D – Radolfzell | An einem Wochenende im September 2015 gibt Europas größter Autobauer zu, die Abgasreinigung bei Millionen Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben. Der VW-Skandal ist in der Welt. „Umweltgesetze werden vorsätzlich gebrochen“, sagt dazu Jürgen Resch, Rebell und Umweltschützer sowie Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) mit Sitz in Radolfzell.

„Unsere letzte Diesel-Kampagne, ‚Dieselabgase töten‘, in der wir auf zu hohe Abgaswerte vieler Automodelle im Alltagsbetrieb hingewiesen hatten, war gerade ein paar Tage alt, als die Bombe platzte“, erinnert er sich. Bärbel Höhn, die grüne Umweltpolitikerin, gratulierte Resch damals mit den Worten: „Ihr habt uns jahrelang damit genervt – und jetzt stellt sich das alles als wahr heraus.“ Die Abgasmanipulation war in den USA aufgeflogen. Anfang Dezember 2017 gab es ein Urteil: Der langjährige Volkswagen-Manager Oliver Schmidt muss wegen seiner Rolle in der Diesel-Affäre für sieben Jahre ins amerikanische Gefängnis, außerdem erwarten den Deutschen hohe Geldstrafen. „Das ist eine klare Botschaft, was mit Betrügern passiert“, sagt Resch. Allerdings würde ihn interessieren, wie Martin Winterkorn so tun könne, als hätte er nichts gewusst und seine Mitarbeiter den Skandal ausbaden lassen.

„Damals haben wir dem Diesel geholfen“

Resch hatte bereits vor zwei Jahren betont, der Skandal sei nicht VW-Gate, sondern Diesel-Gate von namhaften Herstellern. Er sollte Recht behalten. Drei Tage nach dem Urteil geriet nun als Letztes auch BMW mitten hinein in die schmutzige Affäre. „Die letzten zwei Jahre waren ein absoluter Ausnahmezustand und die Behörden trifft eine gehörige Mitschuld an allem, was passiert ist. Es geht hier um organisierte Kriminalität“, urteilt Resch. Die DUH hat sich mithilfe von Abgas-Messgeräten und Gerichtsprozessen an die Spitze derer gestellt, die für saubere Luft in Städten und realistische Angaben zu Spritverbrauch und Abgaswerten kämpfen. Ihre Gegner sehen sie in den Chefetagen der Autokonzerne – aber auch im Bundeskanzleramt. Jürgen Resch gilt dabei als der schärfste, massivste Gegner des Diesels. „Bin ich Dieselgegner?“ fragt er. „Nein, ich bin ein Freund von sauberer Luft.“ Seit 30 Jahren kämpfe er um saubere Luft. „Wer erinnert sich heute noch an den sauren Regen? An das Waldsterben? Ich bin stolz wie Bolle, dass wir vor 19 Jahren eine erfolgreiche Kampagne für schwefelfreies Benzin und Heizöl gestartet, und dafür gesorgt haben, dass durch die 14 Jahre früher als geplante Einführung schwefelfreier Kraftstoffe Millionen Tonnen giftiger Schwefeldioxide der Umwelt und den Wäldern erspart blieben. Damit haben wir der Diesel-Technik sogar geholfen. Schwefelfreier Dieselkraftstoff sollte der Autoindustrie ermöglichen, Partikelfilter und NOx-Katalysatoren zur ehrlichen Einhaltung der damaligen Abgasnorm Euro 4 einzuführen.“ Aber die Autokonzerne verweigerten beides, daher startete die DUH 2002 die Kampagne „Kein Diesel ohne Filter“. Gegen den erbitterten Widerstand der Autokonzerne aber mit Unterstützung von Umweltminister Jürgen Trittin und am Ende sogar von Kanzler Gerhard Schröder wurde der Partikelfilter 2004 verbindlich für zukünftige Neufahrzeuge umgesetzt. Aber die Industrie hat daraus nicht gelernt und beim NOx-Katalysator seit über zehn Jahren immer dreister getäuscht, bis die realen Abgasemissionen des Dieselabgasgiftes auf der Straße im Durchschnitt sieben Mal höher waren als im Labor erlaubt. Resch spricht klare Worte, redet beim Dieselskandal von Betrug, Kartell, organisierter Kriminalität.

Es wird im großen Stil betrogen

Der Diesel stehe deshalb besonders im Kreuzfeuer, weil seine Abgase, so Resch, zu jährlich knapp 13.000 vorzeitigen Todesfällen führen – vier Mal so viel wie durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen. „Wir haben viele Jahre für saubereren Diesel gekämpft – es wäre technisch möglich. Während die Grenzwerte in den vergangenen 25 Jahren um 93% abgesenkt wurden gingen die tatsächlichen Emissionen bis Euro 5 Diesel-Pkw sogar nach oben. Daraus haben wir den Schluss gezogen: Jetzt reicht es. Dieselabgase töten! Die Automobilindustrie hat jegliche Glaubwürdigkeit bei der Dieseltechnik verspielt, deshalb gebe ich ihr keine Zukunft – Der Diesel ist mausetot! Wir machen nichts anderes, als um die Einhaltung – viel zu lascher – Gesetze zu kämpfen“, betont Resch. Ein Rechtsverständnis sei in Deutschland leider nicht mehr vorhanden: „Recht gilt für alle. Bei den Bürgern und Kleinbetrieben ist man sehr präzise in der Durchsetzung von Recht und Gesetz. Der Falschparker bekommt sein Knöllchen und muss zahlen. Wenn aber Großbetriebe insbesondere der Automobilwirtschaft vorsätzlich und massiv gegen Recht und Gesetz verstoßen, verzichtet der Staat selbst auf die im Gesetz vorgeschriebenen Strafzahlungen. Dies ist ein Angriff auf unsere Demokratie. Ich bin froh, dass ein Teil der Medien noch ausreichend unabhängig ist und unser Rechts- und Gerichtswesen intakt ist. Auf Regierungen und Behörden können wir leider nicht mehr zählen, wenn Wirtschaftsinteressen großer Konzerne berührt sind.

Die höchsten Abgaswerte ausgerechnet bei Euro 6 Diesel Pkw

Um die Milliarden-Strafen abzuwenden, machten Politik und Wirtschaft Werbung für den neuen Diesel Euro 6. Dabei sind viele Euro 6 Diesel schmutziger als Diesel-Pkw aus dem Jahr 1993, als Euro 1 eingeführt wurde. Der Umwelt- und Abgasexperte Dr. Axel Friedrich testet für die DUH. Er ist der wissenschaftliche Leiter des Emissions-Kontroll-Instituts (EKI) der DUH. Auch er kämpft für mehr Transparenz bei den Abgaswerten. Er testete nicht auf dem Prüfstand, sondern im Straßenverkehr. Das Ergebnis: Die meisten Euro 6-Diesel sind wieder nur auf dem Papier sauber. „Wir haben mehr als 60 Fahrzeuge nach Euro 6-Norm auf der Straße gemessen. Und nur sechs oder sieben Fahrzeuge halten die Grenzwerte auf der Straße ein. Alle anderen überschreiten diesen Grenzwert – zum Teil extrem“, berichtet er. Sechs Diesel-Fahrzeuge mit der neusten Schadstoffklasse überschreiten den Grenzwert sogar um mehr als das Zehnfache. „Euro 6 existiert praktisch auf der Straße nicht – nur im Labor sind die Fahrzeuge sauber.“

Die Schutzheilige der Automobilindustrie

Auf die Frage ob ihn das alles nicht sehr wütend mache sagt Resch: „Ich bin nicht wütend sondern konzentriert. Und auch Frau Merkel muss nicht erklären, sie sei über die Autoindustrie „verärgert“. Ich erwarte von ihr, dass sie unabhängig von ihrer Gemütslage einfach konsequent das Gesetz durchsetzt. Wenn Merkel sagt ‚ich bin sauer auf die Automobilindustrie‘, weiß ich, dabei bleibt es nun. Die Bürger sind ob der Schelte beeindruckt aber es passiert nichts. Die Bundeskanzlerin führt sich auf, wie die Schutzheilige der Automobilindustrie. Aber was hier passiert ist ein kriminelles Verhalten, von dem Millionen Menschen finanziell und in ihrer Gesundheit geschädigt werden. Und da reicht sauer sein einfach nicht. Für große Konzerne gelten in Deutschland andere Gesetze. Das kann nicht sein.“

Zwangshaft für die bayerische Staatsregierung?

Auch der jüngste Diesel-Gipfel Ende November hat nach Reschs Ansicht keine Maßnahmen gebracht, die kurzfristig für sauberere Luft in deutschen Städten sorgen könnten. Die Gerichte könnten nun gar nicht anders, als Fahrverbote zu verhängen. Daran sei auch die Kanzlerin schuld. „Deshalb halten wir den Widerstand aufrecht. Wir kämpfen dafür, dass diese Fahrzeuge, die verkauft wurden mit dem Versprechen, sauber und klimafreundlich zu sein, auf Kosten der Hersteller nachgerüstet werden und damit die Grenzwerte einhalten und von den Fahrverboten befreit werden.“ In München hat die DUH bereits einen einklagbaren Titel für die Münchner Bürger auf „saubere Luft“. Doch die bayerische Staatsregierung verweigert die gerichtlich angeordnete Vorbereitung von Fahrverboten. Zuletzt hat sie sogar ein gegen sie verfügtes Zwangsgeld bezahlt, die damit verbundene Einleitung einer Öffentlichkeitsbeteiligung zur Vorbereitung der Fahrverbote aber verweigert. So musste die DUH nun einen verschärften Antrag auf erhöhtes Zwangsgeld oder Zwangshaft beim Bayerischen Verwaltungsgericht stellen. Ende Januar hat das Gericht die Bayerische Staatsregierung nun vorgeladen. Der Vorwurf: Die Verantwortlichen weigerten sich, ein Konzept für Diesel-Fahrverbote für München auszuarbeiten. Im Januar beginnt der Prozess – die bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf muss bis dahin nachweisen, dass die Öffentlichkeitsbeteiligung nun eingeleitet ist. „Wir finden es erstaunlich, dass diejenigen, die für unsere Gesundheit verantwortlich sind, so widerwillig sind, die nötigen Maßnahmen einzuleiten, um uns schützen. Saubere Luft ist keine politische Frage – es geht um die Gesundheit der Menschen.“

Rebellische Stimme für die Natur

Um zu verstehen, was diesen Mann antreibt, stets weiter für eine saubere Umwelt zu kämpfen, muss man weit ausholen. Seit seinem zweiten Lebensjahr ist Jürgen Resch in der Region beheimatet und verwurzelt, und er gedenke auch hier zu bleiben, sagt er. Er habe sich entschieden, seine, und die Bedürfnisse seiner Familie, über den Job zu stellen. Resch lebt seit mehr als 30 Jahren in einem Bauernhaus in einem hübschen kleinen Dorf im Hinterland des Bodensees, mit Bauern und Handwerkern als Nachbarn. Vom Gartentisch aus schaut er auf einen Froschtümpel. Als junger Schüler in Singen half er unterernährten Igeln beim Überwintern, und päppelte aus dem Nest gefallene Jungvögel auf. „Ich habe mir extra den linken Daumennagel im Frühjahr länger wachsen lassen um den Jungvögeln schnell den Schnabel zu öffnen und sie füttern zu können“, erinnert er sich zurück. Im Schuhkarton nahm er sie in die Schule mit, und fütterte sie während der fünf Minuten Pause zwischen den Schulstunden. „Einen langen Schulvormittag hätten die Tiere nicht ohne Futter ausgehalten.“ Mit 14 Jahren engagierte er sich im Umweltschutz. Er führte Naturschutz-Pflegemaßnahmen im Eriskircher Ried und anderen Naturreservaten durch und war erschrocken, wie innerhalb weniger Jahre viele artenreiche Streuwiesen und Niedermoore zerstört wurden. Er entwickelte sich zur rebellischen Stimme für Natur und Tiere. Schrieb Leserbriefe, organisierte Demonstrationen. Mit 15 hatte er seinen ersten Vorstandposten in der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Bodensee. Wurde politisch, stellte kritische Fragen.

Resch saß auf Bäumen

Damals schon begriff er, dass man Recht auch gegen Verwaltungen durchsetzen kann, war daran beteiligt, die Unterschutzstellung von Naturschutzgebieten rasant zu beschleunigen. „Wir verhinderten damals, dass Dornier sich uferparallel ausdehnt. Das war ein unmittelbarer Erfolg. Wir haben auch Straßen verhindert“, zählt er auf. Resch war bereits mit 18 Jahren „Naturschutzwart“ des Bodenseekreises. Gegen den Baubürgermeister von Friedrichshafen verschlug es ihn schon einmal auf einen von der Fällung bedrohten Baum. So stoppte er erfolgreich den Bau eines illegalen Uferweges in Friedrichshafen. Zivildienst machte er bei der Umweltschutzorganisation BUND. Den Vogelkundler und Naturschützer Gerhard Thielcke, der BUND und die Umwelthilfe mitgegründet hat und 2007 starb, nennt er „meinen wichtigsten Lehrer, mein persönliches Vorbild, meinen wertvollen Freund“. Thielckes Leitspruch habe er sich zu Eigen gemacht: „Prüfe alles, was du machst daraufhin, was für die Umwelt konkret dabei herauskommt.“

Vom Bodensee aus Druck erzeugen

Im Frühjahr 1982 wurde Resch auf ein Vogelsterben durch das Pflanzenschutzmittel Endrin aufmerksam. Über alle zur Verfügung stehenden Medien startete er eine Kampagne zur Aufklärung und entdeckte ein im Verborgenen seit vielen Jahren immer wiederkehrendes Massensterben durch ein gegen Mäuse eingesetztes Pestizid, das unglaublich giftig war – auch für uns Menschen. Innerhalb von vier Monaten gelang es mit einer nunmehr national ausstrahlenden Kampagne unter starker Einbeziehung der Öffentlichkeit, dieses tödliche Gift generell zu verbieten und über Deutschland hinaus weltweit zu ächten. Dies zeigte ihnen, dass sie vom Bodensee aus mit Informationen und Fakten und einer dichten Pressearbeit großen Druck erzeugen und etwas bewirken konnten. Sie richteten beim BUND eine Kampagnen-Abteilung ein. Parallel arbeitete er in der europäischen Kommission, wirkte in Brüssel an der Verfassung von Gesetzen mit, studierte Verwaltungswissenschaften, machte aber keinen Abschluss, weil er 1986 bei der DUH anfing.

Bodenseeregion spielt Pionierrolle

„Es gab viele Themen, die ich am Bodensee ausprobieren durfte, die für bundespolitische Themen Bedeutung erlangten. Es war manchmal relativ leicht zu überzeugen, aus einer der wunderbarsten Regionen Europas heraus, in der mit relativ hoher Übereinstimmung und undogmatisch Natur und Wirtschaft funktionieren und ein Landschaftspotenzial geschaffen wurde. Unsere Bodenseeregion nimmt eine echte Pionierrolle ein“, freut sich der 57-Jährige und beschreibt die Arbeit der DUH: „Wir nehmen uns ein Thema vor, bei dem wir Regelungsbedarf sehen, wir bleiben dabei und gehen in die Tiefe. Wir kontrollieren die Einhaltung umweltbezogener Verbraucherschutzvorschriften und scheuen uns nicht, notfalls Verstöße vor Gericht und in die Öffentlichkeit zu bringen.“ Pestizide, schwefelfreier Kraftstoff, Umweltzonen, das Seennetzwerk „Living Lakes“, Rußpartikelfilter, Dosenpfand – der umweltpolitische Atem der DUH ist lang.

Die Bürger müssen aufstehen!

Selbst am Bodensee gebe es aber ein großes Problem mit der Luftbelastung. Die Elektrifizierung der Bodenseegürtelbahn von Friedrichshafen nach Radolfzell sei längst überfällig. „Das Südufer des Sees ist modern. Bei uns am Nordufer fährt eine 40 Jahre alte stinkende Dieselbahn, wie in alten Indianerfilmen. Es ist unwürdig für unsere Region, dass irgendwann im Jahr 2030 vielleicht die elektrifizierte Bodenseegürtelbahn Thema sein soll. Das muss so schnell wie möglich geschehen. Dafür müssen die Bürger aufstehen! Es kann nicht sein, dass am wichtigsten Wasserspeicher Europas Abgasstandards der 80er-Jahre gelten – nämlich gar keine.“

Der Kampf geht weiter – auch am Bodensee.

www.duh.de

Text: Susi Donner