arbeitsaufwand insgesamt: Die Saisonkräfte hätten bis zu 60 Wochenstunden gearbeitet. Das sei mit den Kurzarbeitern nicht möglich, folglich werde viel mehr Personal gebraucht. Verzweifeln will Löhle nicht. Nach Hagel, Frost und Trockenheit in den vergangenen Jahren bliebe ihm nichts anderes, als positiv zu denken. „Sonst hätte ich schon längst aufgegeben.“

Saisonkräfte zieht es nach Hause

In Betrieben mit Ganzjahreskulturen – wie den Gemüsebauern auf der Insel Reichenau – sind die Saisonarbeitskräfte teilweise schon seit Wochen im Einsatz. Im zeitigen Frühjahr werden hier unter Glas allein große Mengen an Salat für den Handel kultiviert. Die Helfer aus Polen und Rumänien reisen daher bereits frühzeitig an. „Etwa 80 Prozent unserer Arbeitskräfte ist vor Ort“, sagt Johannes Bliestle, Geschäftsführer der Genossenschaft Reichenau-Gemüse. Und für die restlichen 20 Prozent gebe es schon viele Angebote, vor allem von Mitarbeitern aus der Gastronomie. Allerdings, so Bliestle, sei unter den Saisonkräfte eine gewisse Unruhe zu spüren. „Einige wollen nach Hause.“ Und die Frage, ob die Arbeitswilligen aus der Gastronomie der Arbeitsbelastung gewachsen sind, treibe auch die Gemüsebauern um. Bliestle: „Und was, wenn die Gastronomen ihre Mitarbeiter wieder abziehen, die wir gerade eingelernt  haben?“ Die Situation sei für alle Beteiligten enorm belastend. „Wir sind im Krisenmodus.“

Das Einreiseverbot für Saisonarbeitskräfte alarmiert auch die Winzer. In drei, vier Wochen, wenn die intensiven Arbeiten im Weinberg beginnen, benötigen sie Hilfe. Die kam bisher ebenfalls zumeist aus Osteuropa. „Zur Not müssen wir es mit der Familie und Freunden schaffen“, sagt Beate Vollmayer vom gleichnamigen Weingut in Hilzingen. Da sind die vergleichsweise kleinen Weingüter am See auf jeden Fall in einer besseren Ausgangsposition als ihre „großen“ Pendants in der Pfalz oder im Rheinland.

Kurzarbeiter, Arbeitslose, anerkannte Asylbewerber, Studenten: Sehr viele wollen in der Landwirtschaft aushelfen. Auch hier wird sich zeigen, wie kraftvoll der Gemeinschaftsgedanke ist.

Not bei allen Bodensee-Anrainern

Nicht anders als in Deutschland ist die Situation in der Schweiz und in Österreich: Wo die ausländischen Arbeitskräfte nicht schon frühzeitig eingereist sind, gibt es Probleme. Abhilfe sollen auch hier Hilfskräfte schaffen – Arbeitssuchende, Studenten etc. – die über entsprechende Plattformen rekrutiert werden.

Allerdings kann  sich auch bezüglich der Einreisepraxis ständig etwas ändern. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat jetzt offene Grenzen für Erntehelfer, Saisonarbeitskräfte und andere Grenzpendler in der Europäischen Union gefordert. Zumal nicht nur der Agrarsektor vor Personalproblemen steht: Auch Krankenhäuser u.a. sind auf Ärzte, Pfleger und weitere „systemrelevante“ Pendler aus Polen angewiesen.

Text: Claudia Antes-Barisch/ Stefanie Göttlich, Fotos: Stefanie Göttlich

INFOS/ ANLAUFSTELLEN

  • Wer sich aus dem Landkreis Konstanz als Pflanz- oder Erntehelfer bewerben möchte, findet Jobs und weitere Infos unter www.agrarjobboerse.de

Auf verschiedenen Jobbörsen in der Region werden dringend Erntehelfer gesucht:

Vorarlberg:

Schweiz: