Verstörend wirken diese Fotografien – wie Stillleben aus einer trostlosen Welt. Zu sehen sind Häuser mit Brandspuren, Wände mit Einschusslöchern, Mauern für Schützengräben. Die Motive für sein Buch und seine Ausstellung „Heimatfront – Bühnenbilder des Krieges“ fand der Fotograf Claudio Hils in militärischen Tabuzonen in Oberschwaben und auf der Schwäbischen Alb.

Der Krieg in fernen Ländern kommt in diesen Bildern nicht vor. Claudio Hils zeigt das Kriegsgeschehen vor der Haustür: Kulissen für den Häuserkampf, Verhörräume zur Vorbereitung auf die psychische Belastung einer möglichen Gefangenschaft, blutverschmierte Puppen zum Üben von Notfallmedizin. Nüchtern dokumentiert der Fotograf die Infrastruktur und Strategien, mit der sich Soldaten auf Bedrohung, Krieg und humanitäre Einsätze vorbereiten. Ein ambivalentes Thema: Es geht um Gewalt und um den Schutz vor Gewalt. Menschen sind auf diesen Bildern fast nie zu sehen. Diese sichtbare Stille ist beabsichtigt: „Dadurch entsteht eine Lücke, die beim Betrachter einen Denkprozess auslöst und die er mit eigenen Erfahrungen auffüllt“, erklärt Claudio Hils.

Claudio Hils

Der 59-Jährige stammt aus Mengen, hat visuelle Kommunikation in Essen studiert, sieht seine Wurzeln im politisch-sozialen Journalismus und arbeitet seit 1993 als Fotograf und Kommunikationsdesigner. Die Liste seiner eigenen und kuratierten Ausstellungen ist lang. Parallel dazu hatte er diverse Lehraufträge an Hochschulen im In- und Ausland. Seit 2008 ist der Professor für Fotografie und Gestaltung an der Fachhochschule Vorarlberg. Seit etwa 20 Jahren lebt er wieder in Mengen.

Einst eine verbotene Zone

Hier ist ihm schon als Jugendlicher das nahegelegene US-Sondermunitionslager Mottschieß aufgefallen. „Wenn man nachts durch den Wald fuhr, konnte man die Beleuchtung sehen. Es war eine verbotene Zone, in der atomare Sprengköpfe gelagert wurden“, erinnert er sich. Heute stehen viele dieser Bunkeranlagen leer, aber die ehemalige Hauptwache wird vom Kommando Spezialkräfte (KSK) für militärische Ausbildungszwecke genutzt. Ein Teil der Aufnahmen für sein Projekt „Heimatfront – Bühnenbilder des Krieges“ ist hier entstanden. Fotografiert hat Claudio Hils auch in der Staufer-Kaserne Pfullendorf, im ehemaligen Sondermunitionslager Inneringen sowie auf dem Truppenübungsplatz, in den Brandübungsanlagen und im Sanitätsunterstützungszentrum in Stetten am Kalten Markt. Ergänzt hat er seine Fotos realer Militäreinrichtungen mit virtuellen Bildern aus der Übungssoftware der Bundeswehr. Über fünf Jahre erstreckte sich dieses Fotoprojekt.

Bizarre Bilderwelten

Mit dem Themenspektrum Gewalt, Terror und Militär hat sich Claudio Hils schon in früheren Jahren befasst. So fotografierte er vor mehr als 20 Jahren auf dem Truppenübungsplatz Senne in Nordrhein-Westfalen für sein Projekt „Red Land, Blue Land“.  Wenige Jahre später dokumentierte er in „Archive_Belfast“ Spuren, die die jahrelange Gewalt in der nordirischen Hauptstadt hinterlassen hat. „Wenn ich Krisen- oder Bedrohungssituationen zeige, dann wird kein Bild dabei herauskommen, das eine heile Welt suggeriert. Trotzdem sind die Bilder auch schön“, sagt er. „Ich fühle mich in diesen bizarren Bilderwelten wohl. Es geht mir darum, komplexe Sachverhalte visuell spannend und seriell darzustellen.“ Letzteres gilt beispielsweise auch für seine anderen Projekte, z.B. die japanischen Lebenswelten in „Tokyo Urban Space“ (1999), den Prozess der deutschen Wiedervereinigung in „Neuland. 1989 – 1999“ sowie für den Wandel des ländlichen Raumes in „abseits“ (2012).

Für die Ausstellung „Heimatfront – Bühnenbilder eines Krieges“ ist Claudio Hils eine Kooperation mit dem Kunstmuseum Thurgau und der Kreisgalerie im Schloss Meßkirch eingegangen. Ob die geplanten Ausstellungszeiten eingehalten werden können, hängt von der Entwicklung der Corona-Pandemie ab.

bis 18.04.
Kunstmuseum Thurgau
Kartause Ittingen
CH-8532 Warth
www.kunstmuseum.tg.ch

01.07. – 01.10.
Kreisgalerie Schloss Meßkirch
Kirchstr. 7
D-88605 Meßkirch
www.schloss-messkirch.de

www.claudio-hils.com

Text: Ruth Eberhardt

Beitragsbild: ClaudioHils, Kunstmuseum Thurgau/Stefanie Hoch