Vielleicht ist es das beste Rezept gegen die Pandemie und alles, was dazugehört, sich die Lebensfreude zu bewahren, trotz Masken, Sicherheitsabstand und anderer Widrigkeiten. Und dabei insbesondere nicht zu vergessen, wer zu den Garanten für den genussvollen Zustand von Essen, Lachen, Trinken und Reden gehört: nämlich Gastgeber, die nie richtig weg waren – und jetzt wieder richtig da sind. So wie Brigitte und Thomas Kraus vom Schachener Hof in Lindau, die in den Jahrzehnten ihrer kontinuierlichen Arbeit schon viel gesehen haben. Und die, statt aufzugeben, nochmal richtig angreifen. Ob sie’s nach der Zwangspause noch können?

Auch schon vor der Krise, auf die das uhrwerkmäßig eingespielte Team im Schachener Hof souverän reagierte, war die Küche von Thomas Kraus eine sichere Konstante im wechselvollen Umfeld der Gastronomie am Bodensee. In nahezu unerschütterlicher Qualität pflegt er eine klassische Küche im Grenzgebiet zwischen dem Einfallsreichtum wirklich ehrlicher Gutbürgerlichkeit und der Finesse sternenbehangener Exklusivität. Dabei sind Innenräume und Service gleichermaßen leger genug, um sich als Gast ganz entspannt wohlzufühlen. Ohne aber in Sachen Bedienung ins Unachtsame abzugleiten, worüber Brigitte Kraus als gute Seele im Service peinlich genau wacht. Daran können auch die Gesichtsmasken nichts ändern, denn wenn das Lächeln hinter Vlies nicht sichtbar ist, bleiben immer noch die strahlenden Augen.

Für einen Küchenmeister wie Kraus ist es keine Frage, ob es klug und richtig ist, sich mit dem Angebot nach den Jahreszeiten zu richten. Folglich ist der saisonale Einschlag natürlich dominant – wovon auch Spargel und Erdbeeren zeugen. Dass Kraus im tiefsten Inneren Schwabe ist, belegt bereits der Gruß aus der Küche in Gestalt einer kleinen Linsen-Pastete. Sie stellt mit Speck, leichter Knoblauch-Mayonnaise und Balsamico im weitesten Sinne eine Reminiszenz an das schwäbische Nationalgericht dar.

Der weitläufige Gastgarten unter dem Kastanien-Blätterdach ist die ideale (zumal coronataugliche) Bühne für das Kraus’sche Menü, das mit einem leicht rauchig schmeckenden Thunfisch-Medaillon sowie Blumenkohl-Couscous mit starkem Curry-Einschlag viel Freude macht. Ähnlich sonnige Geschmacksmomente vermag der zarte Steinbutt zu bescheren, der in einem Safransud schwimmt, lackiert mit einer schaumigen Buttersoße, flankiert von bissfestem Fenchel.

Im Hauptgang wechselt der Küchenchef vom Meer in den Wald, um anhand eines formidablen Rehrückens zu zeigen, was er kann: Vom sehr zarten Fleisch einmal abgesehen, sind es die Saucen, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Allen voran die tiefaromatischen Jus, angereichert mit Zimtkirschen, die den warmen und schweren Aromen säuerliche Frucht entgegensetzen. Gemüse, Pfifferlinge in rahmiger Sauce sowie würziges Kraut machen den Teller zu einem vielseitigen Geschmacks-Parcours.

Hotel-Restaurant Schachener-Hof: Essen
Essen im Hotel-Restaurant Schachener-Hof

Aber die Küche kann auch fleischlos glücklich machen – etwa mit den Gemüseravioli, die sich mit Kräutern und Pfifferlingen einen delikaten Wettbewerb um den intensivsten Geschmack liefern. Auch hier fällt auf: Selbst Details geraten nie aus dem Blick, kein Element des Tellers ist zu lasch abgeschmeckt, jede Essenz, jedes Schäumchen hat seinen Zweck und dient der aromatischen Entfaltung, und zwar ohne Effekthascherei.

Auch der süße Schlusspunkt kann das durchweg erfreuliche Niveau des Menüs locker halten: eine  betörende Sünde, in der Erdbeeren, Rhabarber und Schokolade – als Eis und Mousse – ein amouröses Abenteurer erleben. Und der Gast zwischen cremigen und knusprigen Texturen nur staunen kann. Fruchtige Buttercreme und Karamell inklusive. Schön, dass die verlässliche Kunst von Thomas Kraus und der herzliche Service seiner Frau sich durch die besonderen Umstände nicht haben erschüttern lassen. Aber wann, wenn nicht jetzt, brauchen wir wirklich gute Küche?

Fazit
Der Schachener Hof ist ein höchst verlässlicher Ort, an dem auf hohem Niveau böse Überraschungen praktisch ausgeschlossen sind. Bei insgesamt sehr moderaten Preisen. Weil der Chef weiß, was er kann – und auch an Bewährtem mit Leidenschaft festhält.

Essen * * * * *
Service * * * * *
Atmosphäre * * * *
Hauptgerichte 16 bis 33 €

Hotel Restaurant Schachener Hof | Schachener Str. 76, D-88131 Lindau | +49 (0)8382 31 16 | www.schachenerhof-lindau.de

Mi-Mo ab 17.30 Uhr, sonn- und feiertags ab 12 Uhr, Di Ruhetag