1857 sollte die eigens eingerichtete deutschpreußische Kriegsflotte vom deutschen Ufer aus gegen die Schweiz vorrücken. Schon damals eine sinnfreie Idee, die mit ebenso viel nationalem Getöse wieder unterging. Heute indes rüstet die Schweizer Schifffahrt verbal auf, um die deutschen Häfen im Shit-Sturm zu erobern.

Dabei hätten sich die Eidgenossen zum Ende des Zweiten Krieges die missliebigen Konkurrenten der deutschen Bodensee-Schifffahrt elegant vom Hals schaffen können. Mutigen deutschen Bundesbahn-Kapitänen war es seinerzeit unter Androhung der Todesstrafe zu verdanken, dass die „deutsche Bodensee-Reichskriegsflotte“ – olle umdekorierte Touristenkähne auch aus Österreich – nicht versenkt wurden, wie die verblendeten Endzeit-Nazis es gerne gesehen hätten, sondern heimlich in die Schweizer Häfen verbracht wurden. Natürlich in Abstimmung mit den Schweizer Kollegen.

Auch in Kri(eg)senzeiten hat also die grenzübergreifende Flottenkameradschaft funktioniert. Überhaupt ist die Zusammenarbeit der vier verschiedenen Groß-Flottillen am See – der deutschen Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB), der Vorarlberg Lines Bodenseeschifffahrt (VLB), der Schweizer Schifffahrt AG (SBS) und der Schweizerischen Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein AG (URh) – bislang geprägt vom gemütlichen Miteinander unter der Flagge der VSU (Die Vereinigten Schifffahrtsunternehmen für den Bodensee und Rhein).

Innerhalb der internationalen Schiffsvereinigung gibt es seit nunmehr 170 Jahren eine Abstimmung zu einem gemeinsamen Fahrplan sowie zu einem gemeinsamen Tarif, ein Fahrplanbuch, die gegenseitige Anerkennung von Fahrausweisen, eine gemeinsame SaisonCard und sogar Gemeinschaftsstrecken. Um das alles zu fördern, gibt es einen Gemeinschafts-Topf, der mit Umlagen für Ausgleich sorgt.

Doch seit die Schifffahrtslinien von den staatlichen Bundesbahntöchtern zu stattlichen Privatbetrieben umgewandelt wurden, wächst auch der Konkurrenzgedanke, denn letztlich ist jedes Unternehmen für seinen eigenen wirtschaftlichen Kurs verantwortlich. In der Schweiz geht man darum auf Konfrontationskurs: Man möchte gerne die Verbindungen freier gestalten und aus dem jahrzehntelang geschnürten Korsett streckenweise aussteigen. Verständlich: ist es doch lukrativer, die touristischen Hotspots anzusteuern, als das Schweizer Ufer auf und ab zu fahren. Von bald 4,0 Millionen Gästen auf allen VSU-Linien entfallen auf die deutsche BSB mit 2,2 Millionen über die Hälfte; auf die Schweizer und österreichische Obersee-Schifffahrt je 580.000 Gäste; der Rest geht rheinabwärts.

Auch ist das Schweizer Ufer das touristisch am schwersten zu vermarktende mit den wenigsten Übernachtungen – notgedrungen muss sich so die SBS mit ihren Angeboten eher an naherholungssuchende eidgenössische Tagesgäste halten. Wenn also ein Partner „nichts mehr zu verlieren hat“, kann er nur gewinnen. Man gewinnt allerdings beim stark regulierten Schiffsverkehr am See und auch bei den aktuellen Bestrebungen, diesen aufweichen zu wollen, bisweilen den Eindruck, dass man das Wichtigste am Horizont aus den Augen verliert: den Gast der Weißen Flotte. Der wäre nämlich noch lieber an Bord einer weisen Flotte …

Markus Hotz

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