Haarig geht es beim Friseurhandwerk im doppelten Wortsinn zu. Obwohl der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks vor Kurzem erneut einen Aufschwung gemeldet hat, ist die Branche geplagt von Nachwuchssorgen – nicht nur in der Großstadt Bodensee. So kreativ der Beruf ist, so kreativ sind jetzt auch die Ideen, um junge Menschen für die Ausbildung zu begeistern. Zudem braucht es die Bereitschaft der Kunden, höhere Preise zu bezahlen – nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht, sondern auch als Anerkennung. Ob die Rechnung aufgeht?

Einer, der sich stark für den Friseurnachwuchs engagiert, ist Nico Wegner. Er betreibt zwei Salons in Konstanz und Allensbach und bildet regelmäßig Friseurnachwuchs aus. Doch per Zeitungsannonce und sturem nine-to-five-Job geht das schon lange nicht mehr. „Nachwuchs durch Öffentlichkeitsarbeit gewinnen“, so sein Credo. „Es geht darum, dass jeder Teil des Teams ist und sich damit identifizieren kann. Jeder Mitarbeitende sollte stolz auf seinen Salon sein.“ Nico Wegner, der seinen Beruf bereits seit über 25 Jahren ausübt, sucht mittlerweile seine Auszubildenden via Instagram oder Facebook und geht auch aktiv in die Schulen, um den Ausbildungsberuf bei Projekttagen vorzustellen. In kleinen Gruppen kommen die Interessierten dann auch mit in seinen Salon, um echte kreative Luft zu schnuppern. Ein nicht unwichtiger Schritt. Die jungen Menschen können direkt eintauchen in die Welt der Schönheit und bekommen aufgezeigt, welche Möglichkeiten es nach der Ausbildung gibt: vom Trainer über Zusatzqualifikationen zum Make-up Artist bis hin zum Mitinhaber.

Mehr als Haare schneiden

Sie erleben, dass ein Friseurbesuch mehr ist, als „nur“ Haare schneiden. Vielmehr ist es für die meisten Kunden eine Auszeit vom Alltag und auch sozialer Treffpunkt. Es geht zudem um umfassende Beratung, individuelle Styles und Farbservices – und nicht zuletzt darf auch die Tasse Kaffee nicht fehlen, damit der Kunde sich wohlfühlt. „Ich merke oft, dass sich die Schüler für den Beruf begeistern, weil sie immer mal der Freundin die Haare machen und Spaß daran haben. Doch den ganzen Tag im Salon zu stehen, ist dann schon etwas anderes. Das ist auch körperlich anstrengend“, weiß Nico Wegner. Das führt nicht zuletzt dazu, dass die jungen Menschen selten noch Vollzeit arbeiten möchten. Flexibilität ist also auch beim Arbeitgeber gefragt. Denn aktuell kommt es bei fast 49% der Friseurauszubildenden (deutschlandweit) zu vorzeitigen Vertragsauflösungen. Bei 95% davon handelt es sich aber um Betriebswechsler. Der Grund: Unzufriedenheit in Bezug auf die Ausbildungsqualität. Nico Wegner überträgt deshalb schon früh Verantwortung auf seine Leute. „Die Moral ist einfach anders geworden. Als Unternehmer muss ich den Spagat halten, anders auf die Dinge einzugehen und näher an den Leuten sein.“


Digitalisierung im Friseursalon

Per App organisieren sich bei „Nico“ die Mitarbeiter und Auszubildenden
selbst – mit samt den Kunden. Jeder Mitarbeiter trägt seine Anwesenheitszeiten ein, egal ob früher Vogel oder Morgenmuffel, und den Kunden öffnen sich dann entsprechend Zeitfenster, in denen sie online selbst ihren gewünschten Friseurtermin eintragen können. Die Erfahrung bestätigt, dass es funktioniert. Jüngst hat auch die Friseur- und Kosmetik-Innung Westlicher Bodensee eine Friseur-Berichtsheft-App für die Auszubildenden vorgestellt. Obermeister Martin Jetter und seine Stellvertreterin Bianka Möhrle sind davon überzeugt, dass auch die Berichtsheft-App den Friseurberuf für junge Menschen attraktiver macht. Nicht zuletzt sind in Deutschland neue Bezeichnungen für Berufsabschlüsse im Handwerk geplant. Aus dem Friseurgesellen wird dann künftig der „Geprüfte Berufsspezialist“ (m/w/d) und der Meister wird zum „Bachelor Professional“. Doch wie auch immer: „Es ist ein attraktiver Beruf, man kann viel daraus machen, aber es muss transportiert werden“, so Nico.

Das Geld, das Geld

Ein Thema, das nicht nur Nico Wegner auf den Füßen brennt, ist die Entlohnung. Denn all die kreativen Aussichten nützen nichts, wenn mancherorts an der Supermarktkasse mehr verdient ist als durch stundenlanges Haare wühlen. „Der Druck vom Tarifverband hat die vergangenen Jahre gefehlt, damit die sich Saloninhaber positionieren und ihre Leute ordentlich bezahlen“, so Nico. Jetzt wurden wenigstens die Tariflöhne von der Kammer für Baden-Württemberg angehoben. Es geht aber auch um die Transparenz für den Verbraucher. „Wir müssen eine faire Bezahlung der Dienstleistung erreichen“, macht sich Nico Wegner stark. Oft ist dem Verbraucher eben nicht klar, dass von dem Preis auf der Liste an der Ladentür erstmal Mehrwertsteuer abgeführt werden und Miete, Pflegeprodukte, Handtücher, Strom, Wasser, die Tasse Kaffee und vieles mehr bezahlt werden muss, bevor der Mitarbeiter seinen Lohn bekommt. „Waschen, schneiden, föhnen für nur 25 Euro wird es immer geben“, so Nico Wegner. „Aber der Wegfall würde auch unser Problem nicht lösen.“ Im Gegenteil begrüßt er sogar die unterschiedlichen Preissegmente. Durch die Bereitschaft einen höheren Preis für den Haarschnitt zu bezahlen wird auch Anerkennung der Dienstleistung durch den Kunden signalisiert. Ein nicht unwichtiger Punkt, wenn es um Ausbildungsnachwuchs geht. Und mal ehrlich: sich ein Stündchen beim Friseur mit Kopfmassage, Kaffee oder Prosecco verwöhnen und natürlich neu stylen zu lassen (gilt für Damen wie für Herren – im Barbershop etwa – gleichermaßen) und gut gelaunt rauszugehen, ist doch wirklich etwas wert!

http:// www.friseurhandwerk.de
TEXT: TANJA HORLACHER, FOTOS: GOLDWELL