D/CH – Konstanz/Kreuzlingen | Von vielen Wutbürgern aus der Bodenseeregion lang ersehnt, feiert „Scala Adieu – Von Windeln verweht“, der Film um den Niedergang des Konstanzer Traditionskinos, Premiere in Konstanz und Kreuzlingen. Ein Blick rund um den See beweist aber: Kinosterben gibt es nicht.

Als bekannt wurde, dass das beliebte Arthouse-Kino an der Konstanzer Marktstätte der fünften dm-Drogerie Filiale in der Stadt weichen soll, formierte sich der Widerstand. Durch einen Anstupser des Stadttheaterintendanten Christoph Nix entstand die „Scala-Initiative“, die sich für den Erhalt stark machte. Es wurde demonstriert, für einige Initianten vielleicht das erste Mal, dass sie mit Plakaten und Parolen durch die Straße zogen: Der Slogan „Wim Wenders statt Pampers“ sollte bald namensgebend werden, denn es wurde auch gefilmt. Der Regisseur Douglas Wolfsperger beschloss, die Ereignisse zu dokumentieren. „Mit dem Filmvorhaben musste ich mich auf eine Reise begeben. Das Ende war zum Zeitpunkt des Drehbeginns nicht voraussehbar“, sagt Wolfsperger.

In Kreuzlingen und Konstanz aufgewachsen, sah der seit 15 Jahren in Berlin lebende Regisseur seinen ersten Kinofilm im „Scala“. Später dann hinter der Kamera, zeigte er seine frühen Super-8-Streifen im charmanten, 1938 eröffneten Lichtspielhaus.

Trotz der Proteste gab Kino-Betreiber Detlef Rabe nicht nach. Ende 2016 war Schluss mit dem Kino im Stadtzentrum. Es habe sich wirtschaftlich nicht mehr rentiert.

Boykott von Filmdreh

Obwohl das Ende des „Scala“ im Laufe der Dreharbeiten bereits ersichtlich war und sich Kulturbürgermeister Andreas Osner sowie Detlef Rabe einem Interview für den Film verweigerten, ja sogar das Drehen im Kino selbst verboten wurde und Wolfsperger laut eigener Aussage noch nie derartige Probleme hatte, Fördergelder zu bekommen, machte er weiter. Bei den Hofer-Filmtagen im Oktober 2018 feierte der Film endlich Premiere, kurz darauf gewann er den Goldenen Doku-Biber beim Filmfestival Biberach. Lachen und Weinen – geht beides bei „Scala Adieu – Von Windeln verweht“.

Die Trauer über das Sterben des Kinos, die von der Scala-Initiative mit einem Totenmarsch durch die Innenstadt, der im Film zu sehen ist, symbolisiert wurde, hätte vermieden werden können. Wolfsperger ist überzeugt: „Man muss die Leute über das Filmprogramm hinaus an das Kino binden.“ Mit mehr Engagement hätte man da schon was draus machen können.

17.03., 16 Uhr, Bodensee-Premiere | Theater Konstanz, Inselgasse 2-6, D-78462 Konstanz | +49 (0)7531 90 01 06 | www.theaterkonstanz.de

Offizieller Bundesstart: 21.3.19 | Website incl. Kinotrailer: www.scala-adieu-film.com

Bisherige weitere Aufführungen in KN und Kreuzlingen:
18.3., 20Uhr Stadttheater Konstanz
19.3., 20Uhr Kult-X-Kino, Kreuzlingen (CH)
21.3., 20Uhr, Kult-X-Kino, Kreuzlingen (CH)
24.3., 20Uhr, Kult-X-KIno, Kreuzlingen (CH)
25.3., 19Uhr, Konzil Konstanz
26.3., 19:30, K9, Konstanz
31.3., 18Uhr, Konzil Konstanz
6.4., 19 und 22Uhr, Konzil Konstanz

Gute Ideen, angenehmes Ambiente

Dies bestätigt Sandra Meier, die Leiterin des „Kinok“, Cinema in der Lokremise, St. Gallen. „Trotz des bombastischen Sommers“ steht das Programm-Kino gut da. „Wichtig ist ein hochkarätiges, kuratiertes Programm“, so Meier. Sie beschreibt das „Kinok“ als Liebhaber-Kino: „Bei uns laufen hauptsächlich Klassiker und Premiere-Filme, für die sich cineastisch versierte Besucher interessieren.“ Der Kinobesuch biete gegenüber Streaming-Diensten wie Netflix einen Mehrwert, ist sie sich sicher. Nämlich einen Ort, an dem das Ambiente stimmt und Begegnungen stattfinden. „Die meisten gehen gemeinsam ins Kino, fühlen sich vielleicht enthoben vom Alltag, an einem schönen Ort. Nach dem Film können sie hier noch etwas trinken und sich austauschen.“

Immer mehr Programm-Kinos bieten die Möglichkeit einer Mitgliedschaft, so auch das „Kinok“. Für einen Jahresbeitrag von 350 Franken kann man so oft kommen, wie man möchte. „Ein Mitglied hat es 191 Mal in einen Film bei uns geschafft.“ Ein weiteres Angebot seien die Regisseur-Filme: „Die Besucher können so die Filmemacher persönlich treffen.“ Zudem darf sich das Publikum Filme wünschen, was zur Mitgliederbindung beitrage, erklärt Sandra Meier: „Wichtig ist, dass die Leute das Gefühl haben, dass es ,ihr Kino‘ ist.“ Für manche sei das „Kinok“ wie ein öffentliches Wohnzimmer. In das Kulturzentrum Lokremise kommen aber auch viele, die das „Kinok“ zunächst gar nicht kennen, denn neben Film gibt es Theater, Kunst und Gastronomie. Von den Synergien profitieren alle.

Gutes Programm ist gefragt

Das „Kinok“ ist Mitglied bei Cinélibre, dem Verband Schweizer Filmklubs und nicht-gewinnorientierter Kinos. In der Region sind unter anderen noch das Kino Rosental in Heiden, „eines der letzten Kinos aus der goldenen Zeit der Lichtspieltheater in der Ostschweiz“, wie es auf der Homepage heißt, oder das Cinema Luna in Frauenfeld mit im Verband. 2015 wurde in Winterthur das „Cameo“ neu eröffnet, ein Beweis dafür, dass die Nachfrage nach guten Filmen auf großer Leinwand besteht. Robert Richter, Geschäftsführer von Cinélibre, kann das Phänomen des Kinosterbens, also das Schließen kleiner Kinos aus wirtschaftlichen Gründen, nicht als reale Bedrohung bestätigen: „Wir von Cinélibre stellen kein Kinosterben fest. Im Gegenteil zur Jahresstatistik, die alle Kinos umfasst (von Einzelkinos bis Multiplex) und einen Besucherrückgang vorweist, höre ich von einzelnen Mitgliedern, dass die Eintrittszahlen stabil oder leicht steigend sind.“ Die Mitglieder von Cinélibre seien in der Regel Kinos mit einem Saal; wenige hätten einen zweiten.

100 Jahre und nicht lebensmüde

Claudia Hösch vom Fachverband der Kino-, Kultur- und Vergnügungsbetriebe in Österreich berichtet Ähnliches: „In Vorarlberg gibt es eine breit gestreute Kinolandschaft – von kleinen Programm- bis hin zu großen Multiplex-Kinos.“ Im Schnitt ginge jeder Vorarlberger mindestens zweimal im Jahr in ein Kino. „Vor allem die Kleineren mit bis zu drei Sälen prägen die Kinolandschaft im Bundesland“, so Hösch. „Auch wenn die Kinobranche immer wieder mit neuen Herausforderungen zu kämpfen hat – sei es wie vor einigen Jahren die Digitalisierung oder das Aufkommen von Streaming-Anbietern –  die Vorarlberger-Kinobetreiber suchen neue und kreative Wege. Das vielfach prognostizierte Kinosterben gab und gibt es hier nicht.“

Zurück auf deutscher Seeseite: Das „Lichtspielhaus Überlingen“ feiert 2019 sein 100-Jahr-Jubiläum. Damit gehört es zu den wenigen Kinos in Deutschland, die seit 100 Jahren kontinuierlich bespielt werden. Eine Ausstellung im Städtischen Museum Überlingen widmet sich dieser langen Geschichte.

01.04.-31.10. | „Verführung. 100 Jahre Kino in Überlingen“ | Städtisches Museum Überlingen, Krummebergstraße 30, D-88662 Überlingen | +49 (0)7551 99 10 79

Die Verbindung von Gastronomie und Kultur verschiedener Art soll es künftig ebenso im „Kult-X“ geben, dem Kreuzlinger Kulturzentrum. Seit einem Jahr sorgen dort Filmbegeisterte –  neu unter dem Namen „Filmforum Konstanz und Kreuzlingen“ – für ein regelmäßiges, qualitativ hochwertiges Kino-Programm. Einige davon stammen aus der „Scala-Initiative“, haben den Untergang des „Scala“ also für einen Neubeginn genutzt.

Nach der „Heimatstadt“-Premiere im Theater Konstanz wird „Scala-Adieu – Von Windeln verweht“ dort Schweizer Premiere feiern.

19. + 21.03., 20 Uhr, 24.03., 17 Uhr | Kult-X, Hafenstrasse 8, CH-8280 Kreuzlingen | www.kult-x.ch

Text: Judith Schuck | Fotos: Szenen aus "Scala Adieu" © Douglas Wolfsperger Filmproduktion
Alle Programmkinos am See:
Filmkulturclub, Dornbirn (A)www.fkc.at
Cameo, Winterthur (CH)www.kinocameo.ch
Cinema Luna, Frauenfeld (CH)www.cinemaluna.ch
Kinok, St. Gallen (CH)www.kinok.ch
Rosental, Heiden (CH) www.kino-heiden.ch
Club Vaudeville, Lindau e.V. (D)www.vaudeville.de
Kammer & Tivoli, Überlingen (D)www.kino-ueberlingen.de
Kulturzentrum Linse, Weingarten (D)www.kulturzentrum-linse.de
Studio 17, Friedrichshafen (D)www.kulturhaus-caserne.de
Universum-Nostalgiekino, Radolfzell (D)www.universum-radolfzell.de
Wirtshaus am Gehrenberg, Markdorf (D)www.gehrenberg.de
Zebra Kino, Konstanz (D)www.zebra-kino.de
Zentrum GEMS, Singen (D)www.gems.de