Nicht, dass die Erkenntnis grad brandneu wäre – der olle Lessing hat schon vor fast 250 Jahren bei „Emilia Galotti“ damit gehadert. In der Tat bleibt es ein „bürgerliches Trauerspiel“.

Neu zu interpretieren wäre daran höchstens, dass „Brot“ heute überdies – vor allem in Form von Getreide an der Börse gehandelt – sogar selbst zu Spekulation verkommen ist. Dass Kunst nicht mehr nur im persönlichen Wert taxiert wird, sondern sich hin zur rein monetären Wertanlage entwickelt, wird zunehmend von Galerien beklagt. Auch wenn sie sich selbst als eher unglückliche Protagonisten in diesem bürgerlichen Trauerspiel wahrnehmen, haben Galeristen doch auch einen guten Anteil an dieser fatalen Entwicklung hin zum Kunst-„Markt“. Ganz wie in einer guten Tragödie eben: Keiner wollt‘s und trotzdem hat‘s den Helden arg erwischt!

Der künstlerische Wert verringert sich in dem Maße, wie der monetäre Wert steigt! Und die Degradierung von Kunst zum reinen Anlageobjekt beschleunigt sich in dem Maße weiter, wie Geldanlagen auf dem Sparkonto mittlerweile gar Gebühren verursachen.

Hach, das waren noch Zeiten, als kunstbegeisterte oder zumindest kunstinteressierte Menschen in die Galerien gingen und sich von den Werken dort persönlich berühren ließen, sich mit Künstler und Schaffensprozess intensiv auseinandersetzten und vermittels Zahlung eines angemessen scheinenden Sümmchens letztlich „dessen Werk“ zu „ihrem Werk“ machten. Übrigens ging es damals auch darum, dass der Künstler durchaus von „seinem Werk“ leben können sollte. Heute flaniert die gut betuchte Mittelklasse in Galerien und auf Kunstmessen und nervt mit einer einzigen Frage: „Was ist das da denn in zehn Jahren wert?“

Kluge Menschen wissen indes, dass alles sowieso nur den Wert hat, den irgendwer in der Welt bereit ist, dafür auch zu zahlen. Gilt bei Kunst wie bei Oldtimern und übrigens auch bei „werthaltigen Immobilien“. Sollte also irgendwann kein spekulations- und anlagegetriebener Versicherungskonzern Picassos in hunderten Millionen mehr aufwiegen wollen oder eben können, ist „das da“ halt einfach nur noch die Hälfte „wert“. Übrigens: Die meisten lebenden Künstler profitieren kaum vom entkoppelten, gar entfesselten Kunstmarkt. Ohnehin können nur zwei bis drei Prozent von ihrer Kunst leben. Trotzdem sollen die meisten Künstler übrigens was „übrig haben“ für gutes Brot …

Markus Hotz

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