Das Ende ist nah: Zwar nur das des Jahres, doch die apokalyptische Endzeitstimmung, die bangen Fragen zur Zukunft, lassen sich nur mit ordentlich Lebkuchen und Glühwein durchstehen. Und war nicht auch der früher viiiieeel besser?!

 

Hach, wie schön sind doch Weihnachtsmärkte, die mittelalterliche Nostalgie verströmen und „ein Gefühl wie früher“ erlebbar machen wollen. Wer allerdings um die Lebensmittelhygiene des Mittelalters weiß, ist sicher: früher war nicht alles besser als heute. Im Gegenteil: Wurden seinerzeit Bäcker gerne mal Opfer des Scharfrichters, weil das, was sie so an Schrott & Korn mischten, nicht selten zum Ableben der Kundschaft führte – Ablebkuchen also. Heute sind dagegen selbst auf mittelalterlichen Märkten die Überlebenschancen ausgezeichnet. Doch das wollen wir einfach nicht wahr(!!!)haben. Denn zu keiner Zeit waren Lebensmittel insgesamt so sicher, schmackhaft und gesund wie heute. All den Lebensmittelskandalen zum Trotz! Doch der Mensch vertraut nicht auf Fakten, er braucht es „emotional“. Wir wissen (= das Gegenteil von glauben und „Glauben“) heute, dass wir selbst unsere eigene Vergangenheit nicht so erinnern, wie sie war. Der Neurowissenschaftler Steven R. Quartz spricht davon, dass unsere Gehirne quasi zum Selbstschutz „unsere Vergangenheit systematisch bearbeiten“: das Schlechte weglassen, das Gute hervorheben, „was zu einer schönfärberischen Wahrnehmung führt“.

In unserer Wahrnehmung verdrängen wir tatsächlich „großes Leid“, bloß andersrum: So gaben im Jahr 2000, 2005, 2010 und 2015 konstant nur sechs Prozent der US-Amerikaner an, „dass sich die Umstände zum Guten wenden“. Ein Gefühl, das trügt, wie Zahlen von Ökonom Max Roser von der Oxford University in diesen Studien zeigen. Demnach ist zum Beispiel „der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen an der Weltbevölkerung dramatisch zurück gegangen“: von 1981 noch 44 Prozent „in lebensbedrohlich prekären Verhältnissen“ auf heute weniger als zehn Prozent – und das bei zugleich wachsender Bevölkerung. Der materielle Wohlstand hat in den letzten Jahrzehnten ebenfalls rasant zugenommen.

Natürlich gilt es andere negative Langzeitwirkungen (Klimaerwärmung etwa) nicht zu ignorieren. Allerdings lassen sich weder News noch Bücher, weder Blogs noch ganze Echo-Plattformen ohne Skandale verkaufen, denn nur mit Angst erreicht man entwicklungsbedingt unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Doch eine Aneinanderreihung von Skandal-News an Skandal-News verstellt darum den ungetrübten Blick auf das große Ganze.

Daher mein Appell zum Jahresende (das garantiert nicht das Weltende sein wird!): Bitte aufhören, nur auf kurzfristig schlechte Nachrichten zu starren, denn „die langfristigen Daten zeigen, wir erleben schier unglaubliche Entwicklungen zum Besseren“. Oder wie es Bill und Melinda Gates ausdrücken: „Nach nahezu allen Maßstäben ist die Welt heute besser als je zuvor.“

Markus Hotz

Herausgeber

 

Alle „historischen“ Intros übrigens auch zum nachlesen und weitersenden online unter www.akzent-magazin.com/intro