DIE BUNTE MODERNE

Der September ist traditionell der Monat der Baudenkmäler, denn am zweiten Septemberwochenende finden in fast ganz Europa die „Europäischen Tage des Denkmals“ statt. Dieses Jahr haben wir nicht nur südlich und nördlich des Bodensees unterschiedliche Themen, sondern auch verschiedene Daten. 

Weil die Schweizer ihre Veranstaltungen auf das ganze Wochenende verteilen, findet das Event am zweiten Wochenende statt, das ganz im September liegt, also am 14./15. September. Und während das Thema auf deutscher Seite – wegen des Bauhaus-Jubiläums – die Moderne ist, treiben die Schweizer es bunt und haben für dieses Jahr das Thema „Farben – Couleurs – Colori – Colurs“ (natürlich in den vier Landessprachen) gewählt. Dabei gibt es eine interessante Verknüpfung, denn von Walter Gropius, dem Gründer des Bauhauses ist ein schöner Satz überliefert: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe.“ Die Architektur der Moderne, speziell der Bauhaus-Stil, hat auch nach hundert Jahren noch einen schweren Stand in der Öffentlichkeit. Wer liest, wie in Leserbriefen und in den „sozialen Medien“ gegen die „Schuhschachtel-Architektur“ und die „Beton-Bunker“ polemisiert wird, kann den Eindruck bekommen, ein großer Teil der Gesellschaft würde stilistisch lieber im Historismus mit seinen „Neo“-Stilen oder in der Biedermeierzeit leben als im 21. Jahrhundert. Seitdem hat sich die Architektur natürlich stilistisch weiterentwickelt und ist vielfältiger geworden. 

Café Möwe, D-Meersburg

Brüche und Umbrüche 

Der Beginn des Bauhaus-Stils war der wichtigste künstlerische Umbruch des 20. Jahrhunderts, und er war nicht nur stilistisch, sondern auch technologisch ein Bruch mit den Traditionen: Mit den neu entwickelten Stahl- und Betonbautechniken waren ganz andere Formen möglich. Das war ähnlich wie der Übergang von der Romanik zur Gotik, nur in einem viel kürzeren Zeitraum. Auf deutscher Seite war der Umbruch der Moderne durch die zwölf Jahre lange Unterbrechung verzögert, wobei es nach 1945 auch nicht gleich mit neuen Formen weiterging. Selbst kleine Bauten wie der Fährepavillon in Meersburg von 1951 mussten gegen die örtlichen Autoritäten durchgesetzt werden. Dieses Jahr bekam das Café Möwe auch eine Tafel, die seine Geschichte in den Zusammenhang des Bauhauses stellt.

Der Pavillon ist auch der Ausgangspunkt eines kleinen Stadt(spazier)gangs am Denkmaltag, bei dem der runde Saalanbau des Hotels Zum Wilden Mann von 1932 und das Strandbad von 1934, das damals das modernste am Bodensee war, zumindest auf deutscher Seite. Damit bietet sich die seltene Gelegenheit, eine andere Seite der Stadt kennenzulernen, die sonst nur wegen ihrer Barock- und Fachwerkbauten besucht wird. Auch in Konstanz steht der Denkmaltag ganz im Zeichen der Moderne, wobei der Zeitraum etwas weiter gefasst ist: von der Villa Stiegeler (1923) über die Blomeier-Bauten, Ruderverein Neptun und Wessenberg-Schule, aus den 50er und 60er-Jahren bis zur Universität und der Geschwister-Scholl-Schule (1976).

Mehrfamilienhaus, CH-Widnau

Die Schweiz in Farbe

Die Schweiz in Farbe In der Schweiz ist der Betonbau schon seit den 30er-Jahren handwerklich sehr hoch entwickelt, vor allem bei öffentlichen Bauten wie Bahnhöfen und Schulen. Und Beton ist bekanntlich meistens grau, aber es gibt in der Architektur der letzten Jahre immer mehr größere Bauten, die kräftige Farbakzente zeigen, wie etwa die vier Mehrfamilienhäuser in Widnau 4 im St. Galler Rheintal. Am Tag des Denkmals in der Schweiz ist das Leitmotiv: Wie prägen Farben die Schweizer Baukultur? Das Programm an den etwa 40 Veranstaltungsorten in der Ostschweiz soll auch dazu anregen, für das Kulturerbe Farbe zu bekennen. Im Kanton Thurgau kann beispielsweise in Ermatingen unter dem Aspekt „Farbe und Nachhaltigkeit im Baudenkmal“ das 400 Jahre alte Mesmerhaus besichtigt werden, das demnächst nach aufwendiger Renovierung als Null- Energie-Haus mit Weinstube neu bezogen wird. In St. Gallen steht am Samstag eine Führung durch eine der schönsten modernen Kirchen der Region auf dem Programm: Die Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln (in der Nähe von IKEA) ist außen weiß, hat aber innen schöne Farbeffekte durch die Glasfenster. 

Infos: Die genauen Programme gibt es in beiden Ländern sowohl gedruckt als auch sehr detailliert auf den jeweiligen Websites: Deutsche Stiftung Denkmalschutz, www.tag-des-offenen-denkmals.de Nationale Informationsstelle zum Kulturerbe NIKE, www.nike-kulturerbe.ch | TEXT & Fotos; FOTOS: PATRICK BRAUNS