Helga Reichert sieht sich Filme bei fast jeder Gelegenheit an: morgens im Wohnzimmer, abends im Schlafzimmer und tagsüber sowieso. Etwa 150 Kurz-, Spiel-, Dokumentar- und Kinderfilme hat sie in den vergangenen Wochen gesichtet. Denn sie veranstaltet im Oktober die ersten Filmtage Oberschwaben in Ravensburg. Damit geht die bisherige Intendantin der Biberacher Filmfestspiele nach Differenzen mit dem dortigen Trägerverein nun eigene Wege.

Die Filmtage in Ravensburg sollen ein Neustart und zugleich die Fortsetzung einer Familientradition sein. Die studierte Juristin und freischaffende Theaterschauspielerin Helga Reichert ist nämlich mit Adrian Kutter verheiratet, der die Biberacher Filmfestspiele im Jahr 1979 gegründet und sich in der lokalen und überregionalen Filmbranche auf vielfältige Weise einen Namen gemacht hat. Von ihm übernahm Helga Reichert im Jahr 2019 die Intendanz der Biberacher Filmfestspiele, sie gab dieses Amt aber nach zwei Festivalauflagen auf. „Der Verein und ich hatten unterschiedliche Vorstellungen von der inhaltlichen Ausrichtung der Filmfestspiele“, begründet sie diesen Schritt.

Ihre guten Verbindungen in die Filmszene und die jahrelangen Erfahrungen, die sie allein und an der Seite ihres Mannes gesammelt hat, sind jetzt die Grundlage für die Filmtage Oberschwaben. An gute Filme heranzukommen, scheint für Helga Reichart kein Problem gewesen zu sein: „Als die Filmemacher hörten, dass ich in Ravensburg etwas Neues mache, bekam ich sofort eine Filmauswahl zugeschickt – noch bevor ich die Filmtage ausgeschrieben hatte“, berichtet sie. Mit dem Sichten aller Produktionen war Helga Reichart wochenlang beschäftigt. Sie tat es gerne.

45 Vorstellungen in drei Kinosälen

„Man verliebt sich ein bisschen in die Filme“, erzählt sie. „Ich versuche dabei, allen Filmen eine faire Chance zu gehen.“ Gleichwohl muss sie eine Auswahl treffen. Rund 30 Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz will sie schlussendlich dem Publikum zeigen – an vier Tagen in 45 Vorstellungen in drei Sälen des Kinozentrums am Frauentor Ravensburg. Es handelt sich um Filme, die noch keinen regulären Kinostart hatten, und um TV-Produktionen, die noch nicht im Fernsehen ausgestrahlt wurden. Publikumswirksame Krimis und Komödien befinden sich ebenso darunter wie ernsthafter Stoff für Cineasten und einige Kinderfilme. Nach jeder Vorführung soll es möglichst eine Diskussion mit Filmschaffenden geben. Auch Filmpreise sollen vergeben werden. Aufgrund der Unterstützung der Stiftung Ravensburger Verlag ist der Kinderfilmpreis mit 1000 Euro dotiert. Preise in derselben Höhe strebt Helga Reichert auch für die Kategorien Dokumentar-, Fernseh- und Kurzfilm an. Für den besten Spielfilm stiftet der Regisseur und Produzent Hans W. Geißendörfer einen nach ihm benannten Preis. Der Soroptimistic Club Ravensburg-Weingarten vergibt einen eigenen Frauen- Filmpreis in gleicher Höhe und spendet in diesem Jahr die Preisskulpturen.

Um die Filmtage Oberschwaben auf eine rechtlich sichere Grundlage zu stellen, hat Helga Reichert eine gemeinnützige GmbH gegründet. Unterstützt wird sie in der Organisation von filmbegeisterten Menschen, die sich beispielsweise ums Programmheft oder die Website kümmern. Zudem sei der Betreiber des Kinozentrums am Frauentor, mit dem sie und ihr Mann freundschaftlich verbunden sind, sofort bereit gewesen, sein Kino für die Filmtage Oberschwaben zur Verfügung zu stellen.

Streamingdienste für den heimischen Bildschirm sind für Helga Reichart kein Ersatz für Kinos und Filmfestivals. „Der Charme liegt in der Begegnung mit anderen Menschen, im Gemeinschaftserlebnis, in Gesprächen über den Film, im Kontakt zu Filmschaffenden, im Sich-chic-Machen und Ausgehen, in der herzlichen Atmosphäre“, sagte sie und freut sich nach den vielen Filmsichtungen auf ihre ersten Filmtage Oberschwaben in Ravensburg.

21.–24.10.
Kinozentrum am Frauentor
Gartenstraße 8
D-88212 Ravensburg
www.filmtage-oberschwaben.de

Text: Ruth Eberhardt

Beitragsbild: Porträt Helga Reichart | (c) Karen Schlögl