Im Weihnachtsmonat Dezember werden viele Kirchen von Leuten besucht, die sonst eher einen Bogen um Kirchen machen. Aus diesem Anlass gibt es in diesem Monat hier drei weniger bekannte, aber sehenswerte Kirchen:

Gerade wer selten in eine Kirche geht, hat einen Vorteil: Es fallen oft mehr Details auf, als wenn man schon weiß, wie es drin aussieht. Aber auch hier gilt das Prinzip von Goethe bzw. den DuMont-Reiseführern: Man sieht nur, was man weiß. Und man versteht nur, was man „lesen“ kann. Analog zum Begriff „Landschaften lesen“ könnte man auch bei Sakralbauten von „Kirchen lesen“ sprechen. Dabei helfen die Kirchenführer, die es inzwischen für die meisten Kirchen gibt.

Heiliggeist-Kirche

Die vierte Kirche der Reichenau
Auf der Insel Reichenau besuchen alle kulturell interessierten Touristen die drei alten romanischen Kirchen, aber auch die vierte ist einen Besuch wert: Für die kleine, in der Nachkriegszeit auf mehrere hundert Seelen gewachsene evangelische Gemeinde sollte Anfang der 1960er-Jahre eine eigene Kirche gebaut werden. Mit dem Entwurf wurde der damals junge Architekt Herbert Kölsch (später Leiter des Stadtplanungsamts der Stadt Konstanz) beauftragt. Die Heiliggeist-Kirche wurde im Juli 1963 eingeweiht – und seit wenigen Wochen gibt es auch für sie einen Kirchenführer, verfasst von Holger Müller, dem früheren Pfarrer der Gemeinde (1996 – 2015). Die Kirche ist nicht nur viel jünger, sondern auch viel kleiner als die drei romanischen Kirchen, aber sie hat mit ihnen gemeinsam, dass der Architekt beim Entwurf mit Maßverhältnissen wie dem Goldenen Schnitt gearbeitet hat, was auch den mittelalterlichen Baumeistern wichtig war. Hier ist die Basis ein Sechseck, mit etwas längeren Seiten, das dem Bau eine gemeinschaftsfördernde Atmosphäre verleihen soll. Die farbigen Fenster wurden von dem Künstler Harry MacLean (1908 – 1994) gestaltet und sind auch einen längeren Blick wert.  

St. Kolumban

Die moderne Kirche in Bregenz
Die Vorarlberger Landeshauptstadt wird nicht durch eine große Kathedrale dominiert, aber sie hat mehrere Kirchen aus verschiedenen Jahrhunderten, von der Gallus-Kirche aus dem 15. Jahrhundert bis zu zwei aus der Nachkriegszeit. Die jüngste, die etwas abgelegene moderne Kirche St. Kolumban im Süden der Stadt, nahe der Bregenzer Ach, habe ich erst vor zwei Jahren entdeckt. Wie ein Pfeil ragt der filigrane Glockenturm zum Himmel, der mit deutlichem Abstand an der Straßenecke steht. Auch das Dach der fast quadratischen Kirche ist an zwei gegenüberliegenden Ecken, über dem Altar und dem Eingang, etwas hochgezogen und gibt der 1966 fertiggestellten Kirche etwas von der Leichtigkeit der 1950er-Jahre. Wie bei anderen katholischen Kirchen seit den 1960er-Jahren ist der Altarraum näher bei der Gemeinde, hier durch die von zwei Seiten her auf ihn ausgerichteten Bankreihen. An den Seitenwänden sind Betonglasfenster, die mit Rot- und Gelbtönen gestaltet sind.

Canisius-Kirche

Hinter dem Bahnhof in Friedrichshafen                    
Durch den Bombenangriff auf Friedrichshafen am 28. April 1944 wurde die Altstadt, der Bahnhof und benachbarte Stadtteile schwer getroffen, aber die Canisius-Kirche jenseits der Bahnlinien wurde nur wenig beschädigt. Sie war 1928 erbaut worden, weil die stark gewachsene Industriestadt eine zweite (katholische) Kirche brauchte. Auch wenn sie sich durch die Klinkerfassaden deutlich von den oft weißen Bauhaus-Bauten (z.B. dem Hafenbahnhof) unterscheidet, wird sie von den eher kubischen Bauformen her doch diesem Stil zugerechnet. Die Überraschung erleben die Besucher aber dann, wenn sie hineingehen: Die Ausmalung in Pastellfarben (Gelb-, Rot- und Blautöne) zeigt deutlich den Einfluss des Expressionismus auf den Kirchenbau der Zeit, der in der Region sonst nur in der Pfarrkirche von Baienfurt zu sehen ist. In der Canisiuskirche waren die Farben aber seit der Renovierung in den frühen 1970er-Jahren über 30 Jahre lang unter einer weißen Farbschicht verborgen, erst 1997 wurde der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt.

Seeraum-Tipp: 
Eine Ausstellung mit dem minimalistischen Titel „SBB CFF FFS“ im Museum für Gestaltung in Zürich zeigt den Markenauftritt der Schweizerischen Bundesbahnen und damit ein herausragendes Beispiel der Schweizer Designgeschichte, mit Originalobjekten, Plakaten, Fotos und einer Modelleisenbahn.

bis 05.01.| „SBB CFF FFS“ , Zürich, Museum für Gestaltung| www.museum-gestaltung.ch

Text + Bilder: Patrick Brauns