Wie Kaufleute die Welt ins Museum brachten
Das Kulturmuseum St. Gallen zeigt aktuell bis Juli 2026 unter dem Titel „Die Welt ins Museum. Vom Handeln, Sammeln und Entdecken“ eine große, spannende Ausstellung, die die Besucher*innen ins 19. Jahrhundert mitnimmt – in eine Zeit globaler Handelsnetze, wissenschaftlicher Neugier und Wettlauf um Kolonien.
Im 19. Jahrhundert war St. Gallen nicht nur eine blühende Textilstadt, sondern auch ein Tor zur Welt. Während Europas Großmächte ihre kolonialen Imperien ausbauten, reisten St. Galler Kaufleute in ferne Länder, auf der Suche nach neuen Absatzmärkten für ihre Produkte. Doch die Handelsreisen hatten einen weiteren Effekt: Sie brachten kulturelle Objekte, Warenmuster und Naturmaterialien in die Ostschweiz, die den Grundstock für die heutige ethnologische Sammlung des Kulturmuseums St. Gallen bildeten. Genau diese Geschichte steht im Zentrum der Ausstellung „Die Welt ins Museum. Vom Handeln, Sammeln und Entdecken“.
Verflechtungen lokaler Geschichte und globaler Ereignisse
Die Ausstellung erzählt nicht nur, wie St. Gallen zu einer bedeutenden ethnologischen Sammlung kam, sondern beleuchtet zugleich die enge Verflechtung lokaler Geschichte mit globalen Ereignissen. „Es geht um die Verbindung von wirtschaftlichem Ehrgeiz, wissenschaftlichem Interesse und der globalen Welt“, erklärt Museumsdirektor Peter Fux. „Die Sammlung spiegelt, wie stark die Ostschweiz schon im 19. Jahrhundert in internationale Handels- und Wissensnetzwerke eingebunden war.“
Die Wurzeln der Sammlung liegen in der Gründung der „Ostschweizerischen Geographisch-Commerciellen Gesellschaft“ (OGCG) im Jahr 1878. Kaufleute, die bereits in der Textilbranche tätig waren, nutzten die Gesellschaft, um Handelsniederlassungen im Ausland aufzubauen und Forschungsexpeditionen zu organisieren. Aus dieser Verbindung von Handel und wissenschaftlicher Neugier entstand die erste ethnologische Sammlung St. Gallens. „Die Sammlungsstücke waren nicht nur Souvenirs“, betont Kuratorin Monika Mähr, „sie dienten den Kaufleuten als Anschauungsmaterial und halfen ihnen, sich auf Handelsreisen vorzubereiten.“
Anhand von vier Etappen – der Wunderkammer, dem Handelsmuseum, dem Völkermuseum und dem heutigen Kulturmuseum – zeigt die Ausstellung die Entwicklung der Sammlung. Besucher*innen erleben, wie aus einem Handelsmuseum mit Warenmustern ein spezialisiertes Völkerkundemuseum wurde, das damals bereits 3.500 umfasste. Darunter befinden sich exotische Materialien wie Kautschuk, Chinarinde oder Cochenille-Schildläuse, aber auch afrikanische und asiatische Textilien wie japanische Kimonos oder Batikstoffe aus Indonesien. „Die Ausstellung macht deutlich, dass die Geschichte der Sammlung kein lokales Phänomen ist, sondern immer im Spannungsfeld globaler Entwicklungen stand“, sagt Peter Fux.
Textilstadt von Bedeutung
Textilien spielen eine zentrale Rolle: An einer Wand hängen Toggenburger Buntwebereien, die zeigen, wie eng lokale Produktion mit internationalen Märkten verbunden war. St. Galler Weberinnen und Weber nahmen Muster aus der Türkei, Ägypten oder Ostafrika auf und interpretierten sie in der Ostschweiz, während Händler die Stoffe in jene Länder exportierten. „Das ist ein Spiegel zur heutigen globalisierten Welt“, meint Peter Fux. „Früher arbeiteten Heim- und Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter in der Umgebung St. Gallens oft unter prekären Bedingungen, heute sind es Arbeitende in Billigstlohnländern. Lokales und Globales sind stets verknüpft.“
Kritischer Blick und Reflektion im Heute
Die Ausstellung räumt auch mit vereinfachenden Vorstellungen von Kolonialismus auf. Sie vermittelt, wie Denkmuster wie Rassismus, ein eurozentrischer Blick oder Orientalismus die Sammlung prägten, ohne jedoch die Objekte auf diese Perspektive zu reduzieren. Neben den Ausstellungstexten beleuchten spezielle Infotafeln historische Zusammenhänge kritisch und kontextualisieren etwa die Präsentation von Menschen an Weltausstellungen. Zusätzlich stehen drei thematische Rundgänge zu Kolonialismus, Globalisierung und neuen Forschungsergebnissen zur Verfügung und ermöglichen es den Besucher*innen, gezielt einem Schwerpunkt zu folgen.
Die Ausstellung blickt nicht nur in die Vergangenheit, sondern reflektiert auch die Gegenwart: Neben der Entstehungsgeschichte zeigt sie, wie die Sammlungen heute betreut und erforscht werden und welche Verantwortung Museen in der Auseinandersetzung mit globalen und historischen Kontexten tragen. „Die Sammlung ist ein Spiegel einer Epoche und Ausgangspunkt für neue Perspektiven und Diskussionen über Kultur, Geschichte und Verantwortung“, so Monika Mähr.
bis 05.07.2026
Kulturmuseum St.Gallen
Museumstrasse 50
CH-9000 St.Gallen
Fotos © zvg Kulturmuseum SG