D/A/CH | Frauen gründen Unternehmen, leiten Abteilungen und tragen hohe Verantwortung für Mitarbeiter und Umsatz. Manchmal steigt eine Frau auch ins oberste Management auf. Dies gilt immer noch als bemerkenswert – genauso wie derzeit eine auffällige Entwicklung in der Bodenseeregion.

In wichtigen Kultureinrichtungen haben in jüngster Zeit Frauen die Leitung übernommen. Zum Weltfrauentag am 8. März ist dies ein Anlass, das Thema „Frauen in Führungspositionen“ in Kultur, Bildung, Wirtschaft und Politik etwas genauer zu beleuchten.

Stephanie Gräve |© Anja Köhler

„Es ist schon so: Theater, Opern und Orchester sind eher eine Männerdomäne. Noch“, sagt Stephanie Gräve, die im August 2018 die Intendanz des Vorarlberger Landestheaters übernommen hat. Sie fügt hinzu: „Die Frauen drängen mächtig nach, und jede Findungskommission, die heute einen Mann für die Intendanz besetzt, sieht sich der Frage ausgesetzt: Warum keine Frau? Ja, warum nicht? Sicher hängt es damit zusammen, dass viele Theater noch strikt hierarchische Betriebe sind“, meint die Intendantin. Sie denkt, dass weibliche Führung anders aussieht als männliche: „Offener, eher den Konsens suchend. Frauen stellen sich mehr zur Disposition, machen sich angreifbarer. Und es gibt durchaus Menschen, die das als Schwäche werten … Es braucht ein grundsätzliches Umdenken, die Stärke darin zu sehen. Wir arbeiten dran“, sagt Gräve.

Insa Pijanka |© Johannes Raab

So wie sie sind in der Bodenseeregion jüngst mehrere Frauen im kulturellen Bereich ganz nach oben aufgestiegen: Insa Pijanka ist seit Januar 2019 Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz. Karin Becker wird zur Spielzeit 2020 neue Intendantin am Theater Konstanz.

Karin Becker | © Anja Köhler

Ute Stuffer hat im Frühjahr 2018 die Leitung des Ravensburger Kunstmuseums von Nicole Fritz übernommen. Elisabeth Sobotka ist bereits seit Januar 2015 Intendantin der Bregenzer Festspiele. Claudia Emmert leitet seit 2014 das Zeppelin Museum in Friedrichshafen. Weitere Museen und Kulturbüros, die hier nicht alle aufgelistet werden können, werden ebenfalls von Frauen geleitet. „Ich habe den Eindruck, dass es im Kulturbereich in der mittleren Führungsebene bereits viele Frauen gibt. Sie rücken jetzt auch in die oberen Positionen nach“, sagt Insa Pijanka.

Kerstin Krieglstein

Führende Frauen im Bereich Bildung

Im Bildungsbereich tragen viele Frauen Verantwortung – beispielsweise als Leiterinnen von Schulen oder von Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Wie sieht es noch weiter oben im akademischen Bereich aus? Von den 30 Hochschulen, die im Verbund der Internationalen Bodensee-Hochschule (IHB) zusammengeschlossen sind, werden neun von Rektorinnen geleitet: Kerstin Krieglstein (Universität Konstanz), Insa Sjurts (Zeppelin Universität Friedrichshafen), Ingeborg Mühldorfer (Hochschule Albstadt-Sigmaringen), Karin Schweizer (Pädagogische Hochschule Weingarten), Tanja Eiselen (Fachhochschule Vorarlberg), Barbara Fäh (Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich), Margit Mönnecke (Hochschule Rapperswil), Priska Sieber (Pädagogische Hochschule Thurgau in Kreuzlingen) und Andrea Haid (Staatliche Hochschule für Logopädie Rorschach).

Insa Sjurts | © Ilja Mess

Viele halten eine solche Position für ungewöhnlich. So stellt Priska Sieber fest: „Frauen sind in Schlüsselpositionen nach wie vor in der Minderheit und werden deshalb in zahlreichen Situationen als etwas Besonderes wahrgenommen. Generell müssen Frauen deshalb zuerst beweisen, dass sie trotz ihres Frauseins kompetent und zielstrebig sind. Bei Männern geht man eher vorbehaltlos davon aus, dass sie dies sind.“ Dass Frauen in Schlüsselpositionen immer noch etwas Besonderes sind, untermauert Karin Schweizer mit Zahlen: „Selbst an der PH Weingarten, an der etwa 40 % der Professuren mit Frauen besetzt sind, was einen sehr hohen Prozentsatz darstellt, sitzen in den entscheidenden Gremien wie im Senat nur etwa 30% Frauen, in den Fakultätsvorständen und im Rektorat liegt der Frauenanteil nur bei 16% bzw. 25%.“

Tanja Eiselen

Kerstin Krieglstein zeigt sich optimistisch, dass sich der Trend fortsetzen wird, mehr Leitungspositionen mit Frauen zu besetzen. Sie nennt Frustrationstoleranz und einen „ungebrochenen Willen zum Erfolg“ als wichtige Grundvoraussetzungen dafür, wobei diese sowohl für  Frauen wie auch für Männer gelten. Insa Sjurts erlebt immer wieder, „dass Frauen sich in Führungspositionen ganz anders und viel stärker bewähren müssen als Männer. Frauen brauchen hier Durchhaltevermögen, gute Netzwerke und eine Portion Humor, um Dinge auch mal relativieren zu können. Verbissenheit bringt nichts.“ Sjurts wünscht sich, dass es noch mehr führungsbereite Frauen gibt, „die diesen Anspruch unmissverständlich deutlich machen. Führung muss man auch wollen.“ Tanja Eiselen gibt als weiteren Aspekt zu bedenken, dass es männliche Führungskräfte meist leichter haben, eine Partnerin zu finden, die ihnen zu Hause den Rücken freihält. „Aber es gibt auch Männer, die das für ihre Frauen tun. Mein Mann ist da ein sehr gutes Beispiel“, erzählt sie.

Einflussreiche Politikerinnen

Verena Bentele | © Silvia Béres

In der Bodenseeregion gibt es auch einige einflussreiche Frauen in Politik und Gesellschaft. So ist Verena Bentele aus Tettnang seit Mai 2018 Präsidentin des bedeutenden Sozialverbands VdK Deutschland. In der Kommunalpolitik ragt Andrea Kaufmann hervor: Sie steht als Bürgermeisterin an der Spitze der 50.000 Einwohner zählenden Stadt Dornbirn und gilt als eine der mächtigsten Frauen in Vorarlberg. In einigen Städten am Bodensee, in denen es einen Oberbürgermeister gibt, wirken Frauen manchmal als beigeordnete Bürgermeisterin oder Vizebürgermeisterin, so zum Beispiel Monika Laule in Radolfzell, Ute Seifried in Singen und Sandra Schoch in Bregenz. Rathauschefinnen in kleineren Gemeinden sind zum Beispiel die Bürgermeisterinnen Katja Liebmann in Schlier bei Ravensburg, Alexandra Scherer in Bad Wurzach, Elisabeth Kugel in Meckenbeuren und Jacqueline Alberti in Daisendorf bei Meersburg. Und es gibt auf deutscher Seite sogar eine Landrätin: Stefanie Bürkle steht an der Spitze des Landkreises Sigmaringen.

Agnieszka Brugger | © Derek Schuh

Frauen vom Bodensee machen auch überregional Politik: Karin Keller-Sutter aus Niederuzwil im Kanton St. Gallen ist seit Januar 2019 Schweizer Justizministerin. Oder Birgit Homburger: Sie stammt aus Singen und war vor einigen Jahren Vorsitzende der FDP-Fraktion im deutschen Bundestag. Alice Weidel, umstrittene Vorsitzende der Bundestagsfraktion der rechtspopulistischen AfD, gibt Überlingen als ihren Wohnort an. Agnieszka Brugger aus Ravensburg ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Ravensburg. Ihrer Einschätzung nach ist beim Thema „Frauen in Führungspositionen“ schon viel erreicht, „aber leider gibt es auch Rückschritte“, so Brugger. Sie selbst habe als Frau im Bereich der Sicherheitspolitik gute Erfahrungen gemacht. Sie erlebe aber auch, wie Frauen in der Politik teilweise anders behandelt werden als Männer. Bei weiblichen Politikerinnen werde oft zuerst das Aussehen kommentiert, während das bei Männern in der Politik keine so große Rolle spiele.

Chefinnen in Wirtschaftsunternehmen

Sonja Meichle | © Edmund Möhrle Photographie

Viele Frauen haben wichtige Positionen in Wirtschaftsunternehmen inne. Wie ernst werden sie genommen? Die Akzeptanz wachse, allerdings müssen sich Frauen „in ihrer Position viel stärker behaupten und meiner Meinung nach mehr leisten als ein Mann in einer solchen Position“, sagt Sonja Meichle, Geschäftsführerin des Kressbronner Unternehmens Ultramarin.

Marion Reichart

„Zu Beginn habe ich erlebt, dass ich von oben bis unten gemustert wurde. Da musste ich mich sehr klar positionieren“, berichtet Marion Reichart. Sie ist Geschäftsführerin des Feldkircher Reinigungsmittelherstellers Uni-Sapon, Mutter, Hausfrau, Ehefrau und seit Kurzem Unternehmerin des Jahres 2019 in Österreich. „Frauen können stolz sein, auf das, was sie leisten“, spricht sie anderen Frauen Mut und Selbstbewusstsein zu.

Simone Kraxner | © Susi Donner

Für Simone Kraxner, Betriebsleiterin des Autohauses Unterberger in Lindau, stellt sich die Frage „Mann oder Frau“ überhaupt nicht. „Das hat ausschließlich etwas mit der Person zu tun, die diese Stelle ausfüllt. Ich sehe es als Vorteil, in dieser klassischen Männerdomäne weibliche Akzente setzen zu dürfen.“ Es gibt noch viele weitere erfolgreiche Unternehmerinnen – stellvertretend seien hier noch drei Namen genannt: Dorothee Buhmann  (Geschäftsführerin Buhmann Systeme GmbH in Weiler-Simmerberg), Dagmar Fritz-Kramer (Geschäftsführerin des Erkheimer Holzhaus-Herstellers Baufritz) und Antje von Dewitz(Geschäftsführerin des Tettnanger Outdoorausrüsters Vaude). Geeignete Rahmenbedingungen hält sie für eine Grundvoraussetzung für die Gleichstellung. Ihrer Wahrnehmung nach „haben Frauen eher Bedenken, dass sie durch eine Führungsposition ihr Berufs- und Privatleben schlechter miteinander vereinbaren können. Aus diesem Grund sind sie oft weniger bereit, Führungsverantwortung zu übernehmen. Hinzu kommt, dass Frauen durch Kinderbetreuungszeiten häufiger weniger Arbeitserfahrung haben und sich dadurch zum Teil nicht für Führungsaufgaben qualifizieren konnten“, erklärt Antje von Dewitz.

Antje von Dewitz | © VAUDE

Martina Schmidt, Leiterin der Kontaktstelle „Frau und Beruf“ bringt es so auf den Punkt: „Frauen haben so lange Chancengleichheit, bis Kinder ins Spiel kommen.“ Wenn Frauen dann im Beruf zurückstehen, wirke sich dies nicht nur auf Führungspositionen aus, sondern später auch auf die Rente. Ursula Sauter-Heiler, Gleichstellungsbeauftragte das Landkreises Lindau, bestätigt: Den Karriere-Knick durch die Erziehungszeit können Frauen hierzulande nur ganz schlecht aufholen. Allerdings beobachtet sie, dass immer mehr Frauen in einer Art Doppelspitze über die Finanzschiene zu einer Führungsposition kommen. Ricarda Netzhammer, Präsidentin des Frauennetzwerks Zonta-Club Hegau-Bodensee, verweist ebenfalls auf die klassische Rollenverteilung, stellt aber fest: „Es hat sich schon viel zum Positiven gewandelt.“

Veranstaltungen „Frauenpower“

„Bildet Banden: Warum Gleichstellung ein Gemeinschaftsprojekt ist“ Vortrag & Diskussion: Julia Korbik
08.03., 19 Uhr | Schwörsaal im Waaghaus
Marienplatz 28, D-88212 Ravensburg
www.ravensburg.de

„Damenwahl – Talk & Tanz“
08.03., 19.30 Uhr | Paul-Bäck-Haus
Lindauer Straße 2, D-88178 Heimenkirch
www.stadtfuerhung-lindau.de

Markt der Möglichkeiten, Film „Pride“ und Frauendisco
08.03., ab 14 Uhr | K9
Hieronymusgasse 3, D-78462 Konstanz
www.k9-kulturzentrum.de

„Superwomen – Die Burlesqueshow der starken Frauen“
08.03., 21 Uhr | Kulturhaus Caserne
Fallenbrunnen 17,
D-88045 Friedrichshafen

Stadtführung „Aufmüpfige Fräuleins“
08.-09.03., 10 Uhr | Altes Rathaus
Bismarckplatz 4, 88131 Lindau
www.stadtfuehrung-lindau.de

„100 Jahre Frauenwahlrecht“ – Frischemarkt Baur verschenkt florale Gesten an alle Kundinnen und Mitarbeiterinnen
08.03. | Edeka Frischemarkt Baur
Kanzleistraße 2-4, D-78462 Konstanz

Tagesprogramm der Gleichstellungs- und Integrationsförderung:
„Stop Hate Speech“
08.03., ab 16.30 Uhr
versch. Veranstaltungen, CH-St. Gallen
www.ostschweiz.vpod.ch

Frauen-Info-Fest
08.03., 15-19 Uhr | Landhaus Bregenz
Römerstraße 15, A-6900 Bregenz
www.femail.at

Seminare Weltfrauentag 2019
ab dem 09.03. | vhs Landkreis Konstanz
Katzgasse 7, D-78462 Konstanz
www.vhs-landkreis-konstanz.de


kultur unterm dach – Frauen an die Macht! – Edition 2020
15.03. | vineum Bodensee
Torkelhalle, Vorburggasse 11, 88709 Meersburg

Kennenlernen & Diskussion
Frauen-Netzwerk:
27.03. | Großer Sitzungssaal im Rathaus
Marienplatz 26, D-88212 Ravensburg

„womanost“
30.03. | Kanti Will
Hubstrasse 75, CH-9501 Will
www.womanost.ch

„Damenwahl –
100 Jahre Frauenwahlrecht“

11.04., 20 Uhr
Dorfgemeinschaftshaus Otterswang
Schulweg 1, D-88630 Pfullendorf
www.tourismus-bw.de

„Female Future Festival“
24.04. | Festspielhaus Bregenz
Platz der Wr. Symphoniker 1
A-6900 Bregenz
www.femalefuturefestival.com 1);Lb.push(q)}

Text: Ruth Eberhardt

Titelbild: Insa Pijanka | © Johannes Raab