„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, heißt es in der Bibel.
Dabei hat mancher schon seine liebe Not, für sein täglich Brot zu sorgen. Auch hier, bei uns. Vesperkirchen bieten den Menschen Essen und – im Sinne des Bibelwortes – auch Gemeinschaft.

Kirchenvesper?

Nach dem Sonntagsgottesdienst gibt es in den meisten evangelischen Kirchen noch den „Kirchkaffee“. Dabei kann man bei einer Art zweitem Frühstück mit den Leuten ins Gespräch kommen, die man oft nur bei diesen Gelegenheiten sieht. Seit den 90er Jahren wird in vielen Kirchen, ebenfalls vor allem in evangelischen, in den Wintermonaten ein Mittags- oder Abendessen angeboten. Das in den Kirchen angebotene Essen könnte Kirchenessen heißen – oder im Bodenseeraum Kirchenvesper. Es hat sich aber dafür von Anfang an die Bezeichnung Vesperkirche eingebürgert. 

Das Vesper und die Vesper  

Vesper hat im Deutschen zwei Bedeutungen, zumindest im alemannischen Sprachraum. Hier ist es im weltlichen Sinn das, was die Bayern „Brotzeit“ nennen, die Schweizer „Zvieri“ und die Österreicher „Jause“: die kleine Zwischenmahlzeit am Nachmittag.     

Aus den Klöstern kennt man die über den Tag verteilten Stundengebete, von denen das dritte die Vesper ist. Wer bei einem der noch existierenden Klöster zur entsprechenden Zeit in die Klosterkirche geht, kann hören, wie die Spiritualität der Mönche klingt. Auf der Insel Reichenau besteht seit Juni 2004 in Niederzell die Cella St. Benedikt, die jeden Tag um 19.30 Uhr zu ihrer „Abendhore“ einlädt. Als Vesper werden auch die Abendgottesdienste und -andachten am Samstagabend bezeichnet. 

Die Vesperkirchen 

Die Geschichte der Vesperkirchen begann 1995 in der Stuttgarter Leonhardskirche, der zweitältesten Kirche der Altstadt. Die Initiative ging vom Diakoniepfarramt aus, und der „Erfolg“ zeigt, dass auch in der reichen Landeshauptstadt die Zeiten des „Wohlstands für alle“ (Ludwig Erhard) schon längst vorbei sind: Inzwischen kommen über 600 Personen pro Tag, und das ist nur ein kleiner Teil der Hilfsbedürftigen in der Stadt. 

Solche Vesperkirchen gibt es heute in über 40 Städten in Baden-Württemberg, darüber hinaus auch einige in Bayern, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Die Bodensee-Region ist auf der Liste mit Singen, dem Raum Ravensburg und Kressbronn vertreten, in der weiteren Umgebung noch Pfullendorf, Mengen und Villingen-Schwenningen. 

Lutherkirche Singen 

In der alten Industriestadt Singen wurde 2016 in der evangelischen Lutherkirche eine Vesperkirche eingerichtet. Sie bietet „mitten in der kalten Jahreszeit eine warme Stube, mitten in finanzieller Not eine gute Mahlzeit für wenig Geld, mitten im Alleinsein Begegnung am Tisch, mitten am Tag ein Wort auf den Weg (…) das ist Vesperkirche, gemeinsam an einem Tisch“. 

In der zweiten Januarwoche werden die Kirchenbänke aus der Kirche getragen und durch Tische ersetzt, an denen jeweils sechs bis acht Gäste Platz finden. Auf den Tischen liegen Tischdecken, darauf stehen Blumen, und die Gäste werden von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern bedient. Hier kommen aber nicht nur die Kunden des nahen Tafelladens, sondern auch Geschäftsleute (als „Solidaresser“) und solche, die einfach interessante Gesellschaft zum Essen haben wollen. Die Begegnungen bei dieser Mischung sind für alle bereichernd, und es ist für die Stadtgesellschaft eine kleine Möglichkeit, zusammenzuwachsen – ein Gemeinschaftsprojekt für die Stadt. Zum Essen gibt es einen kurzen geistlichen Impuls, jeden Tag von einem Vertreter einer anderen Konfession, oder von der Hausherrin selbst, der evangelischen Pfarrerin Andrea Fink-Fauser.
Weil auch die Vesperkirchen unter der Corona-Pandemie leiden, wird die Singener im Januar 2021 in reduzierter Form durchgeführt. Statt in der Lutherkirche wird an zwei Standorten eingeladen: bei der Singener Tafel am Heinrich-Weber-Platz (in der Nähe der Kirche) und im Siedlerheim in der Südstadt. Die Vesperkirche erklärt dazu: „Zwar werden wir die Begegnungen zwischen den vielfältigen Gruppen unserer Gesellschaft vermissen, aber trotzdem können wir so ein kleines Stück Vesperkirche auch in Corona-Zeiten leben!“ 
www.vesperkirche-singen.de 

Auf der württembergischen Seite des Bodensees gibt es die Vesperkirche in der Agglomeration Ravensburg – Weingarten, abwechselnd in einer der beiden Städte. Wegen der Corona-Pandemie wird sie im Winter 2021 von der Diakonie und den Einrichtungen der Johannes-Ziegler-Stiftung dezentral durchgeführt: Als „Vesperkirche unterwegs“ findet sie vom 17. bis 30. Januar im Gemeindehaus der Dreifaltigkeitskirche in Leutkirch statt, vom 31. Januar bis 13. Februar dann parallel in den Gemeindehäusern der Johanneskirche in der Ravensburger Weststadt und der Brüdergemeinde in Wilhelmsdorf. www.vesperkirche-weingarten.de 

Direkt am Bodensee gibt es nur in Kressbronn die „Ökumenische Vesperkirche am See“, die jeweils während einer Woche im Januar stattfindet. An sechs Tagen wird hier in der Unterkirche der katholischen Kirche zu einem symbolischen Preis ein Mittagessen ausgegeben, mit Kaffee und Kuchen – und einem geistlichen Impuls am Ende. 
www.vesperkirche-am-see.de    

von Patrick Brauns