Wenn in akzent ein Schwerpunktthema schwer wiegt, kann es auch zum Tiefpunkt werden.

Am Anfang waren wir voller EUphorie, haben alle und jeden gefragt, ob man denn nicht dabei sein möge bei unserem Thema „Europa und der Bodensee – was haben wir konkret von Europa und/oder der EU“. Wir wollten etwas Positives und viel Konkretes gegen die Negativstimmung, gegen Populismus und Nationalismus sagen.

Zur Erinnerung: Die amazonengleiche AfD-Speerspitze Alice Weidel tritt aus Überlingen den Siegeszug durch Deutschland an. Ja, genau die, die der homophoben, reaktionären, männerbündlerischen, ausländer- und europafeindlichen Partei vorsteht, selbst aber lesbisch ist, mit einer Sri Lankesin und deren Kindern zusammenlebt und bis Ende November 2018 – die EU macht das auch in der Schweiz möglich! – einen Wohnsitz im schweizerischen Biel hatte. Diese „gelebte Schweiznähe“ macht der AfD paradoxerweise in Sachen illegaler Parteienfinanzierung zu schaffen; hier ermittelt – erraten! – die Staatsanwaltschaft Konstanz. Und der – mit 30 Prozent nationaler Wählerstimmen europaweit mit vor allem europafeindlichen Parolen – am erfolgreichsten ag(it)ierende Politiker Christoph Blocher (SVP) ist bekanntlich in Schaffhausen geboren (weshalb er hier wohl noch immer im Schaffhauser Fernsehen 20 Minuten wöchentlich „Aktuelles“ zum Besten geben darf). Neulich hat er sich übrigens fast alle Wochenzeitungen der Ostschweiz einverleibt und erfreut nun mit „persönlichen Ergüssen des Verlegers“ auch die entzückten See-Anwohner.

„Europafeindlich“ geht also ganz konkret am See … Darum war uns das Thema wichtig. Aber wohl nur uns irgendwie. Denn bei vielen Rundfragen in der Region, die bewusst nicht nur an „die üblichen Verdächtigen“ gerichtet wurden, herrschte seltsame Zurückhaltung. Ein paar haben sich dann doch noch gefunden – immerhin. Zum Beispiel Norbert Lammert, Ex-Bundestagspräsident und seit Dezember auch Ex-Überlinger. Doch wir haben auch Gastronomen, Industrielle, alle möglichen Unternehmer und Händler gefragt. Ein Weinhändler mit europäisch-internationalem Sortiment zeigt doch beispielsweise ganz konkret, was Europa bedeutet? Auch Mode ohne Europa geht nicht; Gastronomie ohne europäische Mitarbeiter ist heute undenkbar. Eigentlich läuft nix wirklich rund ohne den gelben Sternenkreis auf blauem Grund.

Früher, im nationalstaatengeprägten Europa, stand der fangfrische Atlantikfisch erstmal ein, zwei Tage an diversen Grenzen, bis er dann „tagesfrisch“ auf die regionalen Teller durfte. Zunehmend mehr Menschen finden trotzdem, dass früher alles besser war – der Faktenlage zum Trotz im postfaktischen Fake-News-Zeitalter. Und viele finden, dass sich irgendwie – und zwar egal wie! – zu Europa zu äußern „doch einfach zu politisch“ sei. Exportrekorde nach Überallineuropa, international gesuchte Mitarbeiter, Millionen europäische Gäste in der führenden Kongress- und boomenden Tourismusregion – dafür ist keine Sprachblase zu schwülstig. Aber sich kreativ und konstruktiv zu äußern – da fehlen einem dann die Worte. Wir werden auch nach der Wahl im Mai noch lange nach ihnen suchen müssen …