Frage: Schaffen wir das wirklich mit der Integration der Flüchtlinge? Antwort: Je mehr Menschen seitens der so genannten Mehrheitsgesellschaft ein Interesse daran haben, desto größer die Chancen. akzent bringt Beispiele, hier und in den folgenden Ausgaben.

Abiodon Omotosho, 21 Jahre aus Nigeria:

Integration ist selten ein Spaziergang und für Abiodon Omotosho schon gar nicht. Sein Ehrgeiz, Deutsch zu lernen und es hier „zu schaffen“, bekommt immer wieder Dämpfer. Allein die Sache mit dem Lernen gestaltet sich als überaus schwierig. Mit drei Mitbewohnern teilt er sich ein Mini-Zimmer in einer Konstanzer Gemeinschaftsunterkunft. Zwei Stockbetten, ein kleiner Tisch, ein Stuhl, das war’s mit der Möblierung. Immer Betrieb um einen herum. Wie soll man da in Ruhe für das Sprachlevel B2 lernen können? 320 Euro kassiert der Landkreis übrigens monatlich von einem Bettinhaber mit Vollzeitjob. Abiodon aus Nigeria, 21 Jahre alt und seit knapp zwei Jahren in Konstanz, arbeitet nicht Vollzeit. Elf Monate lang hatte er auf Vermittlung einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin bei Save Me Konstanz einen Minijob als Küchenhilfe in einem Restaurant.

Aber Abiodon ist jung, er möchte sich eine Zukunft schaffen.

Das sah auch seine Save Me-Betreuerin so und knüpfte den Kontakt zu einer Spenglerei in Dettingen. Abiodon hat jetzt dort ein sechsmonatiges Praktikum begonnen, danach steigt er ein in eine dreijährige Ausbildung zum Spengler. Etwas ganz anderes als sein alter Traum, einmal groß als Fußballer herauszukommen. Aber Abiodon ist froh, diese Möglichkeit zu haben. Allerdings sorgt er sich schon jetzt, wie das werden soll, wenn er für die Berufsschule lernen und Berichte schreiben muss. Sein größter Wunsch ist daher, die Gemeinschaftsunterkunft verlassen zu können.

Shadi Makhoul aus Syrien, 40 Jahre alt:

Er kommt aus der Stadt Homs – einst Hochburg der syrischen Rebellen -, in der heute kaum ein Stein mehr auf dem anderen ist: Die einst lebendige syrische Großstadt ist völlig zerstört. Shadi Makhoul hatte dort zwei Jahre lang an der Uni die juristische Fakultät besucht, dann aber ein Restaurant mit Catering eröffnet. Vor allem bei der Organisation von Hochzeiten war er gefragt, eine Art syrischer Wedding Planner. Als es keinen Sinn mehr machte, in Homs zu bleiben, floh er. Anfang Oktober 2015 kam Shadi Makhoul mit der großen Flüchtlingswelle über die Balkanroute nach Deutschland. Sein Pech, dass damals alles drunter und drüber ging. Er wurde von Unterkunft zu Unterkunft befördert, an so etwas wie einen geordneten Deutschunterricht war überhaupt nicht zu denken. „Ich habe mit Internet etwas Deutsch gelernt“, sagt er. Nach sieben Monaten kam er nach Daisendorf, ein kleiner Ort bei Meersburg mit einem „Flüchtlingshelfer-Komitee“. Für Shadi Makhoul endlich die Chance, mithilfe von Ehrenamtlichen in die Sprache seines Gastlandes einzusteigen. Und: Sein Betreuer vermittelte ihm vor Ort einen Minijob in einer Gaststätte. Ein Gewinn auch für den Gastronomen, denn Shadi Makhoul bereichert die Karte mit syrischen Gerichten. Im September wird der 40-Jährige dort eine Lehre als Koch beginnen. Da er nachweislich Abitur hat, kann er vielleicht mit einer verkürzten Lehrzeit rechnen. Derweil besucht er täglich Deutschkurse in Friedrichshafen.

Sein Traum? Ein syrisches Restaurant, vielleicht zusammen mit seinem Chef in Konstanz.

Abdou Ndures aus Gambia, 20 Jahre alt:

Abdou Ndures Heimat ist Gambia, dieses Miniland in Westafrika. Im Sommer 2015 kam er über Libyen und das Mittelmeer nach Deutschland – und landete in einer Flüchtlingsunterkunft in Mengen. Da Gambier eine eher schlechte Bleibeperspektive haben, gab es nur wenige Integrationsangebote. Ein dreimonatiger Deutschkurs, das wars. Eine Frau im Mengener Asylkreis bot sich als Sprachpatin an und, fast noch wichtiger, sie half dem 20-jährigen bei der Suche nach beruflichen Perspektiven. Der erste Schritt: Er leistet ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Fidelisschule in Sigmaringen ab, einer Schule „für Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf im Bereich der geistigen Fähigkeiten“. Abdou betreut dort seit September letzten Jahres sechs- bis siebenjährige Kinder, begleitet sie durch den Tag, gibt Hilfestellungen. Wenn er von den Kindern erzählt, strahlt der junge Mann.

„Ich habe viel Spaß mit den Kindern. Die Arbeit macht mir große Freude.“

Ganz nebenbei verbesserten die Kinder auch sein Deutsch – oder sein Schwäbisch, wie Abdou lachend ergänzt. Eigentlich würde er am liebsten eine Ausbildung zum Erzieher machen, aber da fehlen ihm die Grundlagen. Darum wird er sich nach Beendigung seines Freiwilligenjahres zum Altenpflegehelfer ausbilden lassen. Eine Option, die ihm gefällt: Hauptsache, mit Menschen arbeiten. Hier, in Deutschland. Die Angst vor der Abschiebung sitzt ihm, wie er sagt, ständig im Nacken.

Wahid Nabizadeh aus Teheran, 27 Jahre:

„Integration funktioniert nicht ohne Hilfe und braucht Zeit.“

Wahid Nabizadeh weiß, wovon er spricht. Ohne die Unterstützung durch eine Orsingerin, die er durch den Stockacher Helferkreis für Flüchtlinge kennengelernt hat, würde er vielleicht noch heute an seinem Schicksal verzweifeln, das ihn aus einem schönen Leben im Iran in eine streckenweise traumatische Flucht katapultiert hat. Der 27-Jährige stammt zwar aus Afghanistan, ist aber in Teheran aufgewachsen, hat dort Politikwissenschaften studiert und als DJ bei (im Iran verbotenen) Riesenpartys jahrelang Musik aufgelegt. Bis zu der Nacht, als die Polizei plötzlich auftauchte … An das, was folgte, erinnert sich Wahid nur sehr ungern.

Im Januar 2015 kam er nach Deutschland und landete nach einer Odyssee durch diverse Aufnahmelager in Baden-Württemberg im Sommer desselben Jahres in Stockach. Die Helferin aus Orsingen holte ihn dort aus einer, wie er sagt, tiefen Depression. Seit nunmehr einem Jahr besucht er regelmäßig Sprachkurse in Überlingen und Singen, spricht ausgezeichnet Deutsch. Nicht genug, um das Studium fortzusetzen, meint er. Im September 2016 hat er in Orsingen bei einem großen Weinimporteur eine Lehre als Fachkraft für Lagerlogistik angefangen. Wahid sagt: „Ich liebe diese Arbeit. Die Kollegen sind sehr nett.“ Zweimal in der Woche fährt er nach Konstanz zur Berufsschule. Manchmal legt er auch wieder Musik auf, denn Musik ist sein Leben.

Irgendwann, nach der Ausbildung, möchte er arbeiten und nebenher weiter studieren, denn „man muss ein Ziel haben“. Aber vor allem möchte Wahid Nabizadeh „einfach nur leben“.

Mohib Faizi, aus Afghanistan, 18 Jahre

Mohib Faizi kam im September 2015 als „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ aus dem Norden Afghanistans nach Ravensburg. Der jetzt 18-jährige hatte das große Glück, schon wenige Wochen nach seiner Ankunft bei engagierten Gasteltern einziehen zu können.

Noch im Herbst 2015 Jahres wurde Mohib in eine VABO-Klasse des Ravensburger Berufsbildungswerkes aufgenommen: eine Vorqualifizierung für Arbeit und Beruf für Schüler ohne Deutschkenntnisse. Nach einem Jahr bestand der junge Mann – usbekisch ist seine Muttersprache – den Sprachtest auf Niveau A2. Als zukunftsträchtig erwies sich eine Begegnung während einer Veranstaltung des integrativen Ravensburger Kochprojekts „Mir“: Afghanisch kochen für Gäste, diesmal Mitarbeiter eines örtlichen Heizungs- und Sanitärbetriebs. Am Ende des Abends hatte Mohib das Angebot für ein Praktikum in der Tasche. Die Arbeit und das Unternehmen gefielen ihm so gut, dass er auch während der Ferien dort jobbte – und blieb.

Inzwischen absolviert er im Sanitärbetrieb eine einjährige Einstiegsqualifikation, eine Art zusätzliches Lehrjahr zu den üblichen dreieinhalb Jahren Ausbildung zum Anlagenmechatroniker. Zweimal in der Woche geht Mohib abends zum Deutschkurs. „Ich bin sehr froh, dass ich hier in die Schule gehen darf“, sagt er. „Und dass ich hier in Sicherheit bin.“ In seinem Heimatort hätten die Taliban verboten, englisch zu lernen. Und wenn er morgens in die Stadt zur Schule gefahren sei, habe er nie gewusst, ob er wieder zurück komme, beziehungsweise, ob bei seiner Rückkehr noch alles beim Alten sei.


Khalid Hussein, aus Eritrea

Unter normalen Umständen hätte Khalid Hussein in seinem Heimatland Eritrea wohl Karriere gemacht. Vielleicht als Ingenieur, Arzt, oder in der Verwaltung. Aber er wollte kein Militärsklave sein, floh mit knapp 18 Jahren ins Nachbarland Sudan, als ihm die Häscher schon auf den Fersen waren. Zwölf Jahre hatte er die Schule besucht — und jetzt musste er sich in Khartoum als Friseur über Wasser halten. Zwei Jahre lang, dann wollte ihn die dortige Polizei nach Eritrea zurückschicken.

Er floh erneut …

… durch die Wüste nach Libyen, dann übers Mittelmeer nach Italien. Seit Mitte 2014 lebt er in Konstanz. „Wir hatten in unserer Unterkunft in der Luisenstraße gleich mehrere Stunden in der Woche Deutschunterricht bei Ehrenamtlichen“, erzählt er. Im September 2014 wurde Khalid in die so genannte VABO-Klasse (Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen) in der Zeppelin-Gewerbeschule aufgenommen. Eines der vorgeschriebenen Praktika absolvierte er bei Siemens in Konstanz. Dort gefiel es ihm „gleich sehr gut“ und daher freute sich der junge Eritreer, als seine Klassenlehrerin ihm eröffnete, er könne sich nach Erwerb des Hauptschulabschlusses bei dem Unternehmen als Mechatroniker bewerben. Den Abschluss schaffte er locker, mit einem Notendurchschnitt von 1,3. Die Lehre hat er im September begonnen. Ganz einfach sei das nicht, sagt er, mit der Berufsschule. Etwas mehr Englisch als Unterrichtssprache fände er gut, darin ist er fit. Kahild hat klare Pläne: „Nach der Ausbildung ein paar Jahre arbeiten und Geld verdienen, dann studieren, eventuell im dualen Studium.“ Er weiß aber auch: „Um etwas zu erreichen, braucht man Geduld.“


Wael Haffar, aus Syrien

Wael Haffar kam vor elf Monaten aus seiner Heimatstadt Damaskus, einer im großen Flüchtlingsstrom. Mit dem Flieger von Syrien in den Libanon, von dort in die Türkei. Per Boot nach Griechenland. Dann über die Balkanroute, manchmal per Bus, viel zu Fuß. Erste Station in Deutschland war die Erstaufnahmeeinrichtung in Karlsruhe, die nächste: Mannheim. „Dort hatte ich gleich große Lust, mit Deutschen zu sprechen, aber es gab keine Deutschkurse“, erzählt der 32-Jährige. Per Internet unternahm er erste Schritte in die fremde Sprache. Nächster Aufenthaltsort wurde Konstanz, die Flüchtlingsunterkunft in der Luisenstraße.

Ungewöhnlich schnell konnte er trotz bürokratischer Hürden bei Inlingua einen Sprachkurs belegen — und mit Niveau B1 abschließen. Wael Haffar ist ein sehr freundlicher, höflicher junger Mann, der genau weiß, was er will. In Damaskus hat er Elektroingenieurswesen studiert, danach fünf Jahre als Buchhalter an einer Privatuni gearbeitet. In Konstanz streckte er gleich seine Fühler aus, um schnell eine Beschäftigung zu finden. Und stieß auch bald auf die richtigen Kontakte. Im Sommer machte Wael Haffar ein dreimonatiges Praktikum bei einem bekannten Konstanzer Steuerberater und wurde gleich anschließend als Auszubildender zum Steuerfachangestellten übernommen. Auch, wenn er in Syrien schon erheblich weiter war: Wael Haffar ist überaus dankbar für die Chance. Inzwischen konnte er in eine WG umziehen. Nur: Seine Eltern, Geschwister, sein Kind leben in Damaskus. „Ich fühle mich oft sehr einsam“, sagt er traurig. Und dass er so gerne deutsche Freunde hätte.