Stein am Rhein | Ketzerei, Zölibat, die Liebe eines Priesters zu einer Witwe – „Zwingli“ hat alle Zutaten, die einen Kirchenthriller ausmachen. Gedreht wird die schweizerisch-deutsche Koproduktion in Stein am Rhein – wo der Rhein zur Limmat wird.

In Szene gesetzt wird der wohl umtriebigste Abschnitt von Huldrich Zwinglis Lebensjahren – wenn er die Reformation der Kirche betreibt und sich eine Frau nimmt – nicht an der Limmat und im Zürcher Niederdörfli, sondern am westlichen Ausgang des Bodensees. Stein am Rhein wurde nach langer Location-Suche ausgewählt, weil der Altstadtkern so gut erhalten ist, dass später am Computer nur wenig nachgeholfen werden muss. Die Szenen im Zürcher Grossmünster sind schon im Kasten, doch für den Löwenanteil an Außenaufnahmen doubelt Stein am Rhein die „Zwingli-Stadt“. Von hier zieht die Produktion der Schweizer C-Films AG und der Eikon Südwest GmbH in Deutschland zu den Drehorten in Baden-Württemberg weiter.

Echte Fische aus falschem Fluss

Regisseur Stefan Haupt („Der Kreis“) stemmt sich in seinem Anorak gegen die beißende Brise. Der Schnee ist im engen Drehplan ein Problem für die Kontinuität. Wehen in einer Aufnahme weiße Flocken durchs Bild, sollte die Szenerie auch im Anschluss weiß sein. Heizsocken hat er lediglich den Hauptdarstellern verpassen können, die Komparserie schlottert in mittelalterlichen Kostümen recht realistisch. Filme, die in diesem Zeitalter angesiedelt sind, haben oft diesen schmutzigen, kalten Look – das dunkle, schlecht ausgeleuchtete Mittelalter halt – insofern dürfte die Kältewelle die Bemühungen der Regie nur unterstützen. Die Requisiteure haben den Fischmarkt im Klosterbezirk in einen Straßenzug von anno 1519 verwandelt, wo die Grenze zwischen Filmtrick und Realität fließend ist. Statisten scharen sich um den riesigen Blasebalg, wie man ihn eben nur noch im Film sieht, wo der Hufschmid die Kohlen glühen lässt. Massive Torbögen und Türeingänge wurden täuschend echt mit bemaltem Styropor erweitert. Die Fische, die von heiseren Marktweibern feilgeboten werden, wurden aus dem Rhein gefischt (man wird im Kino den Unterschied zum Limmat-Fisch nicht merken) und eine Plache deckt ein verräterisches Zürcher Wappen aus dem 17. Jahrhundert ab (Stein fiel erst 1798 an Schaffhausen, und noch 1802 wollten die Bewohner lieber nach Zürich zurück). Der Torbogen an der Hauptstraße ist von einer großen Leinwand abgedeckt, auf der ein vergrößertes Foto eines Straßenbilds im Film den Eindruck einer viel längeren Gasse erwecken wird. Echt sind die 13 Pferde, auf denen Mannen in voller Rüstung in den Glaubenskrieg ziehen, davon legt ein Pferdeapfel dampfend Zeugnis ab, der übers Kopfsteinpflaster rollt – kein Spezialeffekt. Der „Rossbollen“ darf liegen bleiben. Wo in jedem Western ein Set-Mitarbeiter den unerwünschten Haufen aus dem Bild schaufeln würde, tragen hier solche Details zum historischen Ambiente bei.

Sündenfrei

Sobald die Kamera läuft, haben die Set-Handwerker ihre neumodischen Akku-Bohrer eingepackt, ein klarer Anachronismus in der Zwingli-Welt, aber durchaus praktisch, dass nicht mit mittelalterlichen Werkzeugen gearbeitet werden muss. Authentisch wiederum ist der „Ablass-Stand“, komplett mit Urkunden, auf denen das Siegelwachs gerade erst getrocknet ist. Damit konnten sich reuige Sünder ins Himmelreich kaufen. Apropos Geld: Budgetschonend wirkt sich für die Produzenten aus, dass die Innenaufnahmen in den prächtigen Klosterräumen von St. Georgen gemacht werden dürfen, die sonst aufwendig im Atelier hätten nachgebaut werden müssen. Damit der Akkubohrer nicht an der falschen Stelle angesetzt und ein gebührender Abstand zu den exquisiten Wandmalereien eingehalten wird, ist ein Restaurator vor Ort, der warnt, wenn ein profanes Filmlicht einer Reliquie zu nahe kommt. Wie der Kurator des Klostermuseums, Andreas Münch, denkmaltechnisch entwarnen kann, musste eine Versicherung abgeschlossen werden, die allfällige Schäden abdecken würde. Ansonsten wäre der Pranger von der Requisite nicht umsonst errichtet worden.

Stuntman kriegt kalte Füsse

Der wohl bedeutendste Schweizer Theologe hat auch am Rhein seine Spuren hinterlassen. Historisch verbürgt sei, so Münch weiter, dass Zwingli einmal in Stein am Rhein weilte, und zu St. Georgen besteht ein direkter Bezug in der Reformationsgeschichte. Im Städtchen erinnern eine Straße und ein Historienbild am Rathaus an den Mann, dem immerhin gelang, dass ein halbes Land den Glauben wechselte.

Ein „Genuss“ sei es, in diesen musealen Winkeln und Ecken die Kamera zu positionieren, gerät Haupt ins Schwärmen. Der bullernde Kachelofen jedenfalls ist bereit zur Aufnahme. Natürlich werden Zuschauer, die Filme auf die Akribie ihres Dekors hin röntgen, zu monieren wissen, dass etwa die Verschalung im Bürgermeisterzimmer nicht zeitgerecht ist. Da lässt Haupt gerne Fünfe grade sein. Wichtig ist, dass der Eindruck stimmt. „Stein am Rhein ist ein Glücksfall für uns.“ Stadtpräsident Sönke Bandixen kann ihm, wenn auch aus anderen Gründen, beipflichten: „Das ist beste Werbung für Stein am Rhein!“ Bandixen präsidiert auch die Tourismusbehörde, und jede Gratis-Werbung, die Filme für ihre Drehorte machen, ist höchst willkommen.

Zwingli ist kein Marvel-Hero

Ins Kino kommt „Zwingli“ am 24. Januar 2019, wenn passenderweise in der Deutschschweiz das Jubiläum „500 Jahre Reformation“ begangen wird. Dann soll der Reformator Kosten von 5,5 Millionen Franken einspielen. Doch ist der schwarzgewandte Huldrich Zwingli die Schweizer Antwort auf „Black Panther“? Ein Heldenepos wird die Filmbiografie nicht. Seinen vielzitierten Satz „Tut um Gottes Willen etwas Tapferes“ richtete er 1529 an den Großen Rat. Es kann sein, dass die Filmemacher ihn 2017 wörtlich genommen haben. Denn Kirchenfiguren lassen zwar Glocken läuten, selten aber Kinokassen klingeln. Der Streifen über seinen Glaubensbruder „Luther“ ließ seinerzeit das große Publikum trotz Starbesetzung kalt. Unterdessen ist das Interesse der Kinogänger an „wahren Geschichten“ neu erwacht, und der Tabu-Bruch ums Zölibat dürfte genügend Zündstoff liefern, um auch die Kinogänger anzuziehen, die keine Geschichtslektion, sondern die Love-Story einer verbotenen Liebe sehen wollen.

Huldrych Zwingli

wurde am Neujahrstag 1484 in Wildhaus geboren. Als Feldprediger marschierte er 1515 an der Schlacht bei Marignano mit, im Waffendienst für den Papst. In den Jahren darauf suchte der Bauernsohn in der Heiligen Schrift einen „befreienderen“ Zugang. Die Filmhandlung von „Zwingli“ setzt 1519 ein: Der Toggenburger hatte sich verändert, wurde zum scharfen Kirchenkritiker, predigte allgemein verständlich. 1524 heiratete er die Witwe Anna Reinhart, mit der er unehelich zusammengelebt hatte, und zeugte mit ihr vier Kinder.

Kinostart: 24.01.2019, www.zwingli-film.ch

Text: Roland Schäfli

Fotos: zVg