Zuerst das von der Stadt Konstanz verordnete vorzeitige Spielzeitende aufgrund der Corona-Krise, dann der Streit zwischen Christoph Nix, Noch-Intendant des Stadttheaters, und Insa Pijanka, Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie. Nach den Querelen der vergangenen Wochen traten jetzt in einer Pressekonferenz neben Bürgermeister Dr. Andreas Osner (u.a. Dezernent für Kultur) Insa Pijanka (im Bild links) und die neue Intendantin des Stadttheaters Karin Becker (im Bild rechts) betont positiv auf.

Trotz der Einschränkungen durch die verschärften Auflagen und Planungsunsicherheit aufgrund des SARS-CoV-2 Virus schauen alle drei zuversichtlich in die neue Spielzeit. „Klar ist, dass es nach dem Lockdown nicht so weitergeht wie vorher, aber wir freuen uns zu sagen, dass wir wieder da sind“, so Bürgermeister Osner und stellte klar, dass kulturelle Einrichtungen nicht bestraft werden dürfen: „Wir müssen in Sachen Finanzen und Politik hinter den beiden Häusern stehen.“ Die Stadt werde ein klares Signal setzen. „An kulturellen und sozialen Infrastrukturen darf nicht gespart werden, das wäre kontraproduktiv“, so Osner. Damit rennt er sowohl beim Stadttheater als auch bei der Südwestdeutschen Philharmonie offene Türen ein. Denn sowohl Karin Becker als auch Insa Pijanka haben ohnehin genug Herausforderungen mit ihren Teams zu stemmen. Beiden ist klar: „Wir sind verantwortlich, wenn die Mitarbeiter sich anstecken – das ist eine Belastung.“ Welche Stücke können also überhaupt unter den derzeitigen Voraussetzungen gespielt werden (das gilt für Orchester und Theater gleichermaßen) oder wie etwa zeigt man mit dem geforderten Mindestabstand Emotionen? „Ich erklär dir meine Liebe – mit 1,5 Metern Abstand … “, schmunzelt Karin Becker, die sich sehr auf ihre erste Spielzeit in Konstanz freut. Und dank der Teams scheint alles machbar. „Alle ziehen mit – das finde ich großartig“, bescheinigt Karin Becker dem Theater und Insa Pijanka lobt ebenfalls ihre Philharmonie: „Es gibt ein unglaubliches Engagement der Musiker.“ Da aufgrund der geforderten Mindestabstände (bei Bläsern bis zu 3 Meter) nicht alle gewohnten Stücke gespielt werden können, haben sich etwa auch spontan neue kleine Ensembles innerhalb der SWP gebildet. „Wir bewegen uns in Repertoire-Bereichen, die nicht unsere Standards sind, aber alle ziehen mit“, so Pijanka.

Künstlerisch gegenseitig interessiert

Dass sich die beiden Frauen, die jetzt den größten kulturellen Institutionen der größten Stadt am Bodensee vorstehen, bereits 2018 kennen gelernt haben und sich zu schätzen wissen, scheint nun allen zu Gute zu kommen. Nicht zuletzt auch dem Publikum. „Wir denken inhaltlich ähnlich und sind künstlerisch gegenseitig interessiert“, so Karin Becker, die die Gespräche mit ihrer Kollegin sehr schätzt. Insa Pijanka bestätigt denn auch, dass es sehr naheliegend sei, dass beide Häuser etwas zusammen machen. Wie das genau aussehen wird und wann, steht momentan noch nicht fest, was auch an der aktuellen Corona-Situation hängt. Vorgestellt werden konnten aber bereits die jeweiligen einzelne Spielpläne für die kommende Spielzeit. Momentan eine noch größere Herausforderung als sonst, die beide aber jeweils mit einer sehr strukturierten Herangehensweise zu meistern scheinen.

Die Ideen der SWP

Normalerweise geht ein großes Orchester wie die Südwestdeutsche Philharmonie (rund 60 Musiker) mit zwei Jahren Vorlauf in die neue Saison. Doch Corona will es anders. In nur wenigen Wochen wurde ein Programm auf die Beine gestellt, dass den derzeit geltenden Vorschriften entspricht: beispielsweise kleine Gruppen auf der Bühne und alle Konzerte werden an einem Tag doppelt aufgeführt und ohne Pause. „Aber wir sind vorbereitet, dass wir spontan zum normalen Spielbetrieb wechseln könnten, wenn weitere Lockerungen kommen“, so Insa Pijanka. Bleibt jedoch die Herausforderung, dass kein festes Konzerthaus zur Verfügung ist. Gespielt wird im Herbst im Konzil sowie im Milchwerk Radolfzell, der musikalische Sommer vorab findet unter anderem im Inselhotel, in den Innenhöfen von Neuwerk und Rosgartenmuseum (alles Konstanz) oder im Palmenhaus auf der Insel Mainau statt. Heißt: für jeden Raum muss ein eigenes Konzept her. Auf die Open Air-Konzerte im Bodenseestadion am 1. und 2. August im Rahmen der Sommerwiese freut sich die Intendantin besonders: „Wir dürfen dort mit großem Orchester auftreten. Das ist ein Signal in die Stadt hinein.“ Alle Musiker werden vor und während der Proben auf SARS-CoV 2 getestet.

Das komplette Programm der SWP gibt es hier: www.philharmonie-konstanz.de.

Theater mit neuem Logo

Das Motto der kommenden Spielzeit am Theater Konstanz spiegelt die momentane Situation wider: Einmal Welt, bitte. Was passiert auf dieser Welt und wie gehen wir damit um? Und wer ist eigentlich wir? Obwohl Karin Becker coronabedingt nur mit angezogener Handbremse in ihre erste Spielzeit starten darf (aufgrund der Abstandsregeln können sowohl im großen Haus als auch in der Werkstatt und Spiegelhalle nur maximal ein Drittel der Sitzplätze verkauft werden) liegt ein 120 Seiten starkes Programmheft auf dem Tisch. Dazu noch im Format größer als bisher und mit neuem Logo, das das Theater als Sprachrohr des Publikums und der Stadt symbolisieren soll. Obwohl mit der neuen Intendantin noch weitere neue Köpfe, vor allem Frauen, ins Konstanzer Theater eingezogen sind, wird an einigen bewährten Sachen festgehalten – was sicher nicht unklug ist. So wird es auch 2021 ein Theater auf der Münsterplatz geben (Shakespears „Viel Lärm um Nichts“) und „Theater hinter Gittern“ geht ebenfalls weiter – beides übrigens von Christoph Nix ins Leben gerufen. Zudem macht sich Karin Becker für das junge Publikum stark: „Wir wollen unbedingt versuchen, dass Schulgruppen, trotz Corona, in die Weihnachtsstücke kommen dürfen.“ Wie bei der SWP müssen auch beim Theater mehr Vorstellungen angeboten werden, damit möglichst alle Abonnenten zum Zuge kommen, es genügend Karten im Freiverkauf gibt – und nicht zuletzt die Kasse stimmt. „Das geht an die Belastungsgrenze“, so Becker, die sich dennoch freut, jetzt ersteinmal in der Stadt anzukommen und ihr Publikum kennenzulernen.

Zum Programm des Theaters geht es hier: www.theaterkonstanz.de

Theater mit Mindestabstand

Text: Tanja Horlacher

Foto: Tanja Horlacher, Ilja Mess – Theater Konstanz

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